Wiederholung in der ARD

"Das Programm": Ein bisschen viel "gethrillert"

von Jasmin Herzog

Ein Hamburger Banker und seine Familie werden in ein Zeugenschutzprogramm gesteckt. Wie kommen sie mit der totalen Entwurzelung zurecht? Schade, dass der Film vor allem auf Thrillermomente setzt.

ARD
Das Programm
Thriller • 23.06.2020 • 23:00 Uhr

Der Hamburger Banker Simon Dreher (Benjamin Sadler) ist ein Mann unter Druck. Gangsterboss Darankow (Wladimir Tarasjanz) hat es auf seinen Anlageberater abgesehen – der biedere Familienvater weiß einfach zu viel. Ließ er sich sein Luxusleben mit Frau (Stephanie Japp), der beinahe erwachsenen Tochter (Paula Kalenberg) und dem kleinen Sohn (Daan Lennard Liebrenz) vielleicht mit schmutzigem Geld finanzieren? Als ein wichtiger Zeuge (Heiner Lauterbach) gegen den bereits in U-Haft befindlichen Darankow liquidiert wird, schickt Ermittlerin Thern (Nina Kunzendorf) Dreher, ihren letzten verbliebenen Zeugen gegen den Russengangster, in ein Schutzprogramm. Wie fühlt es sich an, wenn man sein gesamtes Leben zurücklassen muss? Diese Versuchsanordnung will der 175 Minuten lange ARD-Thriller "Das Programm" erforschen, den das Erste nun zweigeteilt wiederholt (Teil 2 am Dienstag, 30.6., 22.45 Uhr).

In den letzten Jahren sah man das an sich doch ziemlich belastende Leben im Zeugenschutzprogramm eher humoristisch aufbereitet. Zum Beispiel in der großartigen amerikanisch-norwegischen Serie "Lilyhammer" oder der gescheiterten SAT.1-Erzählung "Familie Undercover". Der ein oder andere Drehbuchautor mag es witzig finden, eine "Fish out of water"-Situation zu kreieren, indem man den handelnden Personen einfach ihr altes Leben wegnimmt, um sie in ein neues hineinzupflanzen. Tatsächlich muss sich das Ganze aber reichlich bescheiden anfühlen: Freunde, Verwandte und andere geliebte Menschen bleiben zurück. Die aufgebaute Karriere, vielleicht ein Haus ebenso. Dazu ein diffuses Gefühl, das Heimat heißt. Was es heißt, all das zu verlieren, versucht die Netflix-Serie "Ozark" aktuell herausragend zu beschreiben.

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Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und sein Regisseur Till Endemann ("Unter Anklage: Der Fall Harry Wörtz") hatten sich schon 2015 für "Das Programm" vorgenommen, die echten Härten des Zeugenschutzprogramms für den Zuschauer aufzubereiten. In knapp drei Stunden wäre dafür auch ausreichend Zeit gewesen. Weil Erzählung und Inszenierung jedoch vor allem auf Thrillermomente setzen, kommt eben jene Psychologie ein wenig zu kurz.

Nachdem Familie Dreher in ihr neues Leben von Hamburg nach Österreich aufgebrochen ist, stellen ihr die Schurken selbstredend gekonnt nach. Zwar versucht das LKA-Team um Ermittlerin Thern – ihm gehören Ex-"Tatort"-Ermittlerin Alwara Höfels und der famos rauchende Carlo Ljubek an -, die Familie zu schützen. Doch es wäre kein klassischer Thriller, wenn ihnen das perfekt gelänge.

"Das Programm" ist ein handwerklich solide gemachtes Stück Spannungsfernsehen, das sogar eine recht beachtliche Actionszene enthält. Dennoch hätte man dem Film eine etwas andere Gewichtung gewünscht. Auch die ein oder andere Handlungswendung wirkt ziemlich ausgedacht. Unterm Strich ist "Das Programm" ein Mainstream-TV-Thriller, der ein eher traditionell denkendes Krimipublikum befriedigen wird. Wer tiefer in die Seele von Entwurzelten im goldenen Käfig blicken will, muss auf ein anderes "Programm" warten.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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