"Das Menschenmögliche" ist ein unbedingt sehenswerter Spielfilm zum Status quo des deutschen Gesundheitssystems. Warum nur hat das ZDF den ambitionierten Film ins Nachtprogramm verbannt?

"Kein Arzt kann jeden Patienten retten", muss sich die junge Assistenzärztin Judith Asmussen (Alissa Jung) immer wieder anhören. Doch das genügt der Idealistin nicht. Denn während einer 24-Stunden-Schicht ist ihr ein schwerer Fehler unterlaufen: Im Eifer des Gefechts hat sie versehentlich die Blutprobe einer Sepsis-Patientin mit dem falschen Etikett beklebt. Kurze Zeit danach fällt die Frau ins Koma, einige Tage später ist sie tot. Hätte Judith ihren Tod verhindern können, wenn sie besser aufgepasst hätte? Oder liegt die Schuld vielmehr beim System, das von Ärzten, Pflegekräften und Rettungssanitätern Dinge verlangt, die "Das Menschenmögliche" übersteigen? Das hervorragende Medizinerdrama von Autorin und Regisseurin Eva Wolf stellt unbequeme Fragen und regt zum Nachdenken über unser marodes Gesundheitssystem an. Das ZDF zeigt den Film in einer Erstausstrahlung in der Reihe "Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten" zu später Stunde.

Judith ist am Limit: Ihr Fauxpas beschert ihr regelmäßige Albträume, zudem schweben eine Strafanzeige und ein Gutachten wie ein Damoklesschwert über ihr. Doch mit ihren Konflikten ist die Perfektionistin alleine. Erstens, weil sie niemanden richtig an sich heranlässt und zweitens, weil ihr weder ihre beste Freundin, die Lehrerin Caro (Viola Pobitschka), noch ihr Partner, der Neurologe Stefan (Torben Liebrecht), richtig zuhören. Dann wird sie auch noch strafversetzt zum Rettungsdienst, wo sie ihrem früheren Klassenkameraden Mark (Lasse Myhr) begegnet. Er scheint der Einzige zu sein, der sie versteht ...

"Das Menschenmögliche" wirft einen ungeschönten Blick auf den Klinik- und Rettungsdienstalltag im heutigen Deutschland: Pflegepatienten werden mit Psychopharmaka ruhiggestellt, das Personal ist überlastet, überall fehlen helfende Hände und die Rettungssanitäter werden geschlagen und angepöbelt. Wüsste man nicht aus zahllosen Doku-Beiträgen, dass diese Situationen absolut realitätsnah sind, würde man den über "Das Kleine Fernsehspiel" des ZDF koproduzierten Film glatt für übertrieben halten.

Doch Eva Wolf, die sich bislang als Dokumentarfilmerin einen Namen gemacht hat, hat gut recherchiert und einen gesellschaftspolitisch relevanten Film vorgelegt, der unbedingt sehenswert ist – trotz einiger allzu klischeebeladener Konfilkte und einem etwas zu didaktischen Anspruch. Dass Judiths Kampf gegen das kaputte System so überzeugend und emotional geraten ist, liegt aber vor allem an der tollen Hauptdarstellerin Alissa Jung. Und sie muss schließlich wissen, wovon ihre Figur spricht: Denn Jung ist nicht nur Schauspielerin, sondern seit 2017 auch promovierte Ärztin. "Das Drehbuch hat mich berührt – ich habe sofort zugesagt, weil es so realistisch ist. Vielleicht sogar zu realistisch", sagt  Jung im Interview.

 

 


Quelle: teleschau – der Mediendienst