Samuel Koch, ein 23-jähriger, kluger Mann mit Bademodel-Figur, wie er heute scherzhaft sagt, hatte gerade seine Schauspielausbildung begonnen, als er in "Wetten, dass ..?" schwer verunglückte. Seit dem 4. Dezember 2010 ist er Tetraplegiker. Das heißt: Alle vier Gliedmaßen sind gelähmt. Immerhin kann Koch über die Schultern seine Arme leicht bewegen. Und die Finger ebenfalls, ein wenig. Nicht nur weil sein Unfall "live" in Deutschlands größter TV-Show geschah, ist der heute 30-Jährige immer noch einer, der die Menschen interessiert. Es liegt jedoch auch an der charismatischen Ausstrahlung und einem gewaltig großen Kämpferherzen – weshalb er für viele Behinderte in Deutschland ein Vorbild ist. Doch wie erlebt Samuel Koch selbst mit diesem Schicksal? Die "37°"-Reportage "Vorwärts ins Leben – Auf dem Weg mit Samuel Koch" (Dienstag, 24. Juli, 22.15 Uhr, ZDF) unternimmt eine Langzeitbeobachtung.

Es ist eine dramaturgische Steilvorlage, die Samuel Koch Filmemacherin Doro Plutte ("100 ist doch kein Alter") mit der Zusage für diese Reportage lieferte. Vier Jahre lang ließ er sich von der Kamera beobachten. Selbst wenn Koch das Leben eines ganz "normalen" Behinderten führen würde, wäre sein Fall wegen der "Wetten, dass ..?"-Vergangenheit von Interesse.

Tanzen lernen für die Hochzeit

Aber was hat der ehemalige Leistungsturner seit seinem Unfall vor knapp acht Jahren nicht alles auf die Kette gekriegt: Er setzte trotz Schwerbehinderung seine Schauspielausbildung fort. Er spielt mittlerweile fest im Ensemble des Staatstheaters Darmstadt, das sich immer wieder neue Rollen für seinen Angestellten ausdenkt. Die schwierige Logistik hinter diesen Auftritten fängt der Film ein. Daneben reist Koch quer durch die Republik. 100 Nächte pro Jahr ist er auf Tournee oder anderweitig unterwegs. Dazu verlieben sich der Schwerstbehinderte und eine attraktive, junge Schauspielkollegin – ebenfalls auskunftsbereit und telegen – ineinander. Die Kamera lässt den Zuschauer daran teilhaben, wie Koch für die geplante Hochzeit mit einer Spezialanfertigung tanzen lernt.

Wow, ganz schön kitschig fürs deutsche Publikum. In Amerika wäre dieser Samuel Koch wahrscheinlich so bekannt wie Barack Obama kurz nach seiner ersten Wahl zum US-Präsidenten. Doch auch dem Deutschen, dem große Gefühle – besonders die hoffnungsvollen – immer ein wenig suspekt sind, nötigt die Lebensleistung des Samuel Koch Respekt ab. "Ich habe eine Hassliebe zu meinem Körper", sagt er im Film. "Ich versuche, ihn trotzdem zu lieben, hegen und pflegen." Und dabei macht er ein Gesicht, das sagt: Was bleibt mir auch anderes übrig?

Die mit – für vier Jahre Beobachtungszeit – knapp bemessene Formatlänge von 30 Minuten muss sich ziemlich beeilen, um mit Kochs Leben auf der Überholspur Schritt zu halten: Koch auf deutschen Bühnen, in der Bahn oder im Flugzeug. Koch bei der ständig nötigen physiotherapeutischen Kurzzeitversorgung. Koch beim Treffen mit Bundeskanzlerin und Bundespräsident. "Mutmacher der Nation" – so nennt ihn Joachim Gauck.

Dann Koch im Liebesglück mit Freundin Sarah und beim Treffen mit anderen Behinderten. Er habe das Gefühl, dass fast jeder frisch Verunglückte in Deutschland ihm schreiben würde, sagt er. Mit vielen, die etwas von ihm wollen, trifft er sich tatsächlich, sagt das Kraftpaket im Rollstuhl. Wo nimmt der Mann die Energie her, fragt man sich?

"Wir haben bereits unseren Wert"

Doch die ungläubige Skepsis, die jene allzu kitschige Lebensgeschichte aufkommen lassen könnte, kontert Koch selbst mit klugen Interviews. Bis Juni 2018, wenige Wochen vor Ausstrahlung, wurde für die Reportage gedreht. Am Ende wird ihr Protagonist, ein gläubiger evangelischer Christ, gefragt, was seinem Leben Wert verleiht? Die meisten Menschen, so sagt er, würden ihren Wert über persönliche Errungenschaften definieren: größere Brüste, ein schönes Haus, wohlgeratene Kinder. Dabei sollten wir den Gedanken umdrehen.

"Wir sind schon geliebt", sagt Koch. "Mit all unserer Fehlbarkeit, unseren Talenten und Begabungen. Wir haben bereits unseren Wert – und damit können wir dann etwas tun, aktiv sein." Ein Freund von Samuel Koch sagte ihm einmal, nicht umsonst hieße es im Englischen "human being" und nicht "human doing". Für die traditionell eng am Menschen erzählende, aber auch oft ein wenig im Trivialen steckenbleibende Reportagereihe "37°" sind das kluge, berührende Gedanken.

In ein paar Wochen zieht Samuel mit Sarah in die erste gemeinsame Wohnung des Paares. Ob die Kamera dann weiterläuft?


Quelle: teleschau – der Mediendienst