Yvonne Catterfelds neues Album "Guten Morgen Freiheit" ist mehr als Musik. Es spiegelt ihren Weg als Frau und Musikerin wider.

Neues Album, eigenes Platten-Label, die erste Tournee seit über einem Jahrzehnt – Yvonne Catterfeld hat gut zu tun. Die 37-Jährige hat sich seit ihrer Debüt-Single "Für dich" im Jahr 2003 freigeschwommen. Sie macht, worauf sie Lust hat. Im Interview erzählt die Musikerin, wie schwierig ihr Weg in die Freiheit war, warum ihr Sohn ihren Blick auf die Welt verändert hat und warum ihre Stimme tiefer klingt.

Was bedeutet Freiheit für Sie als Künstlerin?

Für mich bedeutet Freiheit natürlich auch künstlerische Freiheit. Das neue Album markiert da eine Aufbruchsphase. Und es war ein langer Weg, als Künstler zu dem Punkt zu kommen, wo ich tatsächlich machen und lassen kann, was ich will. Ein schleichender Prozess. Und vor allem etwas, was die Grundvoraussetzung für Künstler sein sollte. Ich will mich selbst überraschen, sehen, wie weit ich gehen kann.

Man sagt Ihnen nach, Sie seien lieber Stier als Bambi ...

Ich habe einen abenteuerlichen Beruf. Ob Musik oder Film, es ist immer wieder der Sprung ins kalte Wasser, der meinen Erfolg ausmacht. Dabei habe ich den Kopf bislang immer über der Wasseroberfläche halten können. Mit 15 war ich Dickkopf und oft Einzelgänger. Diese Qualität habe ich mit 20 verloren, als ich in den Strudel der Musikindustrie hineingeriet. War eher angepasst, eher Bambi, ja (lacht). Aber ich habe immer wieder gemerkt: Es kostet letztlich doch viel mehr Energie, Dinge zurückzuhalten, als sie zu tun – selbst wenn es Konflikte erfordert. Und für sich muss man eben manchmal auch kämpfen, deswegen lieber Stier.

Mit der Single "Für dich" startete Ihre Karriere. Der Song war zugleich Ihr größter kommerzieller Erfolg. Singen Sie ihn heute noch?

Auf der aktuellen Tournee nicht, da regt sich in mir Widerstand. In manchen Dingen bin ich radikal, wenn sich mein Körper gegen bestimmte Handlungen oder Dinge wehrt. Ich habe gelernt, darauf zu hören. Die Wahl der Worte bei "Für dich" ist viel zu romantisch. Und jeder Mensch bedient sich 15 Jahre später anderer Worte und Inhalte.

Das Lied wurde von Dieter Bohlen geschrieben. War die Zusammenarbeit Fluch oder Segen für Ihren weiteren Weg?

Es ist eher ein Ignorieren der Faktenlage. Ich bin seit über eineinhalb Jahrzehnten im Musik-Business. Nicht mehr als drei Tage davon habe ich mit Dieter Bohlen verbracht – und das ist lange, lange her. Keiner schrieb über meine wunderbare Zusammenarbeit mit Xavier Naidoo, Max Herre oder Roger Cicero.

Sie sind seit drei Jahren Mutter. Wie verändert sich der Blick auf die Welt?

Seit ich Mama eines kleinen Jungen bin, nehme ich die Dinge natürlich anders wahr. Ich sehe mich mit Themen konfrontiert, die ich früher locker zur Seite geschoben habe, etwa Nachhaltigkeit, Neubeginn, Freiheit, Aufbruch, Vergänglichkeit. Und dazwischen immer wieder Gedanken über den Kreislauf des Lebens. Schlüssel zu diesem neuen Leben war die Frage "Was bleibt", die ich in dem gleichnamigen Song stelle. Für mich gibt es nichts Wichtigeres als meine Familie. Vor allem rückblickend zu erkennen, dass Dinge, die mir mal wichtig waren, keine Relevanz mehr haben. Ich liebe meinen Job, aber es gibt nichts Schöneres als die Zeit mit meinem Sohn und der Familie. Aus dieser Konsequenz ergibt sich der Wunsch, nur noch das zu machen, was sich für mich richtig anfühlt.

Vater Ihres Sohnes ist der Schauspieler Oliver Wnuk. Wer hat zu Hause das Sagen?

Wir teilen uns die Aufgaben. Aber einiges bleibt auch ungemacht, dann werden nicht nur die Wäschestapel immer größer. Als Eltern hat Perfektion keinen Platz, dafür aber umso mehr manchmal die Unordnung.

Können Sie damit leben, wenn es Ihren Sohn später auch auf die Bühne zieht?

Meine Eltern waren früher gegen mein Studium als Musikerin, heute sind sie froh, dass ich mich durchgesetzt habe. Wichtig ist, dass er Vertrauen hat, wie ich es im Song "Pass gut auf dich auf" andeute. Wenn mein Sohn später die Sehnsucht und das große Bedürfnis nach der Bühne antreibt, werde ich ihn immer bestärken und motivieren.

Täuscht mein Eindruck: Ihre Stimme klingt auf dem neuen Album deutlich tiefer gelegt?

Ich liebe das Spiel mit den Tonarten. Das ist wie ein großer Spielplatz, wenn du eine große Range hast. Und wenn du eine bestimmte Haltung einnehmen willst, passt eine hohe Stimme nicht. Denn Stimmfarbe hat ja auch mit Stimmung zu tun. Da brauchte es eine Erdung, eine Kraft, die aus dem Körper kommt. Für das, was ich in meinen Songs sagen will, brauche ich eher eine Sprechstimme und eine klare Haltung.

Da klingt die Schauspielerin durch ....

Ich frage mich bei früheren Songs, weshalb ich die überhaupt gemacht habe, weil ich darin keine klare Haltung spüre. Heute gehe ich da ganz anders heran. Das liegt sicherlich auch an meiner Erfahrung und Arbeitsweise als Schauspielerin. Einen Song zu singen, ist heute für mich eine ähnliche Arbeit wie die an einer Szene.

Sie waren im Herbst erstmals als Coach bei "The Voice of Germany" dabei. Würden Sie sich bei Yvonne Catterfeld umdrehen?

Wenn sie sich das richtige Lied aussucht. Ich mag Künstler, die wie ich auf der Suche sind. Höre ich Potenzial, Haltung und eine besondere Stimmfarbe heraus, ja, dann drehe ich mich um.

Matthias M. Machan führte das Interview.