Thomas Strunz gehört zu den gefragtesten Fußball-Experten im deutschen Fernsehen. Der Grund dafür ist einfach: Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Interview mit dem SPORT1-Doppelpassler mussten denn auch nur ein einziges Mal drei Euro ins Phrasenschwein.

In den aalglatten Zeiten des modernen Fußballs ist er eine erfreuliche Erscheinung. Thomas Strunz sagt, was er denkt. Und: Er versteht sich als Fußballexperte im ursprünglichen Sinne. Der 49-Jährige genießt es, über den Sport selbst zu sprechen. Über Viererketten, Doppelsechs und Kontertaktik. Fünfmal wurde er als aktiver Spieler Deutscher Meister, in England holte er 1996 den EM-Titel. Seit 2002 fungiert der gebürtige Duisburger als "Experte", seit einigen Jahren nun für SPORT1. Sowohl zum Auftakt am Sonntag, 13. August, als auch in den beiden Folgewochen und mehrfach im Laufe der kommenden Saison ist er Gast beim legendären "CHECK24 Doppelpass" (11 Uhr).

Aber auch hinter den Kulissen ist Strunz ein gefragter Mann. Er ist als Geschäftsführer und Spielerberater bei arena11 tätig. Dass ihn in Deutschland fast jeder kennt, hat indes einen ganz anderen Grund. Stichwort: Was erlauben ...?

prisma: Herr Strunz, Sie begannen Ihre Karriere beim Turn- und Rasenspielverein 1888 Duisburg ...

Thomas Strunz: Mit fünf Jahren. Mein erstes Spiel hatte ich gegen Eintracht Duisburg. Müssen wir über das Ergebnis sprechen?

prisma: Unbedingt.

Strunz: 0:12 verloren. Schlimm. Übrigens: Den Verein gibt es noch, ich habe bis 13 dort gespielt. Aber ich bin selten in Duisburg und weiß wenig über ihn.

prisma: Nach einem 0:12 konnte es für Sie ja eigentlich nur aufwärtsgehen.

Strunz: Absolut (lacht). Es folgte ein 0:6. Und dann ein 1:1. Noch heute erzähle ich ab und an meinem kleinsten Sohn davon, wenn er mal hoch verloren hat: Das Leben ist auch nach einer solchen Niederlage nicht zu Ende. Da kommt auch wieder was Gutes.

prisma: Duisburg ist Ihre Heimat. Was blieb bei Ihnen, der Sie ja seit Jahren in der Glamourwelt des Fußballs unterwegs sind, aus jener Zeit im Pott?

Strunz: Wir Ruhrgebietler sind grundsätzlich sehr direkt und haben kein Problem damit, wenn es andere auch sind. Das nutzt mir sicher in meinem Beruf. Aber ich habe überall ein bisschen was mitgenommen. Ob in Köln, München oder Stuttgart, wo es eher schwer für mich war.

prisma: Warum?

Strunz: Die drei Jahre dort waren in gewisser Hinsicht sogar meine erfolgreichste Zeit, da machte ich meine meisten Länderspiele. Nur sportlich waren wir aus meiner Sicht nicht gut genug. Wir wurden dreimal Siebter, das genügte mir nicht. Ich kam ja vom FC Bayern damals, und da war ich gewohnt, immer Erster sein zu müssen. Mit der schwäbischen Mentalität tat ich mich eher schwer. Danach kehrte ich ja auch zu den Bayern zurück.

prisma: Die offene Art, mit der Sie zum Beispiel im "Doppelpass" Ihre Meinung kundtun, ist im Fußball inzwischen selten. Die meisten Spieler, Trainer und Experten wollen unter keinen Umständen mehr irgendwo anecken.

Strunz: Meine Art hat mir sicher meinen Weg im Fernsehen erst ermöglicht. Seit 2002 bin ich dabei, damals noch beim "ZDF Morgenmagazin". Natürlich weiß ich, dass man sich, wenn man klar seine Meinung sagt, auch mal angreifbar macht. Aber ich habe keine Bestrebungen mehr, in einem Verein zu arbeiten. Ich muss also keine Rücksicht darauf nehmen, dass mich morgen irgendwer vielleicht nicht mehr mag.

prisma: Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Fußball-Talks. Doch überall stehen eher Personalien, boulevardeske Themen, Streitereien und Geld im Mittelpunkt. Die Fragen nach der richtigen Zuordnung bei Standardsituationen oder einer missglückten Abseitsfalle diskutiert kaum jemand – außer Ihnen.

Strunz: Bei SPORT1 gab es ja am Montag die "Spieltaganalyse", da fühlte ich mich sehr wohl. Hier ging es tatsächlich um die Prozesse auf dem Feld. Leider fehlte mir irgendwann die Zeit dafür, die Sendung ließ sich mit meiner Aufgabe als Geschäftsführer einer Spielerberatungsagentur zeitlich nicht mehr vereinbaren. Aber da ging es tatsächlich um Taktik, um Feinheiten des Fußballs. Mittlerweile gibt es die Sendung ja nun nicht mehr aufgrund der fehlenden Rechte. Aber ich genieße es weiterhin, mich mit diesen inhaltlichen Themen auseinanderzusetzen, natürlich auch wenn wir im "Doppelpass" darüber diskutieren.

prisma: Zum Beispiel?

Strunz: Interessant ist sicher die Frage, wie der FC Bayern in diesem Jahr Fußball spielen will. Mit welcher Idee. Wenn ich sehe, dass James Rodriguez in seinen ersten Einsätzen Rechtsaußen spielte, frage ich mich schon, ob das sinnvoll ist. Für diese Position ist er meines Erachtens nicht explosiv und dynamisch genug. Seine Stärken liegen im Zentrum, wenn er viel ins Spiel eingebunden ist und seine strategischen Fähigkeiten einbringen kann. Glauben Sie mir: Gespräche darüber sind mir viel lieber, als zum Beispiel die Frage, was Brazzo Salihamidzic eigentlich bei den Bayern macht, wem er in der Kabine den Kopf streichelt und wem er in den Hintern tritt.

prisma: Bayern-Gen, Kontakte zur Branche, Medienerfahrung, Fußball-Sachverstand – wieso wurde Thomas Strunz eigentlich kein neuer Sportdirektor beim FC Bayern?

Strunz: Wer Sportdirektor bei einem Club ist, hat aus meiner Sicht zu wenig mit der Kernaufgabe "Fußball" zu tun. Ich weiß, das hört sich seltsam an. Aber ich möchte mich mit Fußball beschäftigen, nicht mit den Medien oder innenpolitischen Fragen in einem Verein. Ich habe das in Wolfsburg gemacht und habe gesehen, was das bedeutet. Am Ende konnte ich mich damals nur zu 20 Prozent meiner Zeit wirklich mit Fußball auseinandersetzen. Das ist zu wenig für mich, um meine Stärken produktiv auszuspielen. In dieser Form kommt Vereinsarbeit für mich nicht infrage.

prisma: Und Brazzo?

Strunz: Für ihn wird es wichtig sein, auch nach Niederlagen die richtigen Worte zu finden. Die Spieler des FC Bayern, die Medien und Fans müssen, wie damals bei Matthias Sammer, dann das Gefühl haben, dass er weiß, was jetzt zu tun ist.

prisma: Bei der Diskussion um Philipp Lahm haben Sie sich damals, als er im Gespräch war, ja klar positioniert. Zitat: "Lahm hat noch nie in einem Wirtschaftsunternehmen wie Bayern München gearbeitet. Das neue Nachwuchsleistungszentrum ohne jegliche Erfahrung mit Inhalten zu füllen, ist äußerst schwierig." Bei Brazzo ist das nicht anders.

Strunz: Ich habe ja mit ihm zusammengespielt. Er war und ist ein richtig netter Kerl und ein klasse Fußballer. Ein Wortführer war er damals aber nicht. Ich bin gespannt, wie er den Job interpretiert. Für mich ist er nicht der klassische Sportdirektor, der zukünftige sportliche Strategien entwerfen muss und den Verein führt. Dies wird weiterhin die Aufgabe des Vorstands und des Aufsichtsrates sein. Hasan wird sehr viel Zeit im Tagesgeschäft mit der Mannschaft verbringen. Das ist seine Aufgabe.

prisma: Wie interpretieren Sie Ihren Job als Experte?

Strunz: Ich möchte den Zuschauern aufzeigen, wie Fußball funktioniert, wie komplex die Situationen manchmal sind, und sie auch auf Begleiterscheinungen hinweisen. In der Regel wird zum Beispiel unterschätzt, wie sich die Stimmungslage in der Kabine auf das Spiel auswirkt. Aber jeder "Experte" definiert sich anders. Bei uns im "Doppelpass" zum Beispiel ist ja Armin Veh ein weiterer Experte und schildert seine Eindrücke aus Trainersicht. Marcel Reif ist ein preisgekrönter Journalist. So hat jeder seinen Platz und setzt seine Schwerpunkte.

prisma: Ist es für Sie nicht kompliziert, nachdem Sie auch die andere Seite kennen? Als Spielerberater haben Sie vermutlich häufig weit mehr Informationen, als sie preisgeben können.

Strunz: Die Vereine wissen mittlerweile, dass ich keine internen Informationen in die Öffentlichkeit bringe. Deshalb gibt es da auch keine Probleme.

prisma: Wie gehen Sie heute in Ihrer Funktion als Berater mit Spielern um? Auch Sie waren ja damals durchaus auffällig in Ihrer Außendarstellung. Man erinnere sich nur an die weiß gefärbten Haare. Und auch Sie wissen, was Öffentlichkeit bedeuten kann. Mit der Trennung von Ihrer Frau Claudia gerieten Sie, kurz nach ihrer Karriere, in den Blickpunkt des Boulevards.

Strunz: Zunächst: Ich bin wirklich froh, dass es die sozialen Netzwerke, die Fotohandys und all das in meiner Karriere noch nicht gab. Ich versuche den Spielern heute einfach nur zu vermitteln, dass sie stets damit rechnen müssen, öffentlich zu werden. Egal, was sie tun. Letzten Endes muss aber jeder seinen Weg finden, wie er damit umgeht. Was er öffentlich macht und was nicht. Das ist dann auch Teil einer Authentizität, die ja gewünscht ist.

prisma: Trotzdem sehnt man sich als Zuschauer nach Spielern, die auch mal ihre Meinung sagen. Die sich abseits des Mainstreams positionieren. Wie einst Basler oder Effenberg.

Strunz: Klar ist es gut, wenn es solche Typen gibt. Aber glauben Sie mir: Mario Basler war es damals tatsächlich völlig egal, was die Leute über ihn gedacht haben. So etwas gibt es bei den jungen Spielern in der heutigen Gesellschaft nicht mehr.

prisma: Zumal es nicht einfach ist, in Zeiten wie diesen die Nähe zum Fan aufrechtzuerhalten.

Strunz: Beim FC Bayern ist das natürlich schwieriger als bei kleineren Clubs. Trotzdem: Es geht schon auch noch darum, ob man sich Zeit für ein Autogramm nimmt oder nicht. Und ob der Verein das zulässt oder nicht. Wie man mit den Fans draußen auf der Straße umgeht. Wobei man nicht vergessen darf: Fußballspieler sind auch Menschen.

prisma: Das sind drei Euro ins Phrasenschwein ...

Strunz: Und doch stimmt es. Mancher wird auf den ersten Blick als arrogant abgestempelt, dabei schützt er sich vielleicht nur selbst, weil er im Grunde seines Herzens ein unsicherer Mensch ist. Andere bespielen wie selbstverständlich die Öffentlichkeit – siehe Thomas Müller. Der ist sich treu geblieben. Und er ist authentisch. Die Leute spüren ganz genau, wann jemand Schauspieler ist und wann nicht.

prisma: Es gibt kein Interview, in dem Sie nicht nach der legendären Pressekonferenz von Giovanni Trapattoni gefragt wurden. Nervt das?

Strunz: Ach nein. Zumal das alles damals auf lange Sicht sicher nicht von Nachteil für mich war. Jedenfalls, wenn man auf meine Zeit nach dem aktiven Fußball blickt. Natürlich hat mir das auch dabei geholfen, ins Fernsehen zu kommen. Es reicht eben nicht, nur was zu sagen zu haben. Du brauchst eine gewisse Popularität. Dank Trap kannten mich die Leute. Und manche Frau, die sich per se nicht für den Sport interessierte, kannte mich auch, weil sie um meine private Geschichte wusste.

prisma: Rufen Ihnen die Leute immer noch "Struuunz" auf der Straße hinterher?

Strunz: Auf der Straße nicht mehr. Im Stadion natürlich.

prisma: Noch ein paar kurze Schlussfragen: Wer ist für Sie der beste Spieler aller Zeiten?

Strunz: Diego Maradona. Noch vor Messi.

prisma: Was ist Ihre emotionalste Spielerinnerung?

Strunz: Sicher das Halbfinale bei der EM 1996 gegen England. Ich wurde in der 117. Minute eingewechselt, hatte keine Ballberührung und musste dann beim Elfmeterschießen ran. Mit gutem Ergebnis, wie wir alle wissen.

prisma: Das schönste Stadion?

Strunz: Das alte Wembley-Stadion. Und das Azteken-Stadion in Mexiko. Das hat mich ungemein beeindruckt.

prisma: Ihr bester Trainer?

Strunz: Da tue ich mich mit einer Reihenfolge schwer. Jupp Heynckes hat mich damals zu Bayern geholt. Ihm habe ich viel zu verdanken. Aber auch Trapattoni und Hitzfeld waren toll. Auch Christoph Daum war auf seine Art großartig.

prisma: Unter Hitzfeld haben Sie im Januar 2001 in der Mitte der Saison Ihre Karriere beendet. Hätten Sie noch ein halbes Jahr weitergemacht, wären Sie heute Champions-League-Sieger.

Strunz: Ich habe ja noch zwei Spiele in der Vorrunde gemacht. Also bin ich statistisch auch Champions-League-Sieger. Ich fühle mich aber nicht so. Es war dennoch richtig, damals aufzuhören.

prisma: Und das Champions League-Finale 2001 gegen Valencia?

Strunz: Das sah ich in Dubai im Urlaub auf einem arabischen Sender. Mir war sofort klar, was dieser Titel nach einem Vierteljahrhundert für den Verein bedeutete, insbesondere nach der dramatischen Niederlage im Finale 1999 in Barcelona. Ich weiß es noch genau: Nachdem Oli Kahn den letzten Schuss im Elfmeterschießen hielt, machte ich den Fernseher sofort aus und musste einfach nur raus an die frische Luft und tief durchatmen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst