Star-Regisseur Dominik Graf hält nichts von einer Experimente-Obergrenze beim "Tatort" und fürchtet "Ideen-Staus" in den Redaktionen. Für die Zukunft der langlebigen Erfolgsreihe sei das das Schlimmste.

Wann ist ein "Tatort" ein "Tatort"? Eine fast schon philosophische Frage. Und wohl auch eine, die sich fast nur subjektiv beantworten lässt. Doch so, wie das Erfolgsformat in den letzten Monaten und Jahren immer stärker gedehnt wurde, soll es nach dem Willen der ARD-Entscheider nicht weitergehen. Nur noch zwei "experimentelle" Produktionen pro Jahr seien künftig gestattet, ließ die Anstalt unlängst verlauten. Sind also die Zeiten vorbei von Horrorfilmen, Impro-Theater und Science-Fiction-Thrillern am Sonntagabend? In den Augen von Dominik Graf ist eine derartige Restriktion überhaupt keine gute Idee.

Der Regisseur, der zuletzt den ebenso umstrittenen wie anspruchsvollen RAF-"Tatort: Der rote Schatten" in Stuttgart realisierte, kritisierte die Pläne der ARD in einem Zeitungsinterview scharf. Nur mit "Konventionalitätszwang allein" erreiche man "keine Qualitäts-Sicherheit", warnte der Rekord-Grimme-Preis-Träger (zehn Auszeichnungen) im Gespräch mit "Bild am Sonntag". Auch stellte der 65-jährige gebürtige Münchner die Urteilsfähigkeit der ARD-Programmkoordinatoren infrage: "Für die Beurteilung, ein Film sei 'experimentell', braucht man sehr viel Kinoerfahrung und sehr präzises, objektives Stilgefühl", erklärte Graf. Persönlicher Geschmack sei jedenfalls ein schlechter Ratgeber. "Manches, wovon man in Deutschland peinlicherweise immer noch glaubt, es sei 'experimentell', gehört längst zur internationalen Filmsprache."

Zuletzt hatte es um etliche "Tatort"-Folgen öffentliche Kontroversen gegeben. Auch starke Schwankungen bei der Einschaltquote dürften die Verantwortlichen bestärkt haben, die Experimentierlaune in den einzelnen Redaktionen einzubremsen. Die Frankfurter Episode "Fürchte Dich" über ein veritables Spukhaus sahen vor Wochenfrist nur 6,9 Millionen Menschen – der jüngste, trotz offenen Endes eher klassisch gehaltene Entführungskrimi "Der Fall Holdt" mit der Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) knackte hingegen die Zehn-Millionen-Marke. Ist die Experimentier-"Obergrenze" also nicht doch im Sinne des Zuschauers?

Auf lange Sicht nein, versichert Krimi-Routinier Graf. "In der alltäglichen Redaktionspraxis wird es nun wahrscheinlich Ideen-Staus und jede Menge vorauseilenden Gehorsam geben." Seine düstere Prognose: "In dem Moment, wo die Zuschauer vor Unterforderung nur noch gähnen, hat man den 'Tatort' jedenfalls zerstört."


Quelle: teleschau – der Mediendienst