Sie haben Bärte, sprechen Arabisch und treffen sich in konspirativen Wohnungen mit verdunkelten Fenstern – mitten in Deutschland. Die Gruppe "12thMemoRise" bereitet jedoch keinen Anschlag vor. Ganz im Gegenteil. Der 26-jährige Student Hassan Geuad, mit zehn Jahren kam er aus dem Irak nach Deutschland, gründete eine Aktionsgemeinschaft, die sich gegen islamistischen Terror wehrt.

Mit beklemmenden Vorführungen in Fußgängerzonen – unter anderem dem Nachstellen von IS-Exekutionen – und im Internet erregten sie viel Aufmerksamkeit. Deutsche Islamverbände distanzieren sich jedoch von Hassan und seinen Freunden. Till Schauders Dokumentarfilm "Glaubenskrieger", der seine Erstausstrahlung 2017 im Ersten feierte, ist lehrreich und reißt aufgrund der Nähe zu seinen Protagonisten ungemein mit.

Sie tragen ihr Herz auf der Zunge und das ist eine große Stärke dieses Films, der 2016 den ARD-Wettbewerb "Top of the Docs" gewann. Hassan und seine Freunde sprechen ein wenig wie Gangsta-Rapper, aber ihre Botschaften und Ziele sind andere. Mit geringsten finanziellen Mitteln versuchen sie ihre Glaubensbrüder für ein Aufstehen gegen den Terror zu bewegen.

Ihre Werkzeuge: das Internet und öffentliche Happenings, die irritierenden Kunstaktionen gleichen. "12thMemoRise" erreichen so eine große Öffentlichkeit, treffen jedoch auf wenig Verständnis. Auf der Straße werden sie von Muslimen angefeindet und bedroht. Auch die offiziellen deutschen Islamverbände tun einiges dafür, die Gruppe nicht zu unterstützen. Was – nebenbei erwähnt – nicht weniger beklemmend ist als die gespielten Exekutionen in der Fußgängerzone.

Doch der Film fesselt nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Geschichte aus neuem Blickwinkel. Nebenbei erzählen die jungen Protagonisten ihre Familien- und Lebensgeschichten. Allesamt sind sie gläubige Muslime, die mehrmals täglich beten und dabei dennoch witzig, "cool" rüberkommen. Selbst dann, wenn Hassan erklärt, warum er keinen Sex vor der Ehe will und ein Loblied auf Jungfrauen singt. Jene im "Diesseits" wohlgemerkt. Auch ein paar aufgeweckt-verschleierte Muslima, die gleichberechtigt behandelt werden, gehören zur Gruppe. Derlei Ambivalenzen muss und kann man während dieser knapp anderthalb Stunden aushalten und verstehen lernen.

Weil Hassan und seine Gruppe die Kamera so nahe an sich heranlassen, wie man es selten in einem Dokumentarfilm sieht, gewinnt "Glaubenskrieger" eine fast schon "Real Life"-artige Intensität. Bis hin zu jenen Szenen, in denen man sich aufgebracht streitet und Protagonisten Türen schlagend aus dem angemieteten Aktionsraum flüchten. Was macht man als Filmemacher in diesem Moment? Man rennt den Streithammeln mit wackelnder Kamera hinterher!

"Glaubenskrieger" ist ein wichtiger Beitrag zur Islam-Diskussion in Deutschland, mit teilweise unangenehmen Einsichten. Ein durchaus provokanter Beitrag zur Debatte, inwieweit der Islam in seiner gegenwärtig institutionalisierten Form tatsächlich friedfertig ist.


Quelle: teleschau – der Mediendienst