Dagmar Berghoff, die von 1976 bis 1999 die "Tagesschau" präsentierte, wird am 25. Januar 75 Jahre alt. Wie lange sie noch zu leben hat, weiß sie angeblich schon.

Vielleicht liegt es an ihrer hanseatischen Aura und dem mit spitzen Lippen vorschriftsmäßig gesprochen "s-t", ihrem stets makellosen Auftreten und der Tatsache, dass sie als langjährige "Tagesschau"-Chefsprecherin für eine der vertrauenswürdigsten Institutionen der Bundesrepublik stand: Dagmar Berghoff, die gebürtige Berlinerin ist und am 25. Januar ihr 75. Lebensjahr vollendet, wirkt wie eine durch und durch disziplinierte Persönlichkeit, die Gelassenheit ausstrahlt und sich nicht so schnell beeindrucken lässt. Eigentlich könne sie nichts und niemand aus der Fassung bringen – "nicht einmal ein einstürzender Scheinwerfer", sagte sie noch zu aktiven TV-Zeiten. Dass sie ihrem "halbrunden Geburtstag" daher nicht allzu viel Symbolwert zugesteht, verwundert kaum. Dass sie sich öffentlich bereits mit der weitaus ernsteren Frage nach dem eigenen Ende beschäftigte, dagegen schon etwas.

Ausgerechnet der ZDF-Plaudertasche Markus Lanz verriet sie in dessen Talkshow Bemerkenswertes. Angeblich weiß die Nachrichtenfrau, die einmal selbst von sich bekannte, dass sie süchtig nach Informationen sei, ganz genau, wann und unter welchen Umständen sie sterben werde. Ihr ganz persönliches Todesjahr hat sie sich offenbar unabhängig voneinander von drei Quellen bezeugen lassen. "Das waren zwei Heiler und eine Wahrsagerin", erklärte Dagmar Berghoff – und behielt alle weiteren Details natürlich für sich.

Dennoch überrascht vor allem eins: Wie kommt es, dass die ehemalige und in gewisser Weise auch seit ihrer letzten "Tagesschau"-Moderation vom 31. Dezember 1999 weiterhin amtierende "Miss Tagesschau" derart ARD-untypische Recherche-Methoden anwendet? Muss man Dagmar Berghoff jetzt anders sehen? Oder zeigt sich nur einmal mehr, dass sich hinter ihrer kühlen Fassade immer schon nicht nur ein wacher Geist, sondern auch ein Schalk verbarg? Tatsächlich war es der ausgebildeten Schauspielerin, die von 1964 bis 1967 an der Hochschule für Musik und darstellende Künste in Hamburg studiert hatte, immer schon wichtig, dass ihr Beruf auch andere Facetten hat als das fast schon amtlich geprüfte Verlesen von Weltneuigkeiten.

Neben ihrer "Tagesschau"-Tätigkeit, die sie das erste Mal am 16. Juni 1976 in Angriff nahm, moderierte Dagmar Berghoff Musiksendungen wie das "ARD-Wunschkonzert", präsentierte jährlich das Zirkusfestival aus Paris, aber auch die "NDR-Talkshow" – und ließ sich als Gaststar in Fernsehfilmen sehen. So spielte sie etwa in dem ZDF-Fünfteiler "Die Affäre Semmeling" mit. Regie führte Dieter Wedel, mit dem sie früher schon einmal eine dreieinhalbjährige Beziehung geführt hatte. Auch mit dem späteren CDU-Politiker Volker Rühe war Dagmar Berghoff einst liiert – allerdings als 18-Jährige.

1991 heiratete Berghoff den Hamburger Arzt Peter Matthaes – ihre große Liebe verstarb 2001 an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Den Lebensabend wollte sie gemeinsam mit ihm verbringen, sein plötzlicher Tod traf sie mit voller Härte: "Ich habe mich gefühlt wie ein Mensch, der auseinandergebrochen ist." Sie brauchte lange, um den Verlust zu verkraften und neuen Lebensmut zu schöpfen. Und noch immer gelten ihre Gedanken ihrem Liebsten, dem eine Seebestattung in der Nordsee zuteil wurde: "Ich werde das auch machen, mich seebestatten lassen, möglichst an demselben Ort wie mein Mann, und ihm hinterherschwimmen." An ein Leben nach dem Tod glaube sie zwar nach wie vor nicht, so Berghoff, "aber es ist irgendwie ein tröstlicher Gedanke, dass man hinterherschwimmt".

Die attraktivste Nachrichtensprecherin im Land

Zu ihren aktiven "Tagesschau"-Zeiten kannte Dagmar Berghoff so gut wie jeder Deutsche: Durchschnittlich über acht Millionen Menschen saßen damals bei den Abendnachrichten noch vor den Fernsehgeräten und lauschten ihrer Stimme. Die immer perfekt gestylte und geschminkte Hamburgerin galt, was damalige Umfragen belegen, als die attraktivste Nachrichtensprecherin im Land, was ihr unter anderem auch den charmanten Titel "Miss Tagesschau" einbrachte. Im Jahr 2013 machte sie erstmals die angeborene Fehlbildung ihrer linken Hand publik: dass ihr dort zwei Finger fehlen, kaschierte sie stets mit den Sprechzetteln, die sie geschickt darüber drapierte. Man muss Dagmar Berghoff für ihren Mut bewundern, ihr optisches Manko öffentlich zu machen und dadurch für einen normalen Umgang mit der Erkrankung zu werben.

Im Januar 1995 wurde sie Chefsprecherin der "Tagesschau". Sie prägte den Stil vieler ihrer Kollegen und Nachfolger. Und das bis heute. "Chefsprecherin zu sein, bedeutet zum einen natürlich, die 'Tagesschau' zu repräsentieren. Zum anderen heißt es: Dienstpläne erstellen, Bewerbungen bearbeiten, Gagenverhandlungen führen – Verbindung zwischen den Sprechern und dem NDR zu sein", erklärte sie damals. Ihr Terminkalender glich dem eines Spitzenpolitikers. Trotz der langjährigen Routine verließ sie eine gewisse professionelle Anspannung nie. Auch Nervosität war für sie kein Fremdwort. "Wir senden live. Nichts von dem, was gesagt oder getan wird, kann rückgängig gemacht werden", betonte sie damals immer wieder – und ließ auch ihre eigenen spektakulären Patzer nicht unerwähnt. Einmal hätte sie die Überschrift "Boris Becker hat das WTC Turnier gewonnen" verlesen sollen, stolperte aber sprachlich und musste über einen Versprecher, der ein wenig wie "WC-Turnier" klang, selbst kichern. Kein Wunder, dass ihr vor laufender Kamera die Lachtränen in die Augen schossen.

Von Facebook lässt sie die Finger

Mit neumodischer Technik konnte sich Dagmar Berghoff erst langsam anfreunden: Jahrelang zeigte sie sich genügsam mit ihrem Faxgerät und der elektrischen Schreibmaschine. Mittlerweile nutzt sie nach eigener Aussage auch einen Laptop und erkennt in diesem eine Erleichterung. Von Facebook hingegen lässt sie die Finger. Ihren Account löschte sie innerhalb weniger Tage wieder, schreiend sei sie davon gelaufen, offenbarte sie vor einigen Jahren bei Markus Lanz. "Das ist mir zu privat, zu intim. Ich will nicht so viele Freunde haben, die ich gar nicht kenne." Was ihr hingegen sehr am Herzen liegt, ist ihr ehrenamtliches Engagement: Seit über 20 Jahren fungiert sie als Schirmherrin des Kinderhilfswerks "terre des hommes".

Auch wenn sie die Trivialitäten des Privatfernsehens mied und wohl auch heute noch stolz ist, dass die "Tagesschau" weiterhin die meistgesehene Nachrichten-Sendung im deutschen Fernsehen ist, brachte Dagmar Berghoff den Mut auf, ihr ureigenes Geschäft nicht immer bierernst zu nehmen. Immer wenn die Rede darauf kam, die "Tagesschau" zu reformieren – und modisch zu "verjüngen", gab sie sich abgeklärt – aber auch mitmenschlich lebensnah. "Soll man ein so erfolgreiches Projekt, das Flaggschiff der ARD, ändern, nur um ein paar Jugendliche zu erreichen, die doch eigentlich lieber auf die Piste gehen und erst mit 35 Jahren seriöse Nachrichten schauen?", gab sie zu bedenken. An dieser Diskussion hat sich bis heute wenig geändert. Man möchte ihr für diesen Realismus danken – und herzlich zum halbrunden Geburtstag gratulieren.


Quelle: teleschau – der Mediendienst