Was tun, wenn sich der Gebrauchskrimi schwerlich neu erfinden lässt? – Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser tauchen mit ihrem Drehbuch tief ins Görlitzer Lokalkolorit ein und lassen ihre Kommissare geradezu psychisch hyperventilieren.

In der dritten Folge ihrer "Wolfsland"-Reihe im Ersten (ohne Wölfe, wohlgemerkt) mit dem Titel "Der steinerne Gast" – gemeint ist hier eine Kneipe – herrscht kein Mangel an historischem Lokalwissen und an mentalen Gebrechen der Ermittler Burkhard "Butsch" Schulz (Götz Schubert) und Viola Dellbrück (Yvonne Catterfeld). Unter alten Dielen werden Tote geborgen, die Kommissarin wird immer noch von ihrem stalkenden Ex-Mann behelligt, und Butsch leidet so griesgrämig wie nur erdenklich ausdauernd an den turnusmäßig wiederkehrenden familiären Schicksalsschlägen, die ihn bisher trafen.

Der "Götzi von Görlitz"

So Appetit weckend der Vorspann ist mit den Stummfilm-Altstadtfassaden, den jammernden Türen und der aus dem Schlummer jäh aufschreckenden Kommissarin, so quälend nimmt sich doch die Geschichte der ewig vom durchgeknallten Ex verfolgten Kommissarin aus. Butsch hängt sich immer dermaßen rein, um sie zu schützen, dass er selbst wie ein Stalker wirkt. Dass sich die Kommissarin auch selbst ganz gut verteidigen kann, mittels Judo-Armgriff, nimmt er wahr, als er unter einem Hotelbett versteckt, den unliebsamen Verfolger dort belauscht. Gut, dass der Ex das Badezimmer benutzt – so kann der grimme Kommissar gerade noch entfliehen.

Mehr solcher Szenen täten dem in Görlitz an der Neiße spielenden Sachsen-Krimi sicher gut, allzu stereotyp nämlich gestaltet sich das Psychospiel zwischen dem ungleichen Ermittlerpärchen, bei dem ihr der offene, ihm der über alle Maßen verschlossene Part zukommt.

Humor versucht im dritten Film auch der kumpelhaft sächselnde Spurensicherer Jakob Böhme (Jan Dose) zu verbreiten. Mit einem soeben ausgebuddelten Knochenmann aus der "Tuchmacherverschwörung von 1527" hält er denn auch einen besonderen Trumpf in den Händen. Nicht nur, dass er das Skelett einfallsreich den "Götzi von Görlitz" nennt, er verspricht auch gleich, mithilfe des Knochenhaufens den Stammbaum des Kommissars bis ins späte Mittelalter zurückzuverfolgen.

Doch es gibt neben Götzi noch ein zweites, jüngeres Skelett. Butsch findet heraus, dass es zu einem Gangster gehörte, der vor fünf Jahren mit zwei anderen einen Juwelierladen überfiel. Der Juwelier hatte beim Überfall den Gangster erlegt, zwei weitere waren geflohen, er selbst aber auch verblichen. Wer meint, hier schon wäre Schluss, der irrt. Es gibt eine weitere Leiche – jenen Mittäter, der nun fliehen will, und dann auch noch den Dritten – hier immer etwas hochtrabend "der dritte Mann" genannt, offensichtlich der Drahtzieher des Raubüberfalls. Dass der Zuschauer bald die Perspektive dieses Dritten einnehmen darf, ist sicher ehrenvoll, belebt aber den eher müden Fortgang der Handlung keineswegs.

Cameo-Auftritt für Wolfgang Winkler

So bleiben die in der Regie Max Zählers mit langen Pausen durchsetzten Psychospiele zwischen Kommissar und Kommissarin doch der Kern des Ganzen. Die Aufklärungsarbeit fällt besonders Viola geradezu in den Schoß. In den besseren, weil trockenen Momenten werden Yvonne Catterfeld und Götz Schubert zu selbstironisch-plastischen Comicfiguren, die sich selbst und ihren monströsen Fall durchaus auf die Schippe nehmen. All dem aber setzt der eben 75 gewordene Wolfgang Winkler vom 2013 eingestellten Hallenser "Polizeiruf" in einem schönen Cameo-Auftritt noch eins drauf, wenn er als Wirt des "Steinernen Gastes" die recht banale Schurkengeschichte in knappster Form noch mal von hinten her erzählt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst