ARD-Politdrama

"Die Getriebenen": Merkels erste große Krise

von Eric Leimann

Die Bundesregierung um Angela Merkel muss aktuell in Zeiten von Corona schwierige Entscheidungen fällen. Es ist nicht die erste große Krise, die die Kanzlerin bewältigen muss. Der Film "Die Getriebenen" zeichnet realitätsnah das Krisenmanagement in der Flüchtlingsfrage von 2015 nach.

ARD
Die Getriebenen
Politdrama • 15.04.2020 • 20:45 Uhr

Angela Merkel, die scheinbar so müde Kanzlerin auf den letzten Metern ihrer politischen Karriere, ist derzeit wieder in aller Munde. Gerade im Ausland wurde sie für ihre erste TV-Ansprache zur Corona-Krise als starke "Führerin der freien Welt" und mit vergleichbaren Respektbekundungen gefeiert. Nun kommt ein politisches Fiction-Drama ins Fernsehen, das realitätsnah direkt in Angela Merkel, ihr Kabinett und den politischen Apparat Deutschlands und sogar Europas hineinhorcht. Der Politjournalist Robin Alexander veröffentlichte 2017 sein Buch "Die Getriebenen", das den Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise über 63 Tage aus Sicht des politischen Managements jener Krise rekonstruierte. Imogen Kogge, hochdekorierte Ost-Schauspielerin, einem großen Publikum bekannt geworden zwischen 2002 und 2010 durch ihre Rolle als "Polizeiruf 110"-Kommissarin Johanna Herz, spielt Angela Merkel.

Imogen Kogge und andere bekannte sowie weniger bekannte Schauspieler versuchen, Politiker des öffentlichen Lebens zu "imitieren", was dem Film – bei aller Ernsthaftigkeit seiner Machart – eine bisweilen unfreiwillige Komik verleiht. Ein Dilemma, mit dem das Projekt leben muss. Hätte man es anders gewollt, wäre man beim Genre Dokudrama gelandet. So aber sieht man Josef Bierbichler als Horst Seehofer (überzeugend!), Wolfgang Pregler als dauerhustenden Thomas de Mezière, Tristan Seith ("Im Knast") als Peter Altmaier oder Walter Sittler ("Der Kommissar und das Meer") in der Rolle des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier.

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Der Film beschreibt – wie das Buch – eine Chronologie der Ereignisse und dabei wird deutlich, wie schnell Politik in Zeiten der globalisierten, digitalen und voll vernetzten Welt zu funktionieren hat. Amtsträger hetzen von Meeting zu Meeting, von Pressekonferenz zu Pressekonferenz, von Verkehrsmittel zu Verkehrsmittel. Ein Briefing dessen, was im nächsten Moment auf jeden Fall "gewusst werden muss", findet im Laufschritt zwischen dem Ereignis-Stakkato durch Berater statt. Es ist jener Teil des Einblicks in den Politbetrieb, den der Film von Produzent und Regisseur Stephan Wagner (Grimmepreis 2013 für "Der Fall Jakob von Metzler") durchaus faszinierend darstellt.

Alle offiziell gewordenen Gespräche, Verlautbarungen, Pressekonferenzen des Krisensommers 2015, als jene "Bedrohung" im Raum stand, dass Deutschland von Flüchtlingen förmlich überrannt werde und hierzulande sämtliche Infrastruktur zusammenbräche, sind eins-zu-eins der Realität entnommen. Sie sind zudem auch in zeitlich-dramaturgischen Abfolge korrekt montiert. Dennoch ist die "Anwendung" des Genres Fiction-Drama bei diesem Stoff, der quasi nur aus bekannten Gesichtern des öffentlichen Lebens besteht, per se mutig.

Was zum dokumentarisch verbürgten Teil hinzukommt, sind Szenen wie jene zwischen Angela Merkel und ihrem Mann Joachim Sauer (Uwe Preuss). Daheim auf der Couch oder am Abendbrottisch. Szenen, für die Drehbuchautor Florian Oeller ("Nur eine Frau") spekulieren durfte, was in diesen Momenten gesagt wurde, welche Emotion ausgespielt wurden. Oeller und Regisseur Wagner hielten sich bei diesen und anderen "Privatgesprächen" von Politikern mit Lebenspartnern oder persönlichen Beratern an jene Positionen und Wandlungen, die jene Protagonisten "in echt" durchmachten. Ihre Psychologie folgt sozusagen den (späteren) Handlungen.

Trotzdem wird der Film an jenen Stellen zur sanft interpretierenden Spekulation. Vielleicht ist es jenes "Menschelnde", das dazu führt, dass Angela Merkel, die sich von einer zögerlichen Krisenmanagerin, ja fast Aussitzerin zur "Ja, wir schaffen das"-Kanzlerin entwickelt, im Film besser wegkommt, als im Sachbuch von Robin Alexander.

Wer "Die Getriebenen" einschaltet, wird ständig und unentwegt Schauspieler mit ihren Originalen vergleichen. Ist Markus Söder (Matthias Kupfer) wirklich so machtgierig und intrigant? Und denkt Sigmar Gabriel (Timo Dierkes) tatsächlich bei jedem seiner Auftritte stets den damit verbundenen PR-Effekt entscheidend mit? Einerseits ist es ein bisschen schade, dass das zweistündige TV-Werk "Die Getriebenen" mitten in einer globalen Mega-Krise ausgestrahlt wird, in der das – eigentlich gerade wieder stärker virulent gewordene Thema Flucht – kaum jemanden interessiert. Andererseits verfolgen durch Corona wieder deutlich mehr Menschen Politik und denken darüber nach, was sie und ihre Protagonisten für die Gesellschaft an Arbeit leisten.

Vielleicht ist dies der interessanteste Vergleichspunkt eines Films über die Flüchtlingskrise 2015 und Corona fünf Jahre später: Man schaut den weitgehend gleich gebliebenen deutschen Politikern noch mal genauer auf die Finger und spürt ihnen in den Charakter hinein. Kann man sich auf diese Leute verlassen? Und wenn ja, in welcher Hinsicht? Es ist durchaus interessant, ob "Die Getriebenen" ein großes Publikum Mitte April 2020 interessiert. Als Film über die Krise vor der Mega-Krise hat er in all seiner Nicht-Aktualität aber durchaus mit dem Heute zu tun.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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