25.09.2015 Krimi im Ersten

"Polizeiruf 110": Ohne das Böse...

von Detlef Hartlap
In Magdeburg kommt die Frau des Juniorchefs bei einem Brandanschlag ums Leben.
BILDERGALERIE
In Magdeburg kommt die Frau des Juniorchefs bei einem Brandanschlag ums Leben.  Fotoquelle: NDR/Christine Schroeder

... funktioniert der Thriller nicht. Von Overbeck II, Stasi-Kind und der Liebe eines Magdeburger Kommissars.

Von Autos ist gerade viel die Rede, von deutschen Autos. Jahrzehntelang wurden sie in eine Aura gehüllt: effizient, verlässlich und umworben wie das Goldene Kalb. Immer hilfreich beim großen Illusionstheater waren und sind: die deutsche Presse, voran Autozeitschriften und der ADAC, dem das Schummeln ja auch nicht fremd ist. Das ging bekanntlich solange gut, bis der VW-Konzern, der die meisten deutschen Autos unter die Leute brachte, genau dorthin abrutschte, wo der Kunsthändler und Kunstberater Helge Achenbach vor einiger Zeit gelandet ist – in den unschönen Gefilden des Betrugs. Autos und Kunst – es sind Hybris, übertriebene Gewinnmargen und Beschiss, die sie verbinden.

Was das mit dem neuen, zweiteiligen Polizeiruf 110 zu tun hat? Er handelt unter anderem von "der Treuhand". Das ist zunächst einmal ein Name, der wie "Volkswagen" auf der Biederkeitsskala ganz oben steht. Als der deutsche Michel noch lebte (er scheint ohne Aufsehen von uns gegangen zu sein), gab er für solche Namen alles her, besonders sein Geld.

Treuhand klingt altdeutsch wie "Sparkasse", pseudosolide wie "Deutsche Bank", die nach Devisen-Manipulationen 2,5 Milliarden Dollar Strafe zahlen musste. Und auch der geranienumflochtene Name Treuhand zieht eine Spur der Verzweiflung hinter sich her. Dass die Treuhand nicht nur gewachsene Betriebe, sondern mit ihnen auch zahllose Existenzen und ostdeutsches Heimatgefühl abgewickelt hat, ist ein historischer Teil der hingeschlammten deutschen Wende in den Neunzigerjahren.  

Die unerträgliche Seichtigkeit eines Vorabendprogramms

"Wendemanöver" heißt der Polizeiruf. Das klingt weniger nach Masterplan als nach Schläue und nach aus der Not geborener Improvisation. "Wendemanöver" versucht, einen winzigen Ausschnitt der Treuhand-Machenschaften zu einer Krimihandlung zu filtern (Buchvorlage: Thomas Kirchner, Eigenwerbung: "Ihr Partner für gute Unterhaltung") -  und scheitert. Der Plot hat die unerträgliche Seichtigkeit eines Vorabendprogramms. Es hilft wenig, dass Kirchner und Drehbuchautorin Anika Wangard  ein paar Andeutungen von deutschem Waffenhandel (auch so ein sauberes Geschäft) hinzu addiert haben. Es fügt sich nicht.

Über zwei Sonntagabende hinweg kommt dieser Film, um ein vorletztes Mal auf die Autos zurückzukommen, wie ein äußerlich recht attraktives Modell dahergefahren, das aber viel zu häufig Öl verliert und auch nicht wirklich auf Touren kommt. Was ein Thriller hätte werden sollen, bleibt deutsches Normalfernsehen – gewollt, aber ungekonnt.

Zum Stückwerk gehört, dass wenigstens ein paar Details der Karosserie prächtig glitzern. Das ist in erster Linie der Regie zu verdanken und dem Schauspielerensemble, das sich ins Zeug legt, als gälte es, alle dunklen Flecken der Wendejahre zu tilgen.

Eine rundum überzeugende Ermittlerin

Claudia Michelsen, deren bisherige Auftritte in Magdeburg mit viel Schnickschnack überladen waren (mit dem Motorrad zum Tatort; spätpubertierender Sohn in der rechten Szene etc.), liefert unter der Regie Eoin Moore erstmals eine rundum überzeugende Ermittlerin ab. Mit einem Blick wirft sie Misstrauen und Mitgefühl in die Waagschale und das Wissen um die Schwächen der Kollegen.

Sylvester Groth ist sowieso eine Klasse für sich (und eigentlich eine Nummer zu groß für solche Rollen) liefert sich mit dem verdächtigen Ferdinand Frey (Cornelius Obonya) ein Liebesduell, das von altem Verrat und neuer körperlicher Anziehung geprägt ist. Das hat man so dezent und doch beeindruckend im Fernsehen nicht oft gesehen.

Die Rostocker Kollegen König und Bukow (Anneke Kim Sarnau, Charly Hübner) durften im Verein mit Eoin Moore schon manches Bravourstück liefern. Doch fast die gesamte erste Folge über hat man den Eindruck, dass der Regisseur seine Lieblingsschauspieler ein wenig links liegen lässt beziehungsweise an die Klischees ihrer Rollen fesselt. Charly Hübners Bukow pendelt dubioser denn je zwischen Halbwelt und Brotberuf als Kommissar. Suspendiert ist er ohnehin mal wieder, aber natürlich ahnt man, dass es seine Kontakte und Informationen sein werden, die den Karren letztendlich aus dem Dreck ziehen.

Ein Strauß Blumen, mit Geldscheinen gespickt

Einer Psychologin, die ihn ob seiner verschiedenen Dienstvergehen wieder auf den rechten Polizeiweg bringen soll, darf er an den Kopf werfen, was vermutlich jedem Zuschauer aus dem Herzen spricht: ausgesuchte Unflätigkeiten gegen die Berufsgruppe "Seelenklempner & Abzocke". Als ihn Kollegin König zu einer Entschuldigung nötigt, erledigt Bukow auch das auf seine Weise: Der Strauß Blumen, den er der Psychologin auf den Tisch feuert, ist mit Geldscheinen gespickt. Abblende. Der Zuschauer kann sich selbst ausmalen, was passiert.

Das ist gute Regie. In all den Neuberger-Berben-Wepper-Stumph-Dramoletten, die wir sonst im Fernsehen vorgesetzt bekommen und die alle aussehen, als ob sie im vergangenen Jahrhundert übrig geblieben, hätten wir jetzt in einem ausgedehnten und bedeutungsschwangeren "Still" die Reaktion im Gesicht der Psychologin betrachtet.

Anton Pöschel (Andreas Guenther) ist für Rostock das, was Overbeck (Roland Jankowsky) für "Wilsberg" ist – der Trottel vom Dienst. Der Unterschied besteht darin, dass Jankowsky seiner Rolle bisweilen die zu jeder Komödie gehörige tragische Komponente beimischt, leise zwar, aber doch gekonnt, was ihn längst zur eigentlichen Kultfigur der ansonsten nicht mehr übermäßig originellen "Wilsberg"-Serie gemacht hat.

Guenther schafft das nicht. Er spielt zu hibbelig, um die seinem Anton Pöschel eigene Mischung aus Dummheit und Stolz komödiantisch zur Geltung zu bringen. Seine Sex-Anmache bei Claudia Michelsen – "Na, wir waren beide beim SEK, wir sind beide SEKs" – versandet, weil die Mimik nicht ausreicht.

Die dunkle Seite bleibt zu unterbelichtet

Warum das "Wendemanöver" letztlich nicht gelingt, liegt aber eher am schwachen Gegenpart zum allzu großen Polizeiaufgebot: die dunkle Seite der Wende bleibt bis zur letzten Szene der ersten Folge und dann wieder über weite Strecken der zweiten Folge unterbelichtet.

Familie Richter ist über mindestens zwei Generationen hinweg in dubiose Geschäfte verwickelt, aber man bekommt eher Mitleid mit ihr. Ein die bayerische Mundart pflegender Landesminister (Johannes Herrschmann) huscht wie eine Figur aus dem Kasperle-Theater durch das Geschehen, gerade so, dass alle Kinder im Publikum mit dem Finger aufzeigen: Der! Der isses …

Der Pate im Hintergrund wird von Michael Kind auf sattsam bekannte Weise dämonisch angelegt, glaubwürdig wirkt er nicht.

Der Zufall will es, dass Michael Kind in diesen Tagen auch in "Weissensee" zu sehen ist, wo er einen Stasi-Underdog spielt, der unter den Zumutungen seiner Arbeit zerbricht. Das ist eine Rolle, die tief im Menschlichen wurzelt. Das berührt. Hier muss er das Abziehbild vom skrupellosen Kerl geben. Das lässt kalt. 

VW-mäßig an die Wand gefahren

Es mag seltsam klingen: Es geht um Treuhand-Machenschaften und massenhaft todbringenden Waffenhandel, aber ausgerechnet das Böse erfüllt seine Funktion in diesem Film unzureichend. NDR und MDR, die das aufwendige Manöver verantworten, haben die Karre VW-mäßig an die Wand gefahren.

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