Diese Rolle zu übernehmen, hat Anna Bachmann sicherlich viel Mut abverlangt. In "Ich gehöre ihm" (Mittwoch, 30. August, 20.15 Uhr, ARD) geht es um sogenannte "Loverboys" und Prostitution. Für die 19-Jährige bedeutete das, sich vor der Kamera bis auf die Unterwäsche auszuziehen und eine Menge emotional herausfordernder Szenen zu spielen.

Auf einen großen Erfahrungsschatz konnte Anna Bachmann dabei nicht zurückgreifen, denn dies war ihre erste Produktion. Im Interview erzählt die baldige Studentin, wie es war, sich in eine 15-Jährige hineinzuversetzen, und wie wichtig es ist, ein Tabu wie Prostitution anzusprechen.

prisma: Sie durften mit 18 Jahren eine 15-Jährige spielen. Wie war diese kleine Zeitreise in die Vergangenheit für Sie?

Anna Bachmann: Teenager haben ganz andere Probleme und Gedanken, und um sich da noch mal einfühlen zu können, habe ich meine alten Tagebücher rausgekramt und darin gelesen. Das hat mir geholfen, Caro ein wenig zu verstehen und ihre Entscheidungen auch etwas mehr nachvollziehen zu können. Es hat Spaß gemacht, vom heutigen Punkt auf einen früheren Lebensabschnitt zu schauen.

prisma: Haben Sie sich zuvor schon mit dem Thema Zwangsprostitution auseinandergesetzt?

Bachmann: Nein, ich hatte den Begriff "Loverboy" zwar schon mal gehört, aber nicht wirklich mitbekommen, was dahintersteckt. In der Schule wird man darüber kaum aufgeklärt. Außerdem denkt man ja immer: "Mir passiert so was eh nicht!" Dabei stimmt das nicht, denn "Loverboys" können jeden in ihre Fänge bekommen.

prisma: Das heißt, es müsste ein größeres Bewusstsein für die Gefahren geschaffen werden?

Bachmann: Absolut! Es ist extrem wichtig, dass solche Tabu-Themen bekannt sind und man eine Sensibilität für sie entwickelt. Wenn ich Freunden oder anderen über das Film-Projekt erzählt habe, kam meistens die Frage, was Loverboys denn überhaupt seien. Man muss mehr aufklären. Und ich spreche da nicht nur davon, junge Mädchen zu informieren, sondern auch Männer und ältere Leute.

prisma: Sollten die öffentlich-rechtlichen Kanäle mehr solche Tabus anpacken?

Bachmann: Die Medien sind dafür da, um Themen anzusprechen und zu verbreiten. Sie sind eine Informationsquelle, egal wie diese Infos verpackt sind. Ich finde, dass generell mehr Aufklärung geleistet werden muss, was die verschiedenen Seiten der Prostitution angeht. Man kann nicht totschweigen, dass es sie in unserer Gesellschaft gibt.

prisma: Der Film ist trotzdem Entertainment. Ist es richtig, ein so ernstes Thema unterhaltsam aufzubereiten?

Bachmann: Dadurch, dass der Film zur Primetime ausgestrahlt wird, ist es sein Ziel zu fesseln und zu unterhalten. Nur wenn der Streifen die Zuschauer auch packt und vor dem Fernseher hält, interessiert es sie, und man hat die Chance, dass sie sich mit dem Thema auseinandersetzen. Es wäre wünschenswert, wenn sich danach einige noch weiter informieren. Außerdem kommt eine Dokumentation nach "Ich gehöre ihm" und rundet den Themenabend absolut sinnvoll und informativ ab.

prisma: Werden Sie weiterhin auf dem Bildschirm zu sehen sein?

Bachmann: Zuletzt stand ich für den Film "Blutsschwestern" vor der Kamera, ein Kinofilm, der voraussichtlich 2018 rauskommt. Jetzt warte ich ab, ob Angebote kommen, und entscheide je nachdem. Ich würde mich sehr freuen, wenn es weitergeht, aber das kann man nie erzwingen oder voraussagen.

prisma: Haben Sie einen Plan B?

Bachmann: Ich habe letztes Jahr Abitur gemacht und gleich danach den Film gedreht. Jetzt fange ich an, in Köln Sozialwissenschaften zu studieren. Es ist eine spannende Zeit, immerhin ziehe ich jetzt auch zum ersten Mal zu Hause aus.

prisma: Spielen Sie mit dem Gedanken, sich bei einer Schauspielschule zu bewerben?

Bachmann: Ja, aber wenn, dann später. Ich möchte erst einmal etwas anderes lernen und prüfen, ob mir das gefällt. Die Schauspielschule ist deshalb noch lange nicht abgeschrieben. Es ist sehr schwer, dort reinzukommen, aber ich werde es sicher irgendwann probieren.

prisma: Was für eine Rolle würden Sie gerne spielen?

Bachmann: Da bin ich wirklich flexibel. Im Moment steht mir der Sinn nach einer Komödie. Aber ich probiere mich gerne aus, am liebsten an Rollen, die so gar nicht sind wie ich. Das ist dann eine richtige Herausforderung, weil man sich in einen ganz anderen Charakter hineinversetzen muss.

prisma: Der Film "Ich gehöre ihm" war Ihre erste TV-Produktion. Wie war das für Sie?

Bachmann: Es ist eine unglaubliche Erfahrung, das erste Mal vor der Kamera zu stehen. Ich habe mich generell für Film interessiert, aber nie geplant, Schauspielerin zu werden, daher kam ein so großes Angebot für mich recht überraschend. Zum Glück war das Team überaus angenehm und hat es mir leichtgemacht.

prisma: Wie sah Ihre Vorbereitung auf diese Rolle aus?

Bachmann: Ich habe viel recherchiert, Dokumentationen angeschaut und gelesen. Es war unglaublich spannend, diese Rolle zu kreieren. Eine große Hilfe war Bärbel Kannemann von der Organisation "No Loverboys", die uns zur Seite stand. Sie hat Fragen beantwortet und vor allem eine Betroffene mit einbezogen. Das Mädchen erzählte uns viel über sich und ihre Vergangenheit, was dem Film seine Authentizität verleiht.

prisma: Welche Szenen waren besonders schwer zu spielen?

Bachmann: Es war schwierig, die Entscheidungen, die meine Rolle, Caro, treffen musste, zu verstehen und dann auch überzeugend zu spielen. Man muss sich perfekt in den Teenager hineinversetzen. Auch die Szenen, in denen man viel Haut sieht, waren nicht einfach. Es ist sehr ungewohnt, nur in Reizwäsche vor vielen Menschen herumzulaufen. Außerdem sind die Szenen nicht positiv besetzt, sondern es wurde negativ mit der Sexualität umgegangen. Das Zusammenspiel, nackt zu sein und dann auch noch so viele Emotionen zu leben, war alles andere als einfach. Zum Glück war ich vertraut mit dem Team, und sie haben einen sicheren Raum geschaffen, sodass ich mich auch in Ruhe einfühlen konnte.

prisma: Haben Sie sich Gedanken gemacht, dass Sie ganz Deutschland mehr oder weniger nackt sehen wird?

Bachmann: Natürlich! Trotzdem sage ich mir: Je mehr Leute das anschauen, desto besser, denn es öffnet ihnen vielleicht die Augen.

prisma: Was haben Ihre Eltern zu dieser ersten Filmrolle gesagt?

Bachmann: Anfangs waren Sie nicht übermäßig begeistert, das ist ja auch kein Wunder. Meine Mutter hat mir viel Rückhalt gegeben und versichert, ich müsste die Rolle auch nicht annehmen, wenn ich nicht möchte. Meine Eltern und ich haben dann viel darüber geredet, und sie haben meine Entscheidung, die Rolle anzunehmen, schließlich akzeptiert und mich unterstützt.

prisma: So eine komplizierte Rolle belastet sicherlich auch in der Freizeit ...

Bachmann: Natürlich kann man eine solche Figur nicht einfach abschütteln. Das ist einerseits gut, da man die Gefühle zulässt und sich mit Leib und Seele in die Rolle hineinversetzt. Aber es ist auch emotional sehr anstrengend. Wir hatten eine Woche, in der wir fast alle Sex-Szenen gedreht haben, das war nervenaufreibend. Andererseits habe ich sehr viel gelernt und auch verstanden, wie man als Schauspieler an einer solchen Rolle nicht zerbricht, sondern sie als Figur begreift.


Quelle: teleschau – der Mediendienst