Dunja Hayali, eine der streitbarsten und engagiertesten Polit-Journalistinnen Deutschlands, bekommt ihr eigenes ZDF-Format. Dabei ist die Sendung "Dunja Hayali" (ab 18. Juli, einmal monatlich mittwochs, 22.45 Uhr), die sich drei Sommer lang als Testballon bewähren durfte, mehr als eine weitere Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Einerseits, weil Hayali für ihre Sendung selbst "draußen im Leben" recherchiert. Andererseits weil die Querdenkerin unverstellt und persönlich engagierter an ihre Themen herantritt, als es sonst im deutschen TV-Journalismus üblich ist. Darf man das überhaupt? Und warum brauchen wir dringend eine neue Redekultur zwischen Politikern, Bürgern und Journalisten?

Am 25. August debütiert die 44-Jährige zudem als Moderatorin des "aktuellen sportstudios" – womit sich für den Hardcore-Fan Borussia Mönchengladbachs ein Kindheitstraum erfüllt.

prisma: Es hat drei Jahre gedauert, bis es Ihre Sendung vom Sommerloch-Füller ins Regelprogramm geschafft hat. Dabei waren Quoten und Kritiken von Beginn an gut. Warum der lange Anlauf?

Dunja Hayali: Das ZDF hat feste Sendeschemata. Wenn man ein neues Format regelmäßig ins Programm nehmen will, müssen dafür andere Sendungen weichen oder in ihrer Zeit beschnitten werden. Das ist – wie Sie sich denken können – schwierig. Wir profitieren davon, dass es leider keine Champions League mehr im ZDF gibt. Aber auch Markus Lanz und die Dokumentationsreihe ZDFzoom schenken uns ein bisschen Zeit. Wir sind erst mal froh, es nach drei Sommern mit harter Arbeit und positivem Feedback in die Regelmäßigkeit geschafft zu haben.

prisma: Sie haben früher mehrere Themen pro Sendung diskutiert, zuletzt gab es aber auch Ausgaben, die ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten. Wie werden Sie ab Sommer 2018 arbeiten?

Hayali: Wir werden meistens beim letztgenannten Ansatz bleiben. Pro Sendung gibt es eine Überschrift oder ein Oberthema, das wir dann aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten wollen. Was unter anderem bleibt: Ich werde für längere Einspielfilme nach draußen gehen und aus der Welt außerhalb des Studios berichten. Man kann ganz anders über ein Thema reden, wenn man die eigene Komfortzone verlässt und die Dinge mit eigenen Augen gesehen hat. Davon bin ich überzeugt, deshalb stand der Ansatz weder für mich noch für das Team zur Debatte. Und wir werden weiterhin Entscheidungsträger der Gesellschaft mit "ganz normalen" Bürgern zusammenbringen. Von Politikern dominierte Rede-Sendungen gibt es ja schon genug.

prisma: Sie senden im Gegensatz zu anderen Talks nicht täglich oder einmal die Woche, sondern nur einmal pro Monat. Heißt das, Sie verzichten auf die ganz heißen, aktuellen Themen?

Hayali: Ich kenne keine andere Talk-Sendung, die in diesem Monatsrhythmus arbeitet – deshalb müssen wir erst mal Erfahrungen damit sammeln. Klar, wir werden immer relevante Themen behandeln. Und wenn es die Aktualität erfordert, schmeißen wir auch von heute auf morgen alles um. Ich kann Ihnen aber aus dem Stegreif jetzt schon mindestens sechs gesellschaftliche Themen nennen, die extrem wichtig, aber weniger im Fokus sind.

prisma: Die da wären?

Hayali: Mir fällt als Erstes unser Pflegesystem ein. Wir werden alle alt, und unser Pflegesystem muss dringend reformiert werden. Dieses Thema werden wir auf jeden Fall behandeln. Ebenso unterrepräsentiert sind: Wohnungsbau, Rente, Altersarmut, die Spanne zwischen Arm und Reich. Außerdem müssen wir dringend an unser Bildungssystem ran. Da gibt es extrem viel Zu tun. Es mangelt keineswegs an Themen abseits der politischen Tagesaktualität – und das sehe ich durchaus als Chance für uns.

prisma: Sie zählen Themen auf, bei denen ein politisch mittelprächtig interessierter Laie das Gefühl hat, dass wir damit seit Jahren kaum weiterkommen. Könnte es passieren, dass der Zuschauer bei ewig schwelenden Dauerthemen auch genervt abwinken könnte?

Hayali: Wir können nichts ausschließen, aber natürlich kommt es immer auf die Herangehensweise an ein Thema und auf die Zusammensetzung der Talkrunde an. Zudem ziehen viele Zuschauer das gepflegte Gespräch dem krakeelenden Streit vor. Vor allem, wenn der an parteipolitischen Grundsatzpositionen und nicht an der Sache entlang geführt wird. Stellen Sie sich mal vor, ein Politiker würde plötzlich zu seinem Gegenüber sagen: "Interessante Perspektive. Wie könnte denn ein Mittelweg für uns aussehen?" – Er hätte den Aha-Moment sicher auf seiner Seite, und auch ich wäre mal kurz sprachlos.

prisma: Es gibt ja sehr viele Talks, gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Haben Sie überhaupt das Gefühl, man kann mit ihnen gesellschaftlich etwas verändern?

Hayali: Ich besitze nicht die Hybris zu denken, dass Journalisten die Gesellschaft verändern können. Das ist auch nicht unser Job. Aber wir können aufklären, aufzeigen, einordnen, gewichten, hinterfragen, Perspektiven zeigen und Anstöße geben. Ich war immer dann zufrieden, wenn in einer Sendung an der Sache entlang diskutiert wurde und dabei vielleicht eine gute Idee herauskommen ist.

prisma: Worüber können Sie sich im Zusammenhang mit politischen Talks aufregen?

Hayali: Über Starrköpfigkeit und festgefahrene Positionen. Das ist eventuell auch ein Grund, der Bürger politikverdrossen werden lässt.

prisma: Verstehen die Politiker dieses Dilemma nicht oder sind Sie einfach in einem System gefangen, das keine vernünftigen Lösungen zulässt?

Hayali: Das werden wir sehen. Genau dies wollen wir ja durchbrechen, indem wir sie mit ihren Nicht-Wählern beziehungsweise den Bürgern zusammenbringen.

prisma: In Deutschland ist es Tradition, dass Journalisten in ihrer Berichterstattung neutral bleiben. Sie sind jemand, der sich – beispielsweise über soziale Medien – oft meinungsstark zu gesellschaftlichen und politischen Themen äußert. War das nie ein berufsethisches Problem für Sie?

Hayali: Äußern, ja. Stellung beziehen, ja. Aber nie parteipolitisch. Zudem darf man auch als Journalist im Fernsehen meinungsstark sein, sofern man deutlich kennzeichnet, dass es sich um die eigene Meinung handelt. Sozusagen wie in einer Kommentarspalte. Für meine eigene Sendung gehe ich deshalb raus und schaue mir die Dinge persönlich an – damit ich meine Meinung mit Erfahrung untermauern kann. Und eine eigene Meinung ist in der Sendung durchaus erwünscht.

prisma: Ist es heute wichtiger denn je, dass Journalisten ihre Arbeit den Leuten erklären?

Hayali: Ja, ich finde schon. Ich reise mittlerweile regelmäßig durch Deutschland und halte Vorträge über unseren Beruf. Wir müssen stärker aufklären, transparenter arbeiten und dem Zuschauer erklären, was wir genau tun. Warum stelle ich wem welche Frage? Warum laden wir wen ein? Was sind Fake News? Was ist ein Fehler? Oder wenn Journalisten kritische Fragen stellen, ist das in der Regel nicht ihre eigene Meinung, sondern sie nehmen die Position der Gegenseite ein, um herauszufinden, was der Befragte entgegenzusetzen hat. Nur so behalten wir unsere Glaubwürdigkeit oder bekommen verlorenes Vertrauen zurück.

prisma: Neben Ihrem Talk, der zur festen Instanz wird, fangen Sie im August auch als Moderatorin des "aktuellen sportstudios" an. Wann ist Ihre erste Sendung?

Hayali: Mein Debüt ist der erste Spieltag der neuen Fußball-Bundesligasaison, am 25. August. Ich dachte mir, ich fange mal ganz klein an (lacht).

prisma: Die Menschen kennen Sie als politische Journalistin, dabei kommen Sie aber sogar eigentlich vom Sport.

Hayali: Ja, ich habe Sport studiert und auch journalistisch in diesem Bereich angefangen. Über zehn Jahre arbeitete ich im Sport. Trotzdem war ich die letzten zehn bis zwölf Jahre eher Fan denn professionell dem Sport verbunden. Das heißt auch, ich muss mich jetzt wieder reinarbeiten. Beim "aktuellen sportstudio" habe ich drei Moderations-Kollegen, die mir netterweise dabei helfen wollen. Darüber freue ich mich sehr. Die Sendung zu moderieren, ist ein Kindheitstraum.

prisma: Und wollen Sie Dinge anders machen als Ihre Kollegen?

Hayali: Wenn ich könnte, würde ich Borussia Mönchengladbach zum Deutschen Meister moderieren (lacht). Doch das könnte schwierig werden. Sie müssen es irgendwann einfach ohne meine Hilfe schaffen. Das wäre ein weiterer Traum von mir.


Quelle: teleschau – der Mediendienst