"Brisant" im Ersten feiert 25-Jähriges. Moderatorin Mareile Höppner erklärt im Interview, wie das Boulevard-Magazin im Wandel von Zeit und Medien überleben konnte, was Stars sich von Helene Fischer und Florian Silbereisen abschauen können, und wie sie es selbst als Promi mit Social Media hält.

Lady Diana sorgte noch für Schlagzeilen, Deutschland war noch keine fünf Jahre wiedervereinigt und Google war noch lange nicht erfunden: Am 3. Januar 1994 ging im Ersten "Brisant" auf Sendung. Wie es gelungen ist, das Boulevard-Magazin durch 25 Jahre gesellschaftlichen und medialen Wandel zu bringen, weiß Mareile Höppner. Die Moderatorin führt mittlerweile selbst seit stolzen zehn Jahren souverän durch die Themen des Tages (im Wechsel mit Kamilla Senjo, montags bis freitags um 17.15 Uhr, samstags um 17.10 Uhr). Dabei kommt das TV-Talent zunehmend aus der Deckung. Im vergangenen Herbst konnte sich Mareile Höppner in neuen ARD-Formaten wie "Stadt, Land, Haus" und der Wiederauflage von "Dingsda" weiter entfalten. Das Potenzial scheint enorm! Auch an der Uni, im Buchhandel und sogar in der Kirche kann man den Namen der ebenso schlagfertigen wie charmanten Moderatorin sehen, lesen und hören! Das Magazin "BRISANT" wird vom 6. bis 10. Mai mit einer Jubiläumswoche im Ersten gefeiert, am 11. Mai soll es einen Event-Tag geben.

prisma: Um ein Gefühl für diese Zeitspanne zu bekommen: Wer war Mareile Höppner vor 25 Jahren?

Mareile Höppner: Da war ich 17, kurz vorm Abitur. Ich besuchte ein Gymnasium in Lübeck, war verknallt in einen Typen, den ich heute gar nicht mehr kenne, habe im Orchester Cello gespielt und im Chor gesungen. Ich habe gebrannt für das Thema Theologie!

prisma: Sie haben sich sogar mit 20 Jahren noch taufen lassen und Evangelische Religion auf Lehramt studiert. Wie kam es zu dieser Begeisterung für das Fach?

Mareile Höppner: Ich hatte einen wunderbaren Pastor als Religionslehrer, mit dem ich bis heute in Kontakt geblieben bin. Manchmal schicke ich ihm religiöse Gedankenspiele oder Fürbitten, in tiefer alter Verbundenheit. Er gibt die Grüße dann von der Kanzel weiter an die Gemeinde.

prisma: Sie selbst haben neulich am Beginn von "Brisant" die Zuschauer gegrüßt und sich für Genesungswünsche bedankt. Das zeugt auch von einiger Verbundenheit. Gibt es so viele Reaktionen, wenn die Moderatorin mal einen Tag wegen Krankheit ausfällt?

Mareile Höppner: Das empfinde ich als Besonderheit von "Brisant". Wahrscheinlich würde sich Jan Hofer in der "Tagesschau" niemals für Genesungswünsche bedanken, obwohl er sie sicherlich bekommen hat, als es ihm nicht gut ging. Aber das ist der Unterschied zu einer Nachrichtensendung: Wir haben eine ganz starke Zuschauerbindung und auch eine große Verbindlichkeit. Wir dürfen auch mal in die persönliche Ansprache gehen.

prisma: Sie präsentieren "Brisant" seit zehn Jahren im Moderations-Team, die Sendung gibt es seit einem Vierteljahrhundert. Als sie 1994 on air ging, gab es weder Instagram, noch YouTube, nicht einmal Google ...

Mareile Höppner: Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, oder?

prisma: Wie hat das Vorabendmagazin, das von typischen Netz-Themen wie Katastrophen und Promi-News lebt, in dieser inzwischen völlig veränderten Medienwelt überlebt?

Mareile Höppner: Das ist wirklich eine Besonderheit im deutschen Fernsehen. Es ist ein sehr buntes Magazin. Menschen, die es sonst nicht gucken und einmal reinschauen, sagen wahrscheinlich: Wow, das ist ja ein Wechselbad der Gefühle! Von harter Politik über Schicksalsschläge hin zu Katastrophen kommen Dinge zur Sprache, die Menschen bewegen, ja sogar erzürnen. Dann wieder zeigen wir bunte Nachrichten über Prominente. "Brisant" bedient genau die Themen, über die auf der Straße gesprochen wird, auf dem "Boulevard". Das ist ja der Kern des Begriffs Boulevard-Magazin. "Brisant" hat immer die Geschichten zu den Phänomenen der Zeit erzählt. So konnten wir gut älter werden.

prisma: Wenn ich mich über den neuesten Promi-Klatsch oder eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt informieren möchte, kann ich das im Internet sofort, jederzeit und umfassend tun. Warum sollte man bis 17.15 Uhr warten, um es bei "Brisant" zu sehen?

Mareile Höppner: In einer Zeit, in der alle ein Smartphone haben, haben sich die Anforderungen ans Fernsehen definitiv verändert. Das Bild des Tages haben alle schon auf ihrem Handy gesehen. Nun kommen wir ins Spiel mit der Einordnung der Geschichte. Ich glaube, gerade in dieser medialen Vielfalt, in der wir uns bewegen – und die muss man nicht nur kritisieren, die kann man auch positiv beäugen -, haben wir noch mehr den Wunsch nach Orientierung.

prisma: Wie sieht die aus?

Mareile Höppner: Oft stellt sich im Netz die Frage nach der Quelle: Wer hat das recherchiert? Bei "Brisant" greifen wir auf das Korrespondentennetz der "Tagesschau" zurück. Das sind gut recherchierte Geschichten. Ich würde mir viel mehr wünschen, dass die gestandenen Medien sich nicht klein machen vor den neuen Medien. Im Gegenteil, ich glaube, dass wir dadurch noch viel mehr gefordert sind! Man kann soziale Medien oder Influencer von oben herab verteufeln oder aber man schaut sich an, warum sich junge Leute für sie interessieren. Und wir müssen uns fragen, was wir unseren Kindern in die Hand geben können, damit sie im Konsum dieser neuen Welt nicht verlorengehen.

prisma: Die neuen Medien haben auch stark die Berichterstattung über Prominente verändert. Wie gehen Sie damit um?

Mareile Höppner: Zum einen können Prominente heute Nachrichten selbst setzen, das hat den Journalismus sehr verändert. Wir laufen sozusagen deren Story hinterher. Manchmal auch an der langen Nase. Mit Bravour und wirklich viel Stil gestaltet war, finde ich, die Nachricht über die Trennung von Helene Fischer und Florian Silbereisen. Das war der Neue-Medien-Coup, wie man's macht: keine Schlammschlacht, kein gespieltes Drama, sondern offensiver Umgang damit von zwei aufgeklärten Business-Leuten. Früher wäre das anders gewesen: Das hätte jemand aufgespürt, es hätte Gerüchte gegeben. Heute setzen die Prominenten die Messlatte selbst. Das sehe ich durchaus positiv, weil Prominente so auch Dinge richtigstellen können. Wir müssen einfach nur sehen, wie wir Geschichten neu und anders erzählen.

prisma: Gleichzeitig werden Prominente durch Social Media leichter zur Zielscheibe, bekommen ungefiltert alles ab, was das Publikum denkt ...

Mareile Höppner: Der große Nachteil ist diese Kritikkultur, in der wir uns befinden. Viele sehen auch das positiv: Das Netz ist frei, und man darf alles sagen. Aber das Problem ist: Wenn man wütend ist, ruft man das schnell mal raus. Jetzt gibt es dieses Telefon oder den Computer, und schon ist über Social Media der Ärger in der Welt. Da steht er dann und schlägt Wellen. Das ist eine dramatische Entwicklung, die sehr weit geht, bis hin zu Hetze und Häme.

prisma: Sie setzen sich dem ja selbst auch aus, sind sehr aktiv bei Instagram und Facebook, posten regelmäßig hübsche Fotos. Da gibt es viele schmeichelhafte Kommentare, die dabei aber oft etwas übers Ziel hinausschießen ... Lesen Sie die?

Mareile Höppner: Bei Facebook gar nicht mehr, weil die Stimmung dort zum Teil so zornig geworden ist und auch so schlüpfrig. Der Umgangston ist zum Teil sehr rau und sexistisch. Ich wollte mein Profil schon abschalten, aber es gibt dort eben auch ein paar sehr nette Fans, die nicht bei Instagram sind. Wenn man lange genug in dem Job ist, ist das nur eine mediale Plattform mehr. Man muss damit umzugehen wissen, und ein etwas dickeres Fell braucht man in dem Job sowieso. Man darf das einfach nicht zu persönlich nehmen.

prisma: Sie sind längst nicht nur diejenige, die über Prominente berichtet, sondern über die als Prominente auch berichtet wird. Fühlt sich das manchmal merkwürdig an?

Mareile Höppner: Mir fällt das leicht. Das bleibt gar nicht aus, wenn man sich mit den bunten Themen beschäftigt. Da ist es erstens gut, sich selbst mal auf den roten Teppich zu stellen und zu schauen: Wie fühlt sich das an? Und zweitens auch die Leute zu kennen, über die man berichtet. Sonst ist es immer nur eine Vogelperspektive.

prisma: Sie scheinen aber auch sehr gut darin zu sein, die Nachrichten zu steuern. Es gibt viele Fotos in hübschen Kleidern, Berichte über ein glückliches Familienleben, aber keine Homestory oder Fotos von Mann und Kind.

Mareile Höppner: Das Interesse an meiner Person finde ich okay, das Interesse an meiner Familie nicht. Ich finde es in Ordnung, dass Zuschauer wissen wollen, wie es mir privat geht. Das sage ich auch gerne, aber Bilder wird es davon nicht geben. Ich will, dass mein Sohn für sich aufwächst und seine eigenen medialen Erfahrungen macht. Noch ist er ein kleiner Junge, der draußen tobt und aktuell Superheld sein möchte.

prisma: Mit ihrem Job beschäftigen Sie sich auch auf der Metaebene: Sie unterrichten neuerdings an einer Privatuniversität. Was bringen Sie den Studenten bei?

Mareile Höppner: Ich hatte kürzlich meine erste Vorlesung an einer Medienuniversität in Berlin, und demnächst halte ich meine ersten Seminare. Einige Studenten begleiten mich jetzt manchmal zu Jobs. Ich habe ja das alles von der Pike auf gelernt, als Volontärin und Redakteurin. Das gebe ich weiter, plus Kameraschulung und Medienpräsenz.

prisma: Mit Rolf Seelmann-Eggebert sind Sie auch immer wieder beim europäischen Hochadel unterwegs und haben dazu gerade ein Buch geschrieben: "Was kommt nach der Queen?". Mit "Stadt, Land, Haus" und der Neuauflage von "Dingsda" haben Sie im letzten Jahr zwei neue Shows ausprobieren dürfen. Das ist eine ganze Menge ... Was kommt als Nächstes?

Mareile Höppner: Es wird sicherlich nicht mein letztes Buch gewesen sein! Aber ich habe das Gefühl, im letzten Jahr habe ich alles, was sonst in fünf Jahren geht, in eines gequetscht. In dem Tempo konnte es in diesem Jahr nicht weitergehen, ich habe ein bisschen auf die Bremse gedrückt. Die Uni erfordert auch etwas Zeit. Trotzdem habe ich Lust und tausend neue Ideen! Mich zieht es weiterhin in die Unterhaltung, es sind neue Sendungen in Planung. Es ist vielleicht ein bisschen simpel, aber: Es macht mir einfach Spaß.

prisma: Haben Sie eine Vision von sich in 25 Jahren?

Mareile Höppner: Lassen Sie mich mal rechnen ... mit 67? Meinen Sie diese Zahl?! Ich hoffe, es gibt dann einen großen Tisch unter einem Apfelbaum, mit einem Rechner drauf. Dann schreibe ich vielleicht Bücher und mache Medien-Coachings für junge Leute. Mit viel Familie drum herum. Klingt doch gut, oder?


Quelle: teleschau – der Mediendienst