13.11.2020 Neues Album "55"

Ina Müller: Wohnung gucken mit Sabbeltasche

von Marcus Italiani
Ina Müller ist ein Phänomen der deutschen Unterhaltungs-Landschaft.
Ina Müller ist ein Phänomen der deutschen Unterhaltungs-Landschaft.  Fotoquelle: Sandra Ludewig

Mit "55" veröffentlicht Tausendsassa Ina Müller nach fünf Jahren endlich wieder ein musikalisches Lebenszeichen. In welchen Momenten Alter entscheidend sein kann und warum analoges Wohnung-Gucken mehr Spaß macht als digitales Stalken, erfahren wir im Gespräch.

Ina Müller ist ein Phänomen der deutschen Unterhaltungs-Landschaft. Ob Musik, Talkshow oder Film: So ziemlich alles, was die berühmte "Sabbeltasche" aus dem hohen Norden anfasst, wird zu Gold. Daher kann sie ihr neues Album auch problemlos nach ihrem Alter benennen. Dass prominente Damen so offensiv damit umgehen, ist nicht unbedingt gängige Praxis. Ina Müller: "Na ja, den Titel habe ich gewählt, um meine 2006 begonnene Album-Trilogie abzuschließen. Als Adele ihre Alben damals in sehr jungen Jahren "19", "21" und "25" genannt hatte, wollte ich da ein wenig gegensteuern und dachte: "40", "48" und dann eben "55"– Bäm!"

Die Zahl bringt zudem eine ästhetische Komponente mit, von der die Künstlerin sofort begeistert war und rettet vor peinlichen Gernegroß-Titeln, die man vielleicht umständlich erklären muss: "Die 55 konnte ich mir als formschöne Zahl nicht entgehen lassen. Zudem passt sie zum Fotoshooting und lässt genug Platz auf dem Cover. Wenn man sich vorstellt, das Ding hieße: "Ina Müller: Ich halte die Luft an", dann würden die Leute direkt fragen: 'Meinen Sie Corona?'"

Abseits aller Symbolik wird aber auch einfach eine bestimmte Zielgruppe angesprochen. Ina Müller erzählt gerne Alltagsgeschichten – nicht nur in ihrer Show "Inas Nacht", sondern auch in ihrer Musik. "Ich mache das Album für mich und meine Mädels", sagt sie. Und damit wären wir wieder beim Thema Alter und den Folgen. Ein im Song "Laufen" wenig augenzwinkernd in den Raum geworfenes "Früher ham' wir durchgemacht, heute machen wir Pilates", nimmt nicht nur den Umgang der Gesellschaft mit dem Thema aufs Korn, sondern wirft eine existenzielle Frage auf, die Ina Müller für sich klar beantworten kann: "Wir arbeiten gegen den Verschleiß. Es geht am Ende doch darum, das Beste aus sich herauszuholen, ohne sich kaputt zu machen. Für wen auch?" Zumindest nicht für den gut geformten Fitnesstrainer aus dem Song, den sich Frau Müller auch nicht nach Hause holen würde. "Das wäre mir zu anstrengend. Es reicht, wenn ich auf der Bühne den Bauch einziehen muss. Das will ich beim Pilates nicht auch noch haben."

Das Beobachten von Menschen ist nach wie vor ihre größte Inspirationsquelle. "Das hat natürlich aufgrund der Corona-Geschichte etwas gelitten. Und trotzdem gibt es keinen Corona-Song auf dem Album“, sagt sie. Dennoch übe das aktuelle Geschehen Einfluss auf die Entstehung einer neuen Platte aus. "Es gibt so Tage, da kauert man sich ins Bett, schließt die Augen, hält die Luft an und denkt: 'Bitte lieber Gott, lass das alles weg sein, wenn ich die Augen wieder öffne'. Und an anderen Tagen sage ich mir, dass alles schon in Ordnung kommen wird."

Mit dem Song "Wohnung gucken" ist die analoge Form des Insta-Stalkings auf der Platte gemeint. "Genau. Nur, dass diese Variante sehr viel romantischer ist. Jeder hat dazu Bilder und verbindet einen anderen Moment damit. Man schlendert an Häusern vorbei, schmunzelt über Dekos oder sieht dabei zu, wie Leute weggehen. Auf meinem Fenster liegt ein Kissen, und ich beobachte wie damals Else Stratmann die Leute. Was man da alles sieht – ganz toll. Das ist doch das eigentliche Leben."

Pech mit Stefan Effenberg

Letzteres wird auch in Ina Müllers Erfolgs-Talkshow "Inas Nacht" abgebildet, die seit 13 Jahren mit dem Hamburger Kneipencharme, einer gemütlich-nostalgischen Sitzecke und ausgewählten Gästen stattfindet. "Da wir nur zwölf Sendungen pro Jahr machen, picke ich mir Gäste heraus, die wirklich passen und auch ertragen, dass ich selber so viel rede", sagt sie lachend. Dabei sind natürlich vor allem die Abstecher auf die schlüpfrigen Seiten des Fragen-Katalogs legendär. "Ich weiß, dass es jetzt gleich wieder um das Thema Körperbehaarung gehen wird und gebe zu: Ja, dafür habe ich eine Schwäche. Es kommt halt immer auf den richtigen Moment an. Und darauf, dass mein Gesprächspartner nichts in den falschen Hals bekommt", erklärt sie – und hatte nach eigener Aussage in dieser Hinsicht erst einmal Pech. "Ich hatte mal Stefan Effenberg in der Sendung, und irgendwie gab es da ein riesiges Missverständnis. Die Kombi aus Ironie und nicht zu wissen: 'Wo bin ich hier hineingeraten?', hat das Ganze für ihn und dann auch für mich schwierig gemacht. Aber auch das kann nach so vielen Jahren mal passieren. Damit habe ich kein Problem. Die Show macht nach wie vor riesigen Spaß und wird weitergehen."

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