ZDF-Talkshow

Lauterbach bei Lanz: "Was wir jetzt beschließen, wird wahrscheinlich für eineinhalb Jahre gelten"

Bundeskanzlerin Angela Merkel präsentierte am Mittwoch erste leichte Lockerungen in der Corona-Krise. Bei Markus Lanz wurde hitzig diskutiert. Vor allem Karl Lauterbach und Wolfgang Kubicki waren sich nicht einig.

Geschäfte bis zu einer Ladengröße von 800 Quadratmetern dürfen wieder öffnen, große Veranstaltungen bleiben bis 31. August untersagt und die Schulen sollen frühestens ab 4. Mai wieder öffnen: Es sei "ein besonders wichtiger Tag in dieser Krise" gewesen, stellte Markus Lanz in seinem Corona-Talk am Mittwochabend (ZDF) eingangs fest, um anschließend die neuesten Beschlüsse und Empfehlungen zu diskutieren. Seine Gäste: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU, zugeschaltet), FDP-Vize Wolfang Kubicki, die Virologin Prof. Melanie Brinkmann sowie Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD, ebenfalls zugeschaltet). Geht Deutschland in der Coronakrise (weiter) den richtigen Weg? Vor allem Epidemiologe Lauterbach und Jurist Kubicki vertraten bei der Beantwortung dieser Frage sehr unterschiedliche Standpunkte.

Dahingehend, dass Deutschland bei der Eindämmung des Virus zuletzt viel richtig gemacht habe, herrschte weitgehend Einigkeit unter den Studiogästen. Für Entwarnung sei es aber trotz erster Lockerungen nach dem Shutdown zu früh. "Wir sind sehr erfolgreich gewesen in den letzten Wochen, aber wir sind noch auf dünnem Eis", erklärte Tschentscher, der die Beschlüsse der Bundesregierung und Ministerpräsidenten zuvor gemeinsam mit Angela Merkel, Markus Söder und Olaf Scholz in einer Pressekonferenz präsentiert hatte. Auch mit Blick auf den Sommerurlaub solle man besser "nicht zu weit in die Zukunft planen".

Mit welchen Zeitfenstern können die Menschen rechnen? Welche Perspektiven gibt es kurz-, mittel- und langfristig? Konkrete Aussagen vermieden Tschentscher und auch Peter Altmaier, der ein Festhalten etwa an den Ausgangsbeschränkungen aber grundsätzlich verteidigte ("gesundheitspolitisch keine Risiken eingehen").

Deutlicher wurde Karl Lauterbach. "Was wir jetzt beschließen, wird in der einen oder anderen Form wahrscheinlich für eineinhalb Jahre gelten", erklärte der SPD-Politiker, denn: "Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass wir in den nächsten Monaten, im nächsten Jahr, eine flächendeckende Impfung haben werden." Man müsse die ohnehin "auf Kante genähte" Reproduktionsrate von 1 (das heißt, dass ein infizierter Mensch je einen weiteren Menschen ansteckt) mindestens halten, "bis wir eine Impfung haben". Wenn sich die Infektionsrate in der Zwischenzeit nur geringfügig erhöhe, "fliegt es uns sofort um die Ohren". An eine zeitnahe Aufhebung der Alltagsbeschränkungen sei demnach also nicht zu denken.

Kubicki sieht Grundrechtseingriff

Vor allem bei Wolfgang Kubicki stieß die zeitliche Perspektive verbunden mit weiter anhaltenden Beschränkungen auf Unverständnis. Der FDP-Vize erkennt einen "Grundrechtseingriff" und polterte: "Das haut Ihnen das Verfassungsgericht komplett um die Ohren!" Mit Blick auf anhaltende Beschränkungen für Wirtschaft und Sozialleben gab Kubicki zu bedenken, dass man das "nicht ewig durchhalten" könne. Kubicki, der mit 68 Jahren selbst zur Risikogruppe gehört, sprach sich zwar für eine Maskenpflicht und gegen "Rudelbildung" aus, man müsse die einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus aber dennoch täglich hinterfragen. Wenn man der Bevölkerung keinen konkreten Weg zurück in den Alltag aufzeige, "dann taugen wir nichts in der Politik".

Vor einer zu schnellen Lockerung warnte aber auch die Virologin Melanie Brinkmann ausdrücklich, da man sich mit der gegenwärtigen Reproduktionsrate des Virus noch in einem sehr kritischen Bereich befinde: "Wenn wir einen Fehler machen, heißt das, dass wir wieder zumachen müssen. Dann haben wir wieder einen Lockdown." Brinkmann plädierte unter Berufung auf eine Studie der Helmholtz-Gesellschaft sogar vorsichtig dafür, an den zuletzt geltenden Maßnahmen ein wenig länger festzuhalten – zumindest so lange, bis man unter anderem eine App zur Kontrolle der Infektionsketten sowie ausreichend Schutzkleidung hätte.

Wenn man die Infektionsrate deutlich unter 1 senken könnte und sich das Virus nicht mehr unkontrolliert verbreiten würde, sei es vielleicht sogar möglich, die Gesellschaft deutlich schneller wieder hochzufahren, als es das jetzige Vorgehen erwarten lässt. Von welchem Zeitraum sprechen wir bei diesem Szenario, wollte Markus Lanz wissen. Dazu Melanie Brinkmann: "Ich denke, da reden wir über Wochen."


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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