Schauspielerin im Interview

Andrea Sawatzki offen über Alzheimer, Ehekrisen und Neustarts

29.08.2025, 15.19 Uhr
Schauspielerin Andrea Sawatzki spricht über die Zukunft der "Bundschuh"-Filmreihe, düstere Zeiten und ihre persönlichen Glücksmomente.

Die große Kunst der Andrea Sawatzki ist es, dass sich Millionen Menschen in ihren Figuren wiederfinden. Ihre Rollen und Geschichten sind zugleich zart und rau – ob sie nun als Schriftstellerin über ihre schwierige Kindheit berichtet oder als Schauspielerin die unterschätzte Bundschuh-Gattin Gundula verkörpert. Dabei schrieb sich Sawatzki, die mit ihrem Ehemann Christian Berkel zwei erwachsene Söhne hat, die Rolle der Chaos-geplagten Mutter selbst auf den Leib.

Andrea Sawatzki über Alzheimer: "Es betrifft fast jede Familie"

Nun geht der neunte Teil auf Sendung: "Familie Bundschuh: Wir machen Camping" (Montag, 1. September, 20.15 Uhr, ZDF). In den vergangenen Monaten wurde in den Medien spekuliert, ob die Reihe abgesetzt wird. Darauf hat Sawatzki im Interview eine klare Antwort. Außerdem verrät die 62-Jährige, was ihr am aktuellen Zustand dieser Welt am meisten Sorgen bereitet, aber auch, was sie in ihrem Leben glücklich macht.

prisma: Frau Sawatzki, "Familie Bundschuh – Wir machen Camping" ist bereits der neunte Film der Reihe. Was die Fans seit Monaten beschäftigt: Was ist dran an den Gerüchten, dass die Reihe abgesetzt wird?

Andrea Sawatzki: Wir machen natürlich weiter und sind schon jetzt in der Planung für den zehnten Teil. Über den Inhalt darf ich allerdings noch nichts verraten.

prisma: Schon die letzten Geschichten der Filmreihe stammten nicht aus Ihrer Feder. Können Sie sich vorstellen, nach dem eher schweren Stoff "Biarritz" über Ihre Kindheit wieder einen Bundschuh-Roman zu schreiben?

Sawatzki: Ich wollte schon lange ein Buch über meine Kindheit schreiben, über diese fürchterliche Krankheit namens Alzheimer, die unsere kleine Familie zerstört hat. "Brunnenstraße" ist, glaube ich, auch eine Erzählung, die viele Menschen betrifft, denn Alzheimer ist eine der häufigsten Erkrankungen in unserer Gesellschaft. Der Folgeroman "Biarritz", der gerade erschienen ist, behandelt das gleiche Thema, hier allerdings erzählt von der 60-jährigen Tochter in Bezug auf ihre demente Mutter.

Wir sind mit diesem Thema nicht allein. Es betrifft fast jede Familie. Wir können darüber sprechen und uns austauschen und vielleicht Trost finden. Und nach fünf Bundschuh-Romanen war für mich die richtige Zeit für etwas schwerere Themen gekommen, was nicht heißt, dass es für immer vorbei ist. Ich bin allerdings auch jetzt immer involviert, wenn es darum geht, die Figuren zu führen und neue Stoffe zu finden.

Andrea Sawatzki über das Geheimnis einer intakten Beziehung

prisma: Im neuen Film geht es nur vordergründig um Camping. Ihre Figur Gundula macht zu Beginn einen Test im Internet: "Gehen oder Bleiben?" -Das Ergebnis spricht nicht für ihre Ehe. Wann ist es Zeit, eine Beziehung zu verlassen?

Sawatzki: Ich bin ja keine Paartherapeutin. Aber vom Gefühl her würde ich sagen: wenn der Respekt voreinander verloren geht, wenn man keine Lust mehr auf ein Miteinander hat. Und ich persönlich vermute, dass es in einer Beziehung sinnvoll ist, sich Freiräume zu schaffen, eine eigene kleine Welt nur für sich allein zu bewahren. Einen kleinen, privaten Raum den man nicht teilt.

So bleibt vielleicht auch nach vielen Jahren des Miteinanders eine Spannung erhalten. Nichts ist langweiliger als ein Mensch, den man zu 100 Prozent zu kennen glaubt, abgesehen davon, dass das eigentlich gar nicht funktionieren kann. Die Ehe von Gundula und Gerald steht schon seit längerem auf der Kippe. Viele Zuschauerinnen und Leserinnen haben mich gefragt: "Warum wehrt Gundula sich nicht? Wieso lässt sie alles über sich ergehen?" Mal sehen, wie sie sich entscheidet.

Sawatzki mit zwei Standbeinen: Sie ist Schauspielerin und Autorin

prisma: Nicht nur Gundula, alle drei Bundschuh-Frauen sind in Aufbruchstimmung. Ein Phänomen, das man auch in unserer Gesellschaft beobachten kann: Die Lust auf einen Neustart mit Ü50 oder Ü60 scheint immer größer zu werden. Ist die heutige Generation der Ü50-Frauen mutiger als vorherige?

Sawatzki: Ich glaube, ja – mutiger schon, aber anders. 60 ist ein tolles Alter . Die heutige Ü50-/Ü60-Generation hat oft mehr Selbstbewusstsein. Sie ist weniger an traditionelle Muster gebunden, Mut zeigt sich nicht nur im großen Bruch, sondern auch im Abwägen von Risiken, im Nein-sagen-Können und im Setzen eigener Prioritäten.

Es gibt mehr Leichtigkeit im Umgang mit dem Älterwerden Und man hat nicht mehr vor so vielem Angst, hat mehr Selbstakzeptanz, mehr Netzwerke, mehr Möglichkeiten, mehr Unterstützung untereinander. Ob "mutiger" im klassischen Sinne – vielleicht eher vielseitiger und bewusster in der eigenen Lebensgestaltung. Es macht mich glücklich, mich unter diesen Frauen zu tummeln.

prisma: Ältere Influencer, die zu einem privaten oder beruflichen Neustart inspirieren, haben riesigen Zulauf. So wie Greta Silver beispielsweise. Sie hat über die Zeit "die wir ab 60 geschenkt bekommen", gesagt: "Alter ist ein Start-up-Unternehmen". Können Sie sich auch vorstellen, irgendwann noch einmal etwas ganz Neues anzufangen?

Sawatzki: Ich habe alles, was ich mir je erträumt habe. Für mich ist die Schauspielerei so ungeheuer wichtig. Ich liebe meinen Beruf. Auch das Schreiben ist ein großes Geschenk. Durch meine beiden Berufe habe ich genug Möglichkeiten, mich immer weiterzuentwickeln und viele Menschen mitzunehmen. Das sehe ich als große Herausforderung. Damit bin ich schon ziemlich ausgelastet. Mehr wünsche ich mir gar nicht.

"Am meisten besorgt mich, dass die Gesprächsbereitschaft rapide abnimmt"

prisma: Ein Erfolgsfaktor der Bundschuh-Reihe ist ihr Humor, die Leichtigkeit. Beides bedient das Bedürfnis nach Eskapismus, das bei vielen immer größer wird angesichts der Ereignisse in der Welt. Was besorgt Sie am meisten, wenn Sie die täglichen Schlagzeilen lesen?

Sawatzki: Das ist gerade eine düstere Zeit. Ich persönlich merke, dass ich in Gedanken oft nur noch bei diesen Schreckensnachrichten bin. Deshalb habe ich es mir inzwischen angewöhnt, mich nicht mehr so sehr auf die Schlagzeilen auf meinem Handy einzulassen. Stattdessen kaufe ich mir eine Zeitung und lese sie gezielt.

Am meisten besorgt mich ehrlich gesagt, dass die Gesprächsbereitschaft untereinander rapide abnimmt. Und die Fehlinformationen, die Manipulationen aufgrund der sozialen Medien. Gerade die junge Generation ist dieser Situation ausgeliefert, weil die Algorithmen dafür sorgen, dass sie nur auf sie selbst zugeschnittene Informationen ohne glaubhaft belegte Gegendarstellungen erhalten. Das macht sich meiner Meinung nach besonders im Nahostkonflikt und dem daraus resultierenden Antisemitismus bemerkbar. Eine Entwicklung, die mich zutiefst alarmiert.

Engagement in der Hundehilfe: Sawatzkis besondere Motivation

prisma: Was sind Ihre kleinen Alltagsfluchten, wenn Ihnen die Welt da draußen zu viel wird?

Sawatzki: Auf jeden Fall die Natur, meine beiden Hunde und natürlich unsere Kinder, unsere Freunde. Was mir immer sehr viel gibt, sind meine kurzen Reisen nach Rumänien. Ich bin seit Februar mit meiner Freundin Sabine Peschke immer mal wieder für vier, fünf Tage in Rumänien. Wir holen so viele Hunde wie möglich aus den Hundetötungsstationen dort.

Über unsere Arbeit haben wir mit dem WDR einen Dokumentarfilm gedreht: "Rumäniens vergessene Hunde". Tiere, vor allem Hunde, haben mich in den schwierigsten Zeiten meines Lebens begleitet. Sie sind immer an der Seite ihres Menschen. Ich habe ihnen sehr viel zu verdanken und Rumänien und mein spanisches Tierheim in Pechina geben mir die Möglichkeit, wieder etwas gutzumachen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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