Tänzelnd und singend schenkt die Hinke-Lotta in ihrer Kneipe Schnaps aus – zum Spottpreis oder gegen einen Kuss. Auch Stammgast Arne ist betört. Pech nur, dass all das 70 Jahre her ist. Heute ist Arne ein tauber Greis und allein mit seinen Erinnerungen. In einer anderen Kneipe preisen zwei Handlungsreisende ihre Scherzartikel an. Da reitet der schwedische König Karl XII. ins Lokal ein, obwohl der doch seit 300 Jahren tot ist. "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" (2014) findet starke surreale Motive für verpasste Chancen. Die lähmende Lebensangst, die dahintersteckt, stellt der mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnete Film (nun bei ARTE) mit verrückter Geduld nach.

Die Handlungsreisenden Sam (Nils Westblom) und Jonathan (Holger Andersson) wissen nur zu gut, dass sich die Leute auf nichts mehr einlassen. "Wir wollen den Menschen helfen, Spaß zu haben", sagt Jonathan. Aber weder die überlangen Vampirzähne noch den Lachsack oder gar die Gummimaske können irgendjemanden erheitern. Die beiden Herren verbinden die kurzen Episoden des Films.

Vollkommen in Tristesse versunken sind auch die vermeintlich Bessergestellten. "Wie schön, dass es Euch gut geht", winselt ein selbstmordgefährdeter älterer Herr im riesigen Büro ins Telefon, in der anderen Hand eine automatische Pistole. Doch nicht einmal der Tod durchbricht die Routine: Im Wohnzimmer stirbt ein korpulenter Mann beim Öffnen einer Weinflasche am Herzinfarkt, wovon seine Frau durch den Gerätelärm in der Küche nichts mitbekommt.

Lebende Bilder

Teilweise mit den Dekors der Vorgänger-Filme "Das jüngste Gewitter" (2007) und "Songs from the Second Floor" (2000) und zum Teil mit denselben Darstellern erzählt der schwedische Regisseur Roy Andersson seine Episoden vom verschütteten Dasein als "Tableaux vivants", als lebende Bilder. Der hauptberufliche Werbefilmer arrangiert sie im eigenen Studio in schon karikaturhaft depressiver Farbtönung und Ruhe. Das klingt nach bildender Kunst und Theater, hat aber viel mehr mit Kino zu tun, als es den Anschein hat.

Denn Andersson verschmilzt seine Studien über den vereitelten Ausbruch aus der Routine mit der Angst vor der Dynamik der Moderne. Ihr verdankt sich unter anderem die Erfindung der Filmprojektion, sie schlägt sich geschichtlich aber auch oft in Gewalt nieder. Wenn in aller Plötzlichkeit Kavalleristen mit Dreispitz und Säbel in eine Kneipe von heute einfallen, die Frauen daraus aus vermeintlich sittlichen Gründen vertreiben und den Mann am Spielautomaten auspeitschen, ist das zunächst einfach eine irrsinnig komische Rückkehr der Vergangenheit. Zugleich aber erscheint die Trägheit, die "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" den Kneipengästen angedeihen lässt, als Symptom kollektiver Belastung durch die Historie. Die ist nicht aufgearbeitet, sondern wirkt durch Gedankenlosigkeit furchtbar fort.


Quelle: teleschau – der Mediendienst