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"Die Wiese – Ein Paradies nebenan": ein Naturfilm wie ein Gemälde

von Hans Czerny

Der Naturfilmer Jan Haft führt den Zuschauer durch die Pflanzen- und Tierwelt einer Sommerwiese, seine Kamera malt Bilder der Wiesenbewohner und zeigt ihre Überlebenstricks.

ARTE
Die Wiese – Ein Paradies nebenan
Doku • 20.08.2020 • 20:15 Uhr

Es beginnt sozusagen mit einem Urknall: Der gemeine Kugelschneller, ein kleiner Pilz, bringt seinen Körper wie einen Airbag zum Platzen und schießt mit seinen Sporen bis zu fünf Meter weit. Aber auch der blauschwarze Maiwurm ist nicht schlecht, wie er so weltvergessen über die Gräser stakst, weil er doch ein Käfer ist. Hirschkäfer bitten zum "Kampf der Giganten", Orchideenpflanzen verstellen sich, um als Weibchen duftgetarnt Langohrbienen zu bezirzen. Der Münchner Naturfilmer Jan Haft hat sich mit seinen Kameragesellen für "Die Wiese – Ein Paradies nebenan" mal wieder monatelang auf die Lauer gelegt, um uns das pralle Leben einer Wiese nahe zu bringen – mit Makroobjektiven, Zeitraffer und, ja, einem etwas feierlichen, die Natur vermenschlichenden Kommentar.

Der Zuschauer ist aber auch mittendrin im gemeinhin so ungeahnten wie unterschätzten Treiben. Mannshoch werden die farbigen Blumen und die sich wiegenden Gräser. Der Mensch wird klein in Anbetracht der Wunder. Das ist Programm: Besinne dich ist hier wohl letztlich die Devise. Denn noch immer drohen mähende Traktoren mit blitzenden Messern, werden Feldwiesen überdüngt oder gar mit dem Riesenpflug umgegraben zu Äckern. Tonnen von Schweine- und Rindergülle gefährden das Pflanzen- und Insektenleben. Immerhin, ein Anfang ist gemacht: Neuerdings wird der Maisanbau zur Energiegewinnung wenigstens nicht mehr gefördert.

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Hafts Film beginnt beim römischen Geschichtsschreiber Tacitus und seiner Beschreibung der germanischen Wälder, die teils für Wiesen gerodet wurden und er endet mit einem Appell zur Reform der Agrarpolitik – hier ein wenig hinterherhinkend, der Film wurde 2018 gemacht. Des rührenden grazilen Rehs und seiner sorgsam in der Wiese versteckten Kitze hätte es eigentlich gar nicht bedurft, um sich auf die Tiernot einzustellen. Für Dramatik sorgt dieses bedrohte Bambi mit seinen Kleinen aber allemal bis hin zu seinem Ableben – der Film handelt ja auch vom Wandel einer Wiese durch die Jahreszeiten.

Stets malt die Kamera ihre Blumen-, Tier- und Kräuterbilder in den schönsten Farben, und glücklicherweise schweigt zuweilen der etwas üppige, Sielmann-haft geratene Kommentar. So wird eine sehr besinnliche, nie langweilige Meditation, eine Ode an die Natur daraus, die in diesen Corona-Zeiten Anlass gibt, etwaige Reisegelüste zu überdenken. Der abgewandelte Goethe grüßt: Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! – Schon als Kind war der Filmemacher beispielgebend: Wenn die Eltern ins ferne Italien oder Griechenland fuhren, um dort Kirchen oder antike Ruinen zu besichtigten, lugte er lieber unter Steine und förderte dort imposantes Kleingetier hervor.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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