Mit Anwälten ist es ein bisschen so wie mit Ärzten und Polizisten: Um ihren doch meist ziemlich drögen Alltag spannend genug fürs Fernsehen zu machen, muss man sich als Drehbuchautor schon einiges einfallen lassen. Im Falle der Amazon-Produktion "Goliath", die im Herbst 2016 ausgestrahlt wurde, sind mit den Serienschöpfern allerdings die Gäule mehr als nur ein bisschen durchgegangen. Da wurde mit Billy McBride ein Anwalt geschaffen, der statt in Gesetzestexte in Whiskey-Gläser guckt und dem man eine Ex-Prostituierte und allerlei anderes, sonderbares Personal an die Seite gestellt hat. Das Wundersame an "Goliath" aber war: Es hat funktioniert.

Das lag – und es ist in der zweiten Staffel, die Amazon ab 15. Juni 2018 zeigt, nicht anders – vor allem an einem fantastischen Hauptdarsteller. Billy Bob Thornton würde man wohl alles abkaufen, sogar eben jenen Billy McBride, der seine Anwaltskanzlei gegen ein schäbiges Motelzimmer in Los Angeles eingetauscht hat. Man erinnere sich: In Staffel eins erfuhr der Zuschauer, wie McBride als hoch bezahlter Staranwalt einst einem jungen Mann zu einem Freispruch verhalf, der anschließend eine gesamte Familie auslöschte. McBride verfiel dem Alkohol, und erst die Begegnung mit Anwaltskollegin Patty Solis-Papagian (Nina Arianda) und ein neuer Fall brachten ihn wieder ein wenig auf Spur.

Wobei McBride auch jetzt, in Staffel zwei, weit davon entfernt ist, ein Leben zu führen, das man als respektabel bezeichnen würde. Noch immer ist die Bar neben seinem Motel sein zweites Zuhause, und einen neuen Fall nimmt er auch nur an, weil ihn ein Freund darum bittet. Die beiden Söhne von Oscar Suarez (Lou Diamond Phillips) wurden erschossen aufgefunden, offenbar waren sie tief verstrickt in Drogengeschäfte. Als Oscars jüngster Sohn Julio (Diego Josef) festgenommen wird, weil er aus Rache am Mord an seinen Brüdern einen andern Drogenhändler erschossen haben soll, übernimmt Billy die Verteidigung des Teenagers.

Schon in Staffel eins war "Goliath" immer ganz nah dran an der großen Verschwörung, und auch hier ist alles eine Nummer größer. Denn Julio, der in U-Haft eine ziemlich jämmerliche Figur abgibt, ist auch der Zögling von Marisol Silva (Ana de la Reguera). Die ehrgeizige, aber grundsympathische junge Frau will neue Bürgermeisterin von Los Angeles werden. Da sind die Anschuldigungen gegen Julio natürlich ein Super-Gau für ihre Wahlkampagne. Zumal, so viel deutet sich bald an, das mexikanische Drogenkartell, das längst in Los Angeles feste Wurzeln geschlagen hat, auch im dortigen Wahlkampf mitmischt. Der Goliath, dem der Anwalts-David hier gegenübersteht, ist ein brutales Monster.

Die neuen Folgen nehmen sich zunächst sehr viel Zeit, ihre Protagonisten vorzustellen und diese miteinander in Beziehung zu setzen, bevor es spannend wird. Was einen dann aber doch bei der Stange hält, ist Hauptdarsteller Billy Bob Thornton (der für seine Darstellung des Anwalts mit dem Dackelblick im vergangenen Jahr übrigens mit einem Golden Globe geehrt wurde). Er spielt Billy McBride wieder mit dieser unvergleichlichen Mischung aus aufrichtigem Charme und nur schwer zu durchschauender Verschlagenheit. Und das ist schon Grund genug, um "Goliath" trotz eines arg gemächlichen Starts dann doch zu lieben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst