Nach zahlreichen Rollen in Komödien und Sitcoms gibt die Schauspielerin Susan Hoecke in der neuen SAT.1-Reihe "Cora Stein" ihr Krimi-Debüt. Eine Entwicklung, die sie im Interview ausdrücklich begrüßt – auch wenn sie die neue Arbeit an "ungemütliche Orte" führt.

Der Herbst steht bei SAT.1 unter dem Motto Krimis, Krimis und noch mehr Krimis. Gleich vier Formate schickt der Sender zum Jahresausklang an den Start. Mit dabei: Cora Stein (Susan Hoecke), die in der Auftaktepisode der gleichnamigen Reihe, "Das vergessene Dorf" (Montag, 21. Oktober, 20.15 Uhr), einen missglückten Selbstversuch untersucht. Ihre Nachforschungen führen die gewiefte Journalistin in ein Auffangzentrum für afrikanische Flüchtlinge, wo sie mit Voodoo in Kontakt kommt. Für Hauptdarstellerin Susan Hoecke ist die Rolle absolutes Neuland, war sie bisher doch hauptsächlich in Komödien und anderen eher seichten Formaten, etwa "Inga Lindström: Ausgerechnet Söderholm" (Sonntag, 20. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF), zu sehen. Im Interview spricht die 38-Jährige über Versagensängste, ihr Verhältnis zu Horrorfilmen und verrät, weshalb Nutella eine besondere Bedeutung in ihrer Kindheit einnahm.

prisma: Die deutsche TV-Landschaft ist bekannt für ihre Krimis. Was macht die "Cora Stein"-Reihe besonders?

Susan Hoecke: Die Thematik ist sehr spannend. Es geht um eine Journalistin und eben nicht wie in vielen Krimis um Polizisten oder Kriminologen. Cora Stein wird durch einen Zufall privat in den Fall involviert und lässt ihren Urlaub sausen, um ihrem journalistischen Spürsinn nachzugehen. Dieser persönliche Bezug macht die Geschichte so interessant. Außerdem spielt ein Großteil der Handlung im ländlichen Gebiet um Berlin und nicht wie oft in einer Metropole.

prisma: In den vergangenen Jahren waren Sie als TV-Schauspielerin besonders für Ihre Rollen in Komödien oder Sitcoms bekannt. Jetzt wagen Sie Ihr Krimi-Debüt. Was macht für Sie den Reiz dieses Genres aus?

Hoecke: Zum Beispiel, dass ich nicht auf meine gewohnten Spielweisen aus der Komödie zurückgreifen kann. Während ich bisher häufig wegen meines Comedy-Timings oder meines Typs besetzt wurde, stand dieses Mal rein mein Spiel im Mittelpunkt. Für mich, die ich als Schauspielerin schon lange in der Branche bin, ein tolles Erfolgserlebnis,

prisma: Wie aufregend war es, Ihre Komfortzone zu verlassen und sich in einem neuen Genre auszuprobieren?

Hoecke: Es war sehr spannend und hatte mit viel Vorbereitung, aber auch Versagensängsten zu tun. Weil ich in diesem Genre als Hauptfigur bisher noch nicht besetzt war, habe ich mich oft gefragt: "Kann ich das überhaupt?" Manches konnte ich für die Figur dann sogar benutzen, weil es auch für Cora eine ungewohnte Situation ist. Aber das ist das Tolle an meinem Beruf, dass ich mich ausprobieren und in neue Sphären und Figuren eintauchen darf. Deswegen war letztendlich genau die Angst, ob ich dieses Format tragen kann, der größte Motivator.

prisma: Wie konnten Sie sich von diesen Sorgen distanzieren?

Hoecke: Nicht, dass ich ein wahnsinnig spiritueller Mensch wäre, aber ich glaube an die Macht der Gedanken. Wenn ich merke, dass in einer Situation mein Denken nicht hilfreich ist, dann versuche ich mich mental in eine positive Richtung zu lenken. Das hat mir geholfen, ebenso wie die Zusammenarbeit mit einem Coach und der Regisseurin.

prisma: Was macht den Charakter von Cora Stein aus?

Hoecke: Sie ist eine sehr starke und selbstbewusste Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Sie liebt ihren Job über alles, wodurch sie sich und eigene Bedürfnisse zuweilen aus den Augen verliert. Statt im Privaten sucht Cora ihr Glück im Beruf. Was ich auch spannend an der Figur fand, ist, dass ihr nicht sofort ein Mann an die Seite gestellt wurde. Stattdessen wird sie als unabhängige Frau beschrieben, die sie gerne bleiben möchte. Sie stürzt sich lieber in die Arbeit, weil sie da möglicherweise nicht so enttäuscht werden kann wie in einer Beziehung. Dabei kämpft sie auch gegen eigene Gefühle an.

prisma: Welche Charakterzüge teilen Sie mit Ihrer Rolle?

Hoecke: Ich bin auch ein sehr angstbefreiter Mensch. Ich bin gut darin, durch Gedanken mulmige Gefühle umzulenken zum Beispiel im Dunkeln oder anderen schaurigen Situationen. Außerdem ist mir Gerechtigkeit sehr wichtig, und ich habe definitiv auch ein kleines Helfersyndrom. Wenn ich merke, dass meine Hilfe gebraucht wird, dann kann man auf mich definitiv zählen.

prisma: Cora Stein ist ehrgeizig und verzichtet im Film sogar auf ihren Wellnessurlaub. Eine weitere Parallele?

Hoecke: Tatsächlich bin ich ein sehr ehrgeiziger Mensch. Nach der Castinganfrage wusste ich, ich muss diese Rolle unbedingt spielen. Und bisher war ich der Meinung, das sind eigentlich die schlechtesten Voraussetzungen, um zu einem Casting zu gehen. Aber das Leben hat mich eines Besseren belehrt. Ich wurde in einer Lehrerfamilie und in der ehemaligen DDR groß, und da habe ich viel in Sachen Ehrgeiz und Biss mitbekommen.

prisma: In der Auftaktfolge spielt Voodoo eine wichtige Rolle. Hatten Sie zuvor schon einmal Kontakt damit?

Hoecke: Letztlich kannte ich Voodoo nur aus Filmen, in denen Voodoopüppchen irgendwelche Menschen verzaubert haben. Aber ich habe nicht gewusst, dass es weltweit 60 Millionen Voodoo-Anhänger gibt und es in manchen Ländern sogar die Staatsreligion ist.

prisma: Relativiert der Film den Mythos Voodoo, den die Öffentlichkeit oft transportiert?

Hoecke: Auf jeden Fall. Ich finde, wir gehen das Thema anders als üblich an, und dadurch wird es eben nicht mystifiziert.

prisma: Der Film lebt von seiner düsteren Grundstimmung. Mögen Sie auch privat gerne Filme aus den Genres Thriller oder Horror?

Hoecke: Nein, überhaupt nicht. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber wahnsinnig schreckhaft. Wenn mich ein Film packt, und das passiert meistens bei Horrorfilmen, bin ich die Erste, die im Kino auf dem Fußboden sitzt, sich die Augen zuhält und gelegentlich laut aufschreit. Das ist für alle Beteiligten im Kinosaal nicht schön. Dementsprechend schaue ich mir solche Filme nur zu Hause und in Gesellschaft an.

prisma: Wie ging es Ihnen bei der ersten Ansicht von "Cora Stein"?

Hoecke: Da kannte ich das Drehbuch und wusste zum Glück vorher, was jetzt gleich passiert. Trotzdem habe ich mich das ein oder andere Mal erschrocken. Durch die Vertonung und die Schnitte wirkt es am Ende einfach noch mal ganz anders.

prisma: Wie geht es mit Cora Stein nach der Ausstrahlung des ersten Teils weiter?

Hoecke:. Wenn viele Zuschauer einschalten, wird es nächstes Jahr zwei weitere Filme geben, denn es soll eine Reihe werden.

prisma: Sie wuchsen in Ost-Berlin auf und waren acht Jahre alt, als die Mauer fiel. Welche Erinnerung haben Sie an dieses denkwürdige Ereignis?

Hoecke: Ich erinnere mich daran, dass unsere Nachbarn an der Tür klopften und meinten, wir müssten ganz schnell mitkommen, weil etwas passiert sei. Sie nahmen uns mit in ihre Wohnung, und dann sahen wir im Fernseher Menschen, die über eine Mauer sprangen. Meine Mama nahm meine Hand und sagte: "Jetzt sind wir frei." Natürlich konnte ich als kleines Kind die Konsequenzen nicht einschätzen. Mein erster Gedanke war damals, dass ich jetzt endlich eine Barbie bekomme – und Nutella.

prisma: Hatten Sie in Ihrer Kindheit das Gefühl, eingeschränkt gewesen zu sein?

Hoecke: Nein. Wir konnten ans Meer nach Bulgarien oder an die Ostsee fahren. Als Kind wirkt die Welt sowieso ganz anders. Was das Schöne war, – dass man diesen Vergleichsgedanken nicht hatte. Wir waren irgendwie alle gleich und niemand hatte die tollen Schuhe, die man selber auch haben wollte. Diesen Gedanken "Höher, schneller, weiter" gab es bei uns irgendwie nicht. Ich empfand meine Kindheit als sehr schön und wohlbehütet. Letztlich wurde vieles vom Staat unterstützt, um Kinder glücklich zu machen, etwa kostenlose Sport-AGs, Theater, Kino, ...

prisma: Haben Sie nach der Grenzöffnung eine Veränderung wahrgenommen?

Hoecke: Großartig hat sich nichts verändert, aber vielleicht war ich auch einfach noch zu jung. Ich wollte damals unbedingt Nutella. Aber Nutella machte damals fast ein Monatsgehalt meiner Eltern aus, das konnte man nicht bezahlen. Deshalb gab es diese Süßigkeit nur einmal im Jahr. Nach der Wende konnte man sich das regelmäßiger kaufen, und ich bekam meine lange ersehnte Sternenbarbie. Aber schon zwei Wochen später habe ich ihr die Haare abgeschnitten. Das hat mich also auch nicht wirklich glücklicher gemacht.

prisma: Inwiefern existiert auch heute die Trennung zwischen Ossis und Wessis?

Hoecke: Vor allem sprachlich fällt es mir nach wie vor auf. Ick höre, wenn eener Ostberlinerisch und eener Westberlinerisch quatscht. Natürlich gibt es Menschen, die den Osten liebten und alles so gelassen haben, wie es war. Andere zogen wiederum weg zu ihren Familien im Westen. Ich weiß aber nicht, ob man heute noch so klar Ossis von Wessis abgrenzen kann. Vielleicht gab es mehr Zusammenhalt. Das gemeinschaftliche Denken und der Teamgedanke waren bei uns im Osten schon sehr ausgeprägt. Außerdem gehe ich mit Essen und Produkten bis heute anders um. Ich kann zum Beispiel kein Essen wegwerfen oder gehe verschwenderisch damit um. Das ist Teil meiner Erziehung in der DDR und in mir drin.

prisma: Sie leben auch heute noch in Berlin und haben eine enge Beziehung zu der Stadt. Was macht Berlin für Sie so speziell?

Hoecke: Für mich ist es die Vielfalt, die Berlin besonders macht. Wenn ich nach Kreuzberg fahre, bin ich in einer ganz anderen Welt als in Charlottenburg. Diese Unterschiede und auch den Kiezcharakter mag ich total gerne – gerade auch die verschiedenen Kulturen, die aufeinanderstoßen. Das macht Berlin aus, genau wie Vielzahl an Museen und Ausstellungen und das ganze tolle Kulturangebot. Außerdem ist Berlin eine Stadt, in der man die Mieten noch bezahlen kann.

prisma: Was an Ihnen ist typisch berlinerisch? Die Berliner Schnauze?

Hoecke: Ja, die hab ick. Ich bin ein wahnsinnig ehrlicher und manchmal zu direkter Mensch. Aber ich habe es gelernt, mich zu entschuldigen oder es zu realisieren, dass etwas beim Gegenüber falsch ankommen könnte. Aber ja, ich habe eine typische Berliner Kodderschnauze.

prisma: Sie haben kürzlich in einem Interview geäußert, dass sie gerne eine waschechte Berlinerin spielen würden. Hat sich seither was getan in dieser Hinsicht?

Hoecke: Leider noch nicht. In der RTL-Sitcom "Sektetärinnen von 9 bis 5", die ich derzeit drehe, gibt es aber einen Moment, in dem meine Figur in den Berliner Akzent verfällt. Darauf freue ich mich sehr, weil ich bisher noch nie berlinern durfte. Das mag auch daran liegen, dass ich sehr schnell hochdeutsch gelernt habe, weil mein Vater Deutschlehrer war. Daher haben viele Besetzer es gar nicht im Kopf, dass ich so eine Kodderschnauze habe. Aber ich gehe das ganz entspannt an. Irgendwann kommt auch die Berliner Göre zum Vorschein.

prisma: Haben Sie durch "Cora Stein" Gefallen am Krimi-Genre gefunden?

Hoecke: Definitiv. Es bewegt sich derzeit in seine sehr schöne Richtung. Das einzige was man bei dieser Art Thrillern wissen muss, ist dass man sehr viele Nachtdrehs hat und an ungemütlichen Orten dreht. Aber das nehme ich gerne in Kauf, wenn man so tolle Figuren spielen darf. Außerdem erweitert sich dadurch mein Spielspektrum. Ich habe dieses Jahr einen Thriller für SAT.1, einen Liebesfilm für das ZDF und eine Sitcom für RTL gedreht, arbeite also auch senderunabhängig. Besser kann ein Jahr nicht laufen. Diese Vielfalt habe ich mir als Schauspielerin immer gewünscht.

prisma: Streben Sie auch wieder Rollen in Kinofilmen an? Zuletzt waren sie ja 2014 in "Vaterfreuden" zu sehen ...

Hoecke: Total gerne. Eine größere Rolle in einem Kinofilm zu übernehmen und damit auf der Leinwand zu überzeugen, wäre ein großer Traum.


Quelle: teleschau – der Mediendienst