Im September wird er 88 Jahre alt. Kaum ein Altersgenosse scheint noch so voller Energie wie Mario Adorf. Auch, weil eine lang ersehnte Altersrolle nun endlich Realität wurde. Im Dokudrama "Karl Marx – Der deutsche Prophet" (Mittwoch, 2. Mai, 20.15 Uhr, ZDF, und vorab, am Samstag, 28. April, auf ARTE) verkörpert der Weltstar ("Die Blechtrommel", "Winnetou") den – neben Luther – wohl einflussreichsten deutschen Denker der Geschichte. Für Adorf, der viel eigenes Wissen in das Projekt einbrachte, war es eine Herzensangelegenheit.

Das Interesse war gewaltig. An einem windigen, kalten Tag Ende März waren überdurchschnittliche viele Journalisten einer Einladung der ZDF-Außenstelle Hamburg gefolgt, die zur Präsentation des Dokudramas "Karl Marx – Der deutsche Prophet" geladen hatte. Grund für den Andrang war Hauptdarsteller Mario Adorf. Nicht, dass der lange weg gewesen wäre. Im Gegenteil. Der Grandseigneur der deutschen Films, fast scheint er wie ein Überlebender gleich mehrerer verblasster Filmepochen, war in den letzten Jahren immer wieder in kleineren Rollen zu sehen. Meist waren die zugehörigen Filme keine Glanzlichter – was nicht an Adorf lag. Eher schien es wie das Altersaustrudeln eines Schauspielstars, der noch Lust aufs Arbeiten hatte. Nun aber die Rolle des Karl Marx, von der es seit Jahren heißt, sie sei Mario Adorfs Traumprojekt.

Dem sei gar nicht so, erklärte der 87-Jährige. Die These habe sich aufgrund der langen Entstehungsgeschichte des Marx-Biopics über die Jahre etabliert. Seit 2004, so Adorf, existierte die Idee, einen Film über die letzte Reise von Karl Marx nach Algier zu drehen. Es sollte ein Spielfilm mit fiktionalen Elementen werden. Das Projekt kam aus verschiedenen Gründen nicht zustande. Anfangs gab es noch große Berührungsangst bei Sendern und Redakteuren. Eigentlich bei allen Leuten, sagt Adorf. Nach dem Motto: "Um Gottes Willen – Marx!" Man war interessiert, aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt.

Mit erstaunlicher Präzision in Budgetfragen schildert die rüstige Filmlegende, die im Dokudrama noch mit einem Filmenkel auf dem Rücken über den Boden krabbelt, wie ein "großer" Marx-Film am Budget scheitere: "Man hatte mit siebeneinhalb Millionen Euro für ein Fernsehspiel und zehn Millionen für ein Kinoprojekt geplant. Das war schlichtweg zu teuer. Daraufhin schlug ich vor, einen Dokumentarfilm zu machen. Insofern war das Projekt für mich abgelehnt. So ist es mehr als zehn Jahre geblieben. Das Gute an der langen Wartezeit war, dass ich mich noch mal intensiv mit Marx beschäftigt habe. So konnte ich mehr eigenes Wissen in das jetzige Projekt mit einbringen."

Auch das pathetische Wort von der Traumrolle lehnt Adorf ab. "Mein ganzes Leben lang war es so, dass ich mir nie Rollen erträumte. Am Theater kann man solche Träume hegen. Man möchte gerne König Lear spielen oder Nathan, den Weisen. Beim Filmen und im Fernsehen gibt es keine Träume. Da kann man nur auf das Angebot warten – und ich warte immer noch." Bei Fragen nach persönlichen Zukunftsplänen – bei einem Mann, der im September 88 Jahre alt wird, immer etwas heikel – gab sich Adorf gelassen kämpferisch. "Das Schöne an meinem Beruf ist, dass man kein abruptes Ende diktiert bekommt. Wir Schauspieler haben immer weiter zu tun, als ob es kein Ende gäbe. Ich empfinde mich auf jeden Fall nicht als vollendet."

"Er hatte sicherlich viele Facetten"

Das Dokudrama "Karl Marx – Der deutsche Prophet" zeigt den deutschen Groß-Denker als widersprüchliche Figur. Als knochigen Despoten, aber auch sehr sanftmütigen Familienmenschen. Wollte man ihn sympathischer zeichnen, als er vielleicht in Wirklichkeit war? "Er hatte sicherlich viele Facetten", meint Marx-Leser Adorf auf diese Frage. "Als 'Womanizer' galt er ja auch noch. Sicherlich war Marx ein fürsorglicher, liebender Familienvater. Es sind allerdings auch mehrere Seitensprünge seinerseits bekannt. Insgesamt wurde er als einnehmender, sympathischer Mann beschrieben. Die, die ihm begegneten, waren beeindruckt. Aber seine negativen Seiten kommen im Film auch zur Sprache."

Adorfs erste Begegnung mit Marx' Schriften liegen gut 65 Jahre zurück. "Ich fing Anfang der 50er-Jahre an zu studieren. Meine Schulkameraden und ich – eigentlich alle Leute, die man kannte – wir strebten keinen Beruf an. Man sagte einfach: Wir wissen nichts! Gerade, wenn man Germanistik oder Literaturwissenschaften studieren wollte, war man doch völlig blank. Alle großen, interessanten Schriftsteller waren, wenn sie aus Deutschland kamen, emigriert und verboten. Die wichtigen Russen oder Amerikaner – verboten! Man musste sich damals ein Studium generale gönnen, um die Leere der Nazizeit zu füllen." Teil des Adorfschen Wissenspakets war damals Karl Marx. "Alle, die ich kannte", erinnert sich der in der Eifel aufgewachsene Schauspieler, "hatten einen großen Wissensdurst. Selbst über den Nationalsozialismus wurde in den Jahren 1945 bis 1950 ja nichts gelehrt. Es stand nicht auf dem Lehrplan."

Für besondere Nähe zur marxistischen Wirtschaft- und Gesellschaftstheorie sorgten zudem Adorfs Studentenjobs. "Es gab kein Bafög, von zu Hause hatte ich nichts. In den Semesterferien wurde deshalb gearbeitet. Es galt das zu machen, was angeboten wurde – vor allem Wiederaufbau. Die Ferien der ersten Semester verbrachte ich auf dem Bau oder in den Bimsgruben meiner Heimat in der Nähe des Laacher Sees. Das war schweres Malochen. Damals lernte ich eine Menge über Arbeitskraft und Ausbeutung. Dinge, die ich meine ganzes Leben über bei Filmrollen anwenden konnte. Die Baulöwen damals waren natürlich Ausbeuter. Aber es waren eben auch nach dem Krieg die ersten Macher."

Natürlich fühlte sich der junge Adorf dem Lager der Ausgebeuteten näher. Baulöwen und andere Kapitalisten, wie er sie später brillant in Dieter Wedel-Mehrteilern wie "Der große Bellheim" spielte, sie waren für ihn die Ausbeuter. "Ich war nicht mehr nur Student, der Marx las, sondern auch ein Lohnsklave. Das war meine erste Verbindung zu seinem Werk. Allerdings verflüchtigten sich Marx' Gedanken später ein bisschen während der Schauspielkarriere. Sein Name war ja auch über lange Zeit negativ belegt. Man verband ihn mit den Missständen im Osten."

"Irgendwann muss da ein natürliches Ende sein"

Heute im Alter muss Adorf, wie er zugibt, wieder häufiger an Karl Marx und seine Ideen denken. Und das liegt nicht nur daran, dass er am Drehbuch fürs Dokudrama mitarbeitete und seinen Text lernen musste. "Ich glaubte schon seit vielen Jahren, bevor es modern wurde, an das Ende des Kapitalismus. Vielleicht war es naiv von mir, aber ich war überzeugt, dass das Wachstum, von dem immer gesprochen wird, nicht unendlich weitergehen kann. Irgendwann muss da ein natürliches Ende sein. Die Schere zwischen Arm und Reich wird nicht unendlich auseinanderklappen und größer werden können."

Jeder Schauspieler, jeder Künstler, so Adorf, habe ja erst mal ein linkes Herz. Er habe sich selbst nie politisch betätigt, aber die Einstellung sei stets so gewesen, dass er an linke Ideen glauben konnte. "Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob wir das Ende des Kapitalismus noch erleben." Gemeint war damit wohl weniger die Läuterung eines für viele unbarmherzigen Systems, sondern eher die Anerkennung von dessen Macht. Adorf warnte zum Schluss seiner Audienz davor, mühsam erkämpfte Werte einem ungewissen Wertewandel zu opfern.

"Ich habe verfolgt, was sich in der letzten Zeit in Deutschland abspielte. Den Untergang der beiden großen Parteien und die Entwicklung der populistischen Parteien finde ich dramatisch. Das beunruhigt mich. Ich ging 2004 wegen Berlusconi aus Italien weg. Ich fühlte mich schon sehr früh als Europäer. In Zürich bin ich geboren, mein Vater war Italiener, die Mutter Deutsche, meine Frau ist Französin. Ich bin ein Anhänger Europas und der Meinung, dass wir alles tun müssen, um es zu erhalten."

Auch wenn das Dokudrama "Karl Marx – Der deutsche Prophet" bisweilen ein wenig zu sehr ins Private abdriftet, den Ausführungen des Marx-Darstellers wollte man gerne folgen. Und ob man nun eine Traumrolle spielte oder nicht – es dürfte einem Mann in Adorfs Alter ziemlich egal gewesen sein.


Quelle: teleschau – der Mediendienst