Brigitte Hobmeier: „Wir werden von unseren Kindern auf unsere Werte geprüft“
Was reizt Sie an der Umkehrung, dass hier nicht Homosexualität, sondern Heterosexualität zum „Problem“ wird?
Brigitte Hobmeier: Für mich ist das gar nicht das Thema des Films. Das Thema ist Familie, liberale Eltern, die, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung, von ihren Kindern auf ihre Werte geprüft werden. Dass dies in unserem Fall zwei Mamas sind, die von ihrer Tochter durch den Reißwolf getrieben werden, ist ein Mittel des Autors, um sofort dramatische, skurrile Situationen zu zaubern.
„So haben wir dich nicht erzogen“: Wenn Toleranz zur Herausforderung wird
Steckt nicht auch eine gewisse Ironie darin, dass hier zwei Mütter mit der Vielfalt ringen?
Absolut. Am lustigsten kommt das durch den Satz meiner Figur Balbina zum Ausdruck, wenn sie sagt: Hey wir sind tolerant. Sie (Inka, meine Frau) ist der tolerante Teil von uns, und ich bin der Teil, der den toleranten Teil toleriert. Wunderbar.
Welche Werte verteidigt Balbina so vehement – und warum sind sie ihr so wichtig?
Weil sie wichtig sind. Gesellschaftliche Gleichberechtigung, Selbstbestimmtheit des eigenen Körpers, nachhaltige Lebensweise, den weiblichen Blick in der immer noch stark männlich dominierten Welt etablieren und erkämpfen. Das sind doch wichtige Werte. Heute!
Welche Gründe für Balbinas Skepsis gegenüber Andreas finden Sie nachvollziehbar? Schließlich reagiert sie ja nicht grundlos mit Ablehnung.
Der Hauptgrund ihrer Skepsis ist, dass sie Andreas nicht kennt. Da kommt ein Mensch und sagt, ich will eure Tochter heiraten, und sie wusste bis dato nichts von seiner Existenz. Da gehen doch bei allen Eltern die Alarmglocken an. Und dass ein Mensch, der Literatur und Philosophie studiert, nicht nachvollziehen kann, dass Sprache seit jeher als Machtinstrument genutzt wird, als Bevormundung der Gesellschaft, das enttäuscht Balbina sehr. Sprache ist fließend, Sprache ist Ausdruck der Gedanken und Glaubenssätze einer Gesellschaft und deshalb ist es für mich persönlich absolut nachvollziehbar, dass sich Balbina an die Bibel setzt und sich die Frage stellt, wie „das Wort Gottes“ heute neuinterpretiert werden kann. Das ist seit jeher ein Prinzip der Gelehrten aller Religionen, die alten Schriften auf unser Heute zu prüfen, Antworten auf unser heutiges Sein und Leben zu finden. Das sehen sie bei jeder Messe in der Predigt der Priester und Pastorinnen. Das ist das Herz eines jeden Gottesdienstes.
Hobmeier über die Rolle von Komik in gesellschaftlichen Debatten
Was begreift Balbina über Toleranz, als sie selbst gefordert ist, sie zu leben?
Das, was wir alle jeden Tag aufs Neue spüren. Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten. Und das große Geschenk, wenn sie mal übereinander liegen.
Wie wichtig ist Humor und Zuspitzung Ihrer Meinung nach, um solche gesellschaftlichen Themen zu erzählen?
Das Leben ist viel zu wichtig, um es ernst zu nehmen (Oscar Wilde). Humor ist das beste Mittel. Humor sprengt die Mauern. Das ist meine tiefe Überzeugung.
Welches Gefühl hinterlässt der Film im besten Fall bei den Zuschauerinnen und Zuschauern?
Freude und hoffentlich einen kleinen Muskelkater im Bauch.
„So haben wir dich nicht erzogen“ ist in der ARD-Mediathek verfügbar und läuft am 18. März im Ersten.