Der Film "Iceman" ist nichts für schwache Nerven, aber er gibt zu denken: Daher kommen wir – und so weit haben wir es gebracht. Beim Jubiläumsfilmfest von Locarno wurde die deutsche Produktion gefeiert.

Filmfestival Locarno – die 70. Ausgabe: Zum Jubiläum leuchtet der Rote Teppich gleich noch mal so rot, da darf zurückgeblickt werden auf große und weniger große Zeiten. Als zweitältestes Filmfestival nach Venedig zählten zunächst Stars und große Namen. Rührend die Bilder aus dem Park des Grandhotels, wo man das erste Festival etablierte. Gerne wird Roberto Rosselinis "Germania anno zero" zitiert. Marlene Dietrich war in Locarno, auf Einladung ihres Mentors Josef Sternberg. Doch mittlerweile zählt das Autorenkino. Junge, wagemutige Filme sind gesucht, so wie 1964 Milos Formans "Schwarzer Peter" oder Jim Jarmushs "Stranger Than Paradise" 1984. Doch wer auch das große Publikum einfangen will, braucht Stars und Glamour. Lifetime-Awards bieten Gelegenheit, beides zu präsentieren. Oder man bittet die Größen gleich in die Jury, wie etwa diesmal Nastassja Kinski, eine kleine Retro im Huckepack, "Katzenmenschen" und, natürlich, "Paris – Texas".

Die Piazzafilme samt einer Vielzahl vorausgehender Zeremonien sind inzwischen das Herzstück des Festivals, dank des Zuschauerraums unter freiem Himmel mit inzwischen auf 8000 Zuschauer begrenzten Plätzen.

Ein archaisches Urdrama

Manchmal spielt der Wettergott leider so gar nicht mit. So kam's, dass ausgerechnet der heiß ersehnte deutsche "Iceman" ins Wasser fiel. Macht nichts: Endlich erfahren wir die ganze, frei zu Ende assoziierte Geschichte von Ötzi. Dass den Steinzeitmenschen, der nach 5300 Jahren mumifiziert wieder das Licht der Welt erblickte, ein tödlicher Pfeil getroffen hatte und womöglich auch noch ein Hieb mit dem Beil, ließ auf wüste Kämpfe schließen. Ein Wunder, dass dieses Urdrama so lange warten musste, bis es auf die Leinwand kam. Der deutsche Regisseur Felix Randau, der sich selbst als "Flachlandtiroler" bezeichnet, malt in seinem Breitwandstreifen ein archaisches Urdrama auf die Leinwand und führt forsch mitten hinein in eine recht grausame Urzeit.

Jürgen Vogel als Mann aus dem Eis hätte man in seinem fantastischen Fellkostüm und der glaubhaften Maske mit dem zugewachsenen Gesicht und der hohen Stirn kaum erkannt. Den Rest an Realismus schafft eine erstaunliche Kamera – stets bewegt und mittendrin im Rache- und Überlebenskampf – es dürfte Schwerstarbeit für den Kameramann Jakub Beinarowicz ("Im Eis", gleichfalls mit Jürgen Vogel) gewesen sein. Vieles wurde nach langen Proben an einem Stück gedreht, hoch oben im alpinen Gelände, aber auch in der Garmischer Partnachklamm.

Der Film, der voraussichtlich am 30. November in den deutschen Kinos anläuft, will ohne Sprache funktionieren, die nachempfundene Ursprache bleibt unverständlich. Doch die Geschichte von Blutrache, Verfolgung, Mord und Vergewaltigung bleibt bis zuletzt erstaunlich spannend. Schöne Zusatzerfindungen: die religiösen Anrufungen des Stammesfürsten und Priesters Ötzi, der lange ein gerettetes Baby mit sich führt. Der Film ist nichts für schwache Nerven, aber er gibt zu denken: Daher kommen wir – und so weit haben wir es gebracht. Wie weit? Das ist die Frage, die hinter allem steht.

Weitere deutsche Filme im Wettbewerb

Und gleich noch einen Bergfilm hatten die Deutschen in Locarno für die Großleinwand im Gepäck: "Drei Zinnen" von Jan Zabeil. Ein sanfter Film diesmal, und sehr feinfühlig psychologisierend. Eine Patchwork-Familie ist auf eine Berghütte gezogen, wo der neue Freund das Herz des kleinen Sohnes gewinnen will. Beide kommen, wie der Film selbst, leider irgendwann vom Wege ab. Zuletzt gelingt es dem Freund unter dem Gipfel der "Drei Zinnen", das Kind zu retten, er selbst bleibt – bei offenem Schluss – im ewigen Schnee zurück. Der Film, der am 1. Februar 2018 anlaufen soll, hat, bei aller Skepsis, auch viel Heiterkeit, für die vor allem der kleine Junge (Arian Montgomery) sorgt.

Und noch ein deutscher Film, diesmal im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden, der bekanntlich noch immer im Wesentlichen jüngeren Autorenfilmern vorbehalten sein soll: Das Gesicht der Johanna Wokalek, die in "Freiheit" ihre Familie verlässt und auf eine unbestimmte, endgültige Reise geht, vergisst man nicht so leicht. Es ging nicht mehr, mit Mann und Kind, zu lähmend wurde die Routine, sie führte in die Depression.

Ein Film, der es schwer haben wird unter den Mitkonkurrenten. "Lucky" (noch ohne Starttermin), eine Hommage an den 90-jährigen Harry Dean Stanton ("Paris – Texas"), lässt den Schauspieler in einem Kaff nahe der kalifornischen Wüste eine letzte Runde drehen. John Carrol Lynch, selbst altgedienter Schauspieler, führt Stanton mit leichter Hand. Mehrfach gab es Nachfragen, ob Stanton tatsächlich so lebe wie der lebensweise Alte, ein Vielraucher und Bewunderer des Präsidenten Rosevelt, unter dem er im Pazifik im Weltkrieg diente (was tatsächlich stimmt).

Auch die palästinensisch-deutsch-französische Koproduktion "Wajib" ("Pflicht") hat beste Aussichten auf einen Preis. Die Regisseurin Annemarie Jacir gewinnt hier den Hochzeitsvorbereitungen im geteilten Nazareth immer wieder tragikomische Seiten ab. Vater und Sohn tragen Einladungskarten für die Hochzeit der Schwester aus und stellen fest: Viele sind fort, manche sind geblieben, sie haben sich, wie der Vater, ein alter Lehrer, eben einfach angepasst.

Was will man mehr!

Auch beim 70-Jahre-Jubiläum hatten es die Macher offensichtlich nicht leicht damit, wirklich große Piazza-Filme zu finden, man musste sie schon mit der Lupe suchen. Fanny Ardant als "Lola Pater" nach Geschlechtsumwandlung, der Boxerfilm "Sparring" mit Mathieu Kassovitz, britische Science-fiction ("Waht happended to Monday?") und der amerikanische Spionage-Blockbuster "Atomic Blonde" erfüllten Zuschauererwartungen. Aber auch die "besonderen Ehrungen" machten auf der Piazza häufig wett, was fehlte. Wenn Adrien Brody ("Der Pianist") von der Faszination des Kinos erzählt und trotz aller Selbstironie in Tränenpausen verfällt, dann darf man sich ein bisschen wie bei der Oscarverleihung wähnen. Locarno lebt, und der deutsche Film spielt eine tragende Rolle – was will man mehr! – Das Festival läuft noch bis zum 12. August. Dann werden der Goldene Leopard, der Publikumspreis und alle weiteren Auszeichnungen vergeben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst