Jürgen Vogel als autark lebender Aussteiger auf dem platten Land in Brandenburg? Eine gebeutelte Kommissarin, die sich zum Stressabbau bei ihm einquartiert? Was zunächst wie eine deutsche Quatschkomödie klingt, stellte sich im aktuellen "Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis" als düsteres Drama heraus, in dem am Ende sogar die Apokalypse drohte.

Was war passiert?

Ein "normaler" Krimi war der "Polizeiruf" nicht: Nachdem in ihrem Haus eingebrochen wurde und die Täter alles filmten, war Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) psychisch am Ende; sie hatte Angst um ihre Tochter. Im brandenburgischen Nirgendwo zog sie auf den Hof des grimmigen Aussteigers Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel), der mit seinen Kindern als Selbstversorger lebte. Er sah sich als "Prepper", der auf das Ende der Welt vorbereitet sein will. Ach ja: Eine späte Leiche, die seiner Ex-Frau, tauchte letztlich auch noch auf.

Gibt es diese Prepper tatsächlich?

Ja! Vogel sagt in seiner Paraderolle Dinge wie: "Wir haben aus der ganzen Welt ein Einkaufszentrum gemacht. Es war klar, dass das irgendwann in sich zusammenfällt." Wenn die Zivilisation zugrunde geht, wenn alle Institutionen versagen und jeder auf sich allein gestellt ist, wollen sie gewappnet sein: so genannte "Prepper" – abgeleitet vom englischen to prepare, zu Deutsch: sich vorbereiten. Vom Horten von Lebensmitteln über das Einmauern im Bunker bis zum Leben im Wald kann das für die Szene-Anhänger unterschiedliches bedeuten. Darunter finden sich viele harmlose Männer, aber auch zwielichtige Verschwörungs- und Waffen-Fans.

Worum ging es wirklich?

Kaum subtil tischte der "Polizeiruf" die ganz großen Themen auf: alternative Politik, Aussteigertum, Apokalypse. Im Kern beschäftigte sich die RBB-Produktion jedoch, in Zeiten von AfD und Co. ganz brandaktuell, mit den Unsicherheiten in der postindustriellen Gesellschaft – vor allem mit auseinanderfallenden Gewissheiten und dem Zerbrechen des Vertrauten im Angesicht (angeblicher) äußerer Bedrohung. Während Olga, von ihrem besorgte Kollegen Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) unterstützt, sich in ihrem Zuhause nicht mehr sicher wähnte, sah ihr Gastgeber Lennard seinen Selbstversorger-Hof als letzte Bastion gegen den Zusammenbruch der Gesellschaft. Am Ende schwang sich der "Polizeiruf" zur Ode an Demokratie und Zivilgesellschaft auf, deren Grundfeste immer wieder neu verteidigt und untermauert werden müssen.

Wie waren die Kommissare in Form?

Schauspielerisch grandios – und aus Ermittlersicht ziemlich nachlässig: Lennard gilt als Hauptverdächtiger des Mordfalls an seiner Ex-Frau Valeska (Patrycia Ziolkowska). Doch Kommissarin Olga sieht sich zwischen Polizeiarbeit und Anziehung zu Lennard hin- und hergerissen – bald stimmte auch sie mit ein: "Wir arbeiten, um mehr zu kaufen und irgendwann zwischen all den gekauften Sachen tot umzufallen." Zumindest Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) behielt vorerst die Übersicht und ermittelte im Umfeld politischer Aktivisten, die in einem verlassenen Schloss lebetn und mit Valeska die Revolution planten. Als am Ende die Apokalypse nahte, fanden sich beide Kommissare hilflos auf Lennards Hof wieder – das gab es beim "Polizeiruf" noch nie!

Wie realistisch war die drohende Apokalypse?

Ein landesweiter Stromausfall legte die Gesellschaft lahm, es herrschte Benzin- und Wassermangel, der Notstand wurde ausgerufen; jugendliche "Mad Max"-Dorf-Banden marodierten mit scharfen Waffen und drohten: "Hier gibt es Krieg, keinen Frieden!": Ja, dieser "Polizeiruf" geriet am Ende gar zum veritablen Apokalypse-Thriller. Der drohende Weltuntergang ist ein beliebtes Filmmotiv – wird in Realität aber oft von Verschwörungstheoretikern kolportiert. Letztere hingegen sind durchaus sehr real.

Aber ein totaler Stromausfall wäre doch möglich?

Möglich, aber hierzulande unwahrscheinlich. Deutschland besitzt mehrere Stromanbieter und regionale Stromnetze; verschiedene Sicherungssysteme sorgen dafür, dass sich das Netz auf Dauer mutwillig so schnell nicht sabotieren lässt oder durch Naturereignisse zerstört wird. Sollte es wider aller Wahrscheinlichkeit dennoch dazu kommen, gibt es Notfallpläne für den Katastrophenfall.

Wer hat sich das Ganze ausgedacht?

Geschrieben und inszeniert wurde der "Polizeiruf" von Regisseur Matthias Glasner, der für seinen ZDF-Zweiteiler "Landgericht" den diesjährigen Grimme-Preis erhielt. Schon einmal experimentierte er an einer langjährige Krimireihe herum: Glasner, der hochgelobte Kinodramen wie "Der freie Wille" drehte, schuf 2012 den viel diskutierten letzten Hamburger Cenk-Batu-"Tatort" samt Mordkomplott gegen den Bundeskanzler. Das war vielen zu gewagt – und auch der erste "Polizeiruf" des Hamburgers wird wieder für Diskussionen sorgen.

Wie gut war der "Polizeiruf"?

So düster, apokalyptisch und politisch war ein "Polizeiruf 110" noch nie! So viele Fragen wurden ebenfalls selten aufgeworfen: Wie verhalten wir Menschen uns, wenn ohnehin alles dem Untergang geweiht ist? Wie anfällig ist unsere kapitalistische Gesellschaft für den totalen Blackout? Und warum spielt Jürgen Vogel eigentlich immer verrücktere Sonderlinge? In jedem Fall griff der mitreißende "Polizeiruf 110", der sich irgendwo zwischen Einsiedler-Kammerspiel und dystopischem Thriller bewegte, energisch in die Debatte um experimentelle Krimis ein: Mehr davon bitte!


Quelle: teleschau – der Mediendienst