Spannender Plot, attraktiver Schauplatz, hochkarätiger Cast, jede Menge Tiefgang und Relevanz: "Big Little Lies" ist so etwas wie die perfekte Fernsehserie. Die US-amerikanische Hochglanzproduktion mit den Hollywoodstars Reese Witherspoon, Nicole Kidman, Shailene Woodley, Laura Dern, Adam Scott, Alexander Skarsgård, Zoë Kravitz und Iain Armitage hat im Grunde alles, was ein veritabler Quotenhit haben muss. Vor zehn Jahren eine Serie wie diese als deutsche Free-TV-Premiere, und die komplette Branche wäre ausgeflippt. Heute jedoch ist die Tatsache, dass der Privatsender VOX die vielfach mit Preisen bedachte erste Staffel ab Mittwoch, 30. Mai, 20.15 Uhr, zum ersten Mal im frei empfangbaren Fernsehen zeigt, kaum mehr als eine Randnotiz, und mit einer Quotensensation ist eher nicht zu rechnen.

"Big Little Lies", ein 2017 für den US-Sender HBO produziertes Format, das in den Medien längst gebührend gefeiert wurde und hierzulande bereits bei Sky Atlantic HD im Pay-TV lief, dürfte zum nächsten prominenten Sinnbild avancieren für die Zeitenwende, die die Fernsehwelt seit einigen Jahren durchrüttelt. Die Programmverantwortlichen stehen vor einer kaum zu bewältigenden Herausforderung und sehen sich in der Zwickmühle: Sie brauchen die hippen Serien fürs Profil, um attraktiv für die Werbepartner zu sein, doch die teuren Importe versauen ihnen zusehends die Quoten und gefährden damit die Vermarktungserlöse.

Rückblende ins Frühjahr 2005: Was vor 13 Jahren auf dem TV-Markt passierte, hatte fast Urknalldimension: Als hierzulande die als "Superserien" gelabelten US-Produktionen "Desperate Housewives" und "Lost" aus dem nichts mit sensationellen Quoten durchstarteten und lange Zeit bei ProSieben Woche für Woche im großen Stil abräumten, wehte eine kaum mehr für möglich gehaltene Euphorie durchs staunende Fernsehland. Die linear erzählten Hochglanzproduktionen eroberten ein Jahr nach den US-Premieren das Publikum im Sturm. Die Zuschauerzahlen waren zunächst phänomenal, die Serien hatten eine erstaunliche Halbwertszeit.

Prominente Flops im Free-TV

Bis heute ist der Siegeszug der episch angelegten internationalen Serienproduktionen ungebrochen, und die wilde Fahrt nimmt dank der rasant durchgestarteten großen Streaminganbieter immer neuen Schwung auf – nur im Free-TV ist von der Aufbruchstimmung nichts übrig geblieben. Gerade der Sender, der seinerzeit für die ersten großen Aha-Effekte sorgte, musste das immer wieder schmerzhaft spüren: Zuletzt scheiterte die von der Kritik hochgelobte US-Serie "This is Us" grandios auf ProSieben. Aber alle Sender, auch die öffentlich-rechtlichen, können ein Lied davon singen. "Mad Men", "Masters of Sex", "Black Sails", "Broadchurch", "Homeland", "House of Cards", "Person of Interest", "Ray Donovan", "Breaking Bad", "The Blacklist", "Secrets and Lies", "The Strain", "Shameless", "The Royals" ... Die Liste der prominenten Flops ist endlos. Und obwohl RTL II wieder ein attraktives, kompaktes Programmpaket geschnürt hat, konnte zuletzt selbst ein über alle Hype-Zweifel erhabenes Format wie "Game of Thrones" in der deutschen Free-TV-Premiere nicht mehr reüssieren.

Es scheint paradox: Internationale Serien sind der Hype der Stunde, aber das klassische Fernsehen schafft es nicht, sich den Trend zunutze zu machen. Statt zur Rettung des angezählten linearen Fernsehens beizutragen, deckt der Boom nur seine Schwächen auf. Jedenfalls erweisen sich die immer neuen hochkarätigen internationalen TV-Serien mit ihren fortlaufenden Handlungssträngen immer wieder als ungeeignet fürs Free-TV.

Die Gründe des Scheiterns sind vielfältig. Die wöchentliche Ausstrahlung erscheint antiquiert, Werbeunterbrechungen nerven den Zuschauer ebenso wie Umschnitte und Altersfreigabe-bedingte Kürzungen. Immer mehr Serienfans entscheiden sich für ein Streaming- oder Pay-TV-Abo, machen sich von starren Programmzeiten unabhängig. Und: Die Sender stehen mit ihrer Importware am Ende einer längeren Verwertungskette, die mediale Begleitmusik zu den Formaten ist bis zur Free-TV-Premiere in der Regel längst verstummt. Wenn es ein Format, meist Jahre nach dem US-Start, doch ins Programm schafft, entlarvt der Umgang der Sender damit oftmals nur deren Hilflosigkeit und wie überholt das Modell, wie starr die Strukturen sind. Was nicht gut anläuft, wird entweder schnell wieder abgesetzt, auf einen unattraktiven Sendeplatz abgeschoben oder an einen kleinen Drittsender weitergereicht, um in der Bedeutungslosigkeit versendet zu werden.

Die Krux ist, dass es sich die Fernsehmacher schlicht nicht leisten können, dieses attraktive Feld Netflix, Amazon, Sky und Co. zu überlassen und sich von der Ausstrahlung der linearen Serien komplett zu verabschieden. Auch wenn man mit einer Free-TV-Premiere kaum noch die "echten", auf eine Serie hinfiebernden Fans erreichen kann, dann doch immerhin die große Masse eines aufgeschlossenen Publikums – schließlich ist der Medienhype um die Formate gewaltig. Serien gelten als cool. Jeder, der am Zeitgeschehen mit halbwegs offenen Augen teilnimmt, hat heute von den großen Produktionen und ihren Helden gehört. Die Neugier ist da, und sie gilt es zu stillen – mit selbstbewussteren, verlässlichen Programmansetzungen und vor allem mit Durchhaltevermögen. Überhaupt: Wie ernst kann man die TV-Sender nehmen, wenn sie solche Wellen an sich vorbeischwappen lassen? Top-US-Serien sind schon aus Imagegründen Pflicht, wer nicht mitmacht, ist out.

'Big Little Lies' ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft

Also ist von Kapitulation noch keine Rede. Wenn auch seltener als noch vor zehn Jahren versuchen es die Sender weiterhin mit hochkarätigen Free-TV-Premieren. Mit Programmen wie "Big Little Lies", auf das VOX mit Blick auf die enormen PR-Anstrengungen offenbar große Hoffnungen setzt. Die Serie erzählt von drei Müttern, die im Millionärsmilieu der kalifornischen Küstenstadt Monterey in einen mysteriösen Mordfall verwickelt werden. Das böse Ende der Geschichte, die auf einem Bestseller von Liane Moriarty aus dem Jahr 2014 basiert, nimmt Serienschöpfer und Drehbuchautor David E. Kelley ("Ally McBeal") gleich in der ersten Szene vorweg. Blaulicht, Sanitäter, Absperrbänder und viele schockierte Gesichter: Bei einem Ball auf dem Schulgelände wurde jemandem brutal der Schädel eingeschlagen. Wer da wen ermordet hat, darüber lassen Kelley und Regisseur Jean-Marc Vallée ("Dallas Buyers Club") den Zuschauer lange rätseln. Sicher ist nur: Da hat sich eine Menge Frust entladen.

Hinter den strahlendsten Fassaden verstecken sich wieder einmal die dunkelsten Geheimisse. "Big Little Lies' ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft", findet Regisseur Vallée. "Es geht darum, wer wir sind, wie wir leben und lieben und wie wir lügen. Lügen können schmerzhaft sein, gerade wenn man keinem wehtun möchte. Aber gleichzeitig zeigt die Serie auch, wie wunderschön das Leben und die Liebe sein können."

In den USA feierte der Bezahlsender HBO einen Riesenerfolg mit der Saga aus dem Powercouple-Milieu, die durchaus als Superreichen-Variante der "Desperate Housewives" durchgeht. Sender und Schauspieler ließen sich, was eine Fortsetzung angeht, nicht lange bitten. In der zweiten Staffel der Serie übernehmen Reese Witherspoon und Nicole Kidman neben den Hauptrollen auch die Produktion. Die eigentliche Sensation aber ist Meryl Streep. Sie ist neu im Cast und wird die Schwiegermutter der von Kidman gespielten Mutter spielen – eine Frau, die nach dem Tod ihres Sohnes in dem Städtchen auftaucht, um dort nach Antworten auf ihre Fragen zu suchen ...

Der Sender VOX, der zuletzt mit der US-Serie "Imposters" einmal mehr einschlägige Negativerfahrungen machen musste, eröffnet die Ausstrahlung im Binge-Watching-Stil: Der Sender zeigt die ersten drei Folgen der ersten Staffel am Mittwoch, 30. Mai, ab 20.15 Uhr, am Stück. Die restlichen vier Episoden laufen jeweils in Doppelfolgen am Mittwoch, 6. Juni, und Mittwoch, 13. Juni. Vor einem Jahrzehnt hätte man VOX zu einem Coup gratuliert.


Quelle: teleschau – der Mediendienst