"Wir sind von alten, weißen Männern umzingelt": Christoph Maria Herbst im Interview
Eine Kult-Rolle und die Folgen: Lange Zeit setzten nicht wenige den Schauspieler Christoph Maria Herbst mit dem lebendigen Klischee eines deutschen Spießers, Bernd Stromberg, gleich. Dass der heute 60-Jährige natürlich komplett ganz anders tickt, als es seine Paraderolle aus der gleichnamigen Sitcom vermuten lässt, ist inzwischen bekannt, und es wird auch im Interview deutlich: Der Wahl-Kölner, der zu den beliebtesten Komikern hierzulande zählt, wird im Gespräch durchaus auch mal ernst. Anlässlich des neuen, dritten "Merz gegen Merz"-Films "Geständnisse" (ab dem 14. Mai im ZDF-Streaming-Portal sowie am Donnerstag, 21. Mai, 20.15 Uhr, im ZDF) hadert er etwa über die Auswirkungen von KI auf seinen Beruf. Er kritisiert insbesondere auch "alte, weiße Männer" – und grenzt sich bewusst von diesem Stereotyp ab: "Der Feminismus wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt", lässt Herbst, der eigentlich gelernter Bankkaufmann ist, wissen.
prisma: "Merz gegen Merz" ist zwar eine Komödie, oft aber ziemlich nah an der Realität. Darf Comedy heute noch alles – oder gibt es Themen, bei denen man vorsichtiger geworden ist?
Christoph Maria Herbst: Ich kenne niemanden, der mir in dieser Hinsicht konkret etwas verbieten würde. Man muss eher mit den möglichen sozialen Folgen leben. Shitstorms gehören heute fast zum Alltag. In meinem eigenen Leben spielen sie allerdings keine Rolle, da ich die sozialen Medien gar nicht nutze. Ansonsten erzählen wir ganz normale Lebensgeschichten von ganz normalen Familien – natürlich zugespitzt, da es sich um eine Komödie, beziehungsweise um eine Tragikomödie handelt. Aber vieles davon dürfte den Zuschauern bewusst oder unbewusst vertraut sein.
prisma: "Merz gegen Merz" zeigt eine Familie im Dauer-Ausnahmezustand. Was reizt Sie an dem Stoff?
Herbst: Der Reiz besteht darin, in dieses herrliche Chaos zurückzukehren und diese dysfunktionalen Familien aus der Innenschau weiterzuverfolgen. Hinzu kommt natürlich der künstlerische Aspekt: Es ist fantastisch, Teil dieses Ensembles zu sein und die wunderbaren Texte des begabten Ralf Husmann sprechen zu dürfen. Mit ihm durfte ich ja auch schon zwei Jahrzehnte bei "Stromberg" zusammenarbeiten. Ich wäre wirklich mit einem Klammerbeutel gepudert, wenn ich zu Erik Merz irgendwann einmal "Auf Wiedersehen" gesagt hätte. Das ist für uns alle ein Stück nach Hause kommen.
"Albernheit ist eine Lebenshaltung"
prisma: Erik Merz ist oft sehr überfordert und egozentrisch. Wo sehen Sie vielleicht sogar Parallelen zu sich selbst?
Herbst: Das, was Sie beschreiben, hat mit mir persönlich wenig zu tun. Erik Merz ist eher ein emotionaler Legastheniker – ein Zahlenmensch, der beruflich funktioniert, aber im Privaten vieles vernachlässigt. Er ist jemand, dem die Hose näher ist als das Hemd, was auch zum Scheitern seiner Ehe beigetragen hat. Er ist eine einsame Figur, die ihr Glück – oder eher Unglück – im Alkohol sucht. Der einzige echte Bezugspunkt ist inzwischen sein Hund. Gerade diese Widersprüche machen ihn für mich spannend. Erik ist auf eine schräge Weise ins Leben gestellt, und genau solche Figuren reizen mich und machen beim Spielen großen Spaß.
prisma: Ihr Bühnenprogramm heißt "Das ernsthafte Bemühen um Albernheit". Ist es heutzutage schwerer geworden, albern zu sein?
Herbst: Ich kann nur für mich selbst antworten: Nein, für mich ist es nicht schwerer geworden. Albernheit ist schließlich auch eine Lebenshaltung. Eine Haltung lässt sich nicht einfach ausradieren, nur weil sich die Weltlage ändert oder plötzlich Weltschmerz auftritt. Im Gegenteil, das intensiviert sie eigentlich nur noch. Ich bin von Beruf Spieler. Bei mir lag die Betonung immer auf dem zweiten Teil des Wortes "Schauspieler". Die Show habe ich eigentlich immer nur als das kleinere Übel in Kauf genommen. Insofern zieht sich Albernheit in all ihren Facetten wie ein roter Faden durch mein künstlerisches Leben.
prisma: Wann werden Sie denn privat auch mal ernst?
Herbst: Wenn es ans Eingemachte geht, werde natürlich auch ich ernst. Ich stehe nicht morgens auf und erzähle meinen Mitmenschen erstmal einen Witz – ich spiele die Rollen, für die ich besetzt werde. Aber in diesem wunderbaren Beruf muss ich akzeptieren, dass manche Zuschauende Darsteller und Figur nicht voneinander trennen. Auch ein Klausjürgen Wussow wurde beispielsweise bis zuletzt stark mit dem Professor aus der "Schwarzwaldklinik" verbunden. Das ist Fluch und Segen zugleich – und ich musste lernen, damit umzugehen.
"Der Feminismus wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt"
prisma: Sie meinen, damals bei "Stromberg"?
Herbst: Ja. So war es, als wir 2004 "Stromberg" ins Leben gerufen haben. Manche glaubten sogar, es handele sich um eine Dokumentation über einen real existierenden Versicherungsbetrieb. Es gab einige, die mir in der Öffentlichkeit Schläge angedroht haben, weil sie der Meinung waren, so dürfe man nicht mit seinen Angestellten umgehen. Inzwischen hat aber selbst der Verpeilteste begriffen, dass "Stromberg" nur eine Komödie ist. Ansonsten hat sich da eine Menge getan. Wenn mich jemand erkennt, dann weiß er, dass ich der Herr Herbst bin, ein Schauspieler. Die meisten erkennen mich auf der Straße aber nicht sofort, weil jeder sein eigenes Bild von mir im Kopf hat. Das hat meistens auch mit meinem tatsächlichen Erscheinungsbild fast nichts zu tun. Viele erkennen mich allerdings an der Stimme. Das bedeutet, dass ich meine Frau erfreuen kann: Wenn wir draußen sind, halte ich meistens den Schnabel.
prisma: Sind Figuren wie Erik oder "Stromberg" ein Auslaufmodell – oder notwendige Spiegelbilder der stereotypen "alten, weißen Männer"?
Herbst: Von einem Auslaufmodell kann man hier kaum sprechen, denn wir sind von alten, weißen Männern geradezu umzingelt. Umso wichtiger ist es, solche Figuren kritisch zu beleuchten. Erik Merz gehört in gewisser Weise dazu, ist aber doch anders angelegt. Zwar bringt er einige Störungen mit, aber ich würde ihn nicht als narzisstisch bezeichnen, wie es bei realen Figuren der Fall ist, die uns in den Sinn kommen.
prisma: Bleiben wir mal bei den männlichen Stereotypen, die die Feminismus- und Diversitätsdebatte mit beeinflusst haben. Was würden Sie sagen: Können Männer auch Feministen sein?
Herbst: Sie sprechen gerade mit jemandem, der mit drei Frauen aufgewachsen ist. Der Feminismus wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Mit solchen Zuschreibungen tue ich mich aber grundsätzlich schwer, denn für mich sind alle Individuen in erster Linie Menschen. Ich habe nie einen Unterschied gemacht, egal, wie jemand aussieht oder welchem Geschlecht er sich zugehörig fühlt. Diesen Anspruch auf Gleichheit, den ich für mich selbst habe, gestehe ich auch anderen zu – und damit bin ich immer gut durchs Leben gekommen.
"Viele junge Menschen können sich wohl nicht mehr so gut auf andere einlassen"
prisma: Die "Merz gegen Merz"-Filmreihe erzählt von einem geschiedenen Paar, das sich trotz allem verbunden bleibt. In Deutschland wurden im Jahr 2024 knapp 350.000 Ehen geschlossen – so wenige wie seit Beginn der Datenerhebung nicht mehr, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Woran, denken Sie, liegt das?
Herbst: Es ist vielleicht doch eine etwas überkommene Form des Zusammenlebens. Eine antiquierte Institution aus einer Zeit, in der gesellschaftliche Abhängigkeit manifestiert werden musste. Stichwort: Feminismus. Die Frau war noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mittlerweile gibt es so viele Ausgestaltungsmöglichkeiten von Liebe und Zusammensein, dass eine Ehe nicht zwingend notwendig ist. Das scheint sich zunehmend herumzusprechen (schmunzelt).
prisma: Sind die Beziehungen komplizierter geworden?
Herbst: Ich kann nicht in die Menschen hineinsehen. Auch hier müsste man sich die Daten genauer ansehen. Aber viele junge Menschen können sich wohl nicht mehr so gut auf andere einlassen. Viele sind sich selbst genug oder nicht kompromissbereit. Beziehungen werden oft auch Opfer unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Eine Beziehung per SMS zu beenden ... – Das sind Dinge, die ich in meinem Umfeld durchaus mitbekomme. Da bin ich tatsächlich noch Teil einer anderen Generation.
prisma: Sie sind seit 2012 verheiratet und scheinen insofern von diesen Problemen nicht betroffen zu sein. Gibt es dennoch kleine Reibereien zwischen Ihnen und Ihrer Frau?
Herbst: Damit kann ich leider nicht dienen. Meistens handelt es sich nur um kleine Missverständnisse. Wir stellen dann beide fest: "Ohje, wir haben einander missverstanden! So war das gar nicht gemeint!" Und dann lachen wir zusammen.
Christoph Maria Herbst hadert mit KI: "Das treibt mich mit großer Sorge um"
prisma: Ursprünglich haben Sie eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und sich dann für die Schauspielerei entschieden. Hat sich Ihre Definition von Erfolg im Laufe der Jahre verändert?
Herbst: Erfolg ist immer eine Frage der Definition. Für mich war es lange ein Misserfolg, keine Schauspielschule besucht zu haben. Gleichzeitig war es ein großer Erfolg, ohne diese Ausbildung ein erstes professionelles Theaterangebot zu erhalten. Daran sieht man, wie unterschiedlich Erfolg wahrgenommen werden kann. Für mich war das der entscheidende Sprung – vom Amateur- ins Profilager. Letztendlich ist Erfolg etwas sehr Subjektives. Dass ich von dem leben kann, was ich so gerne tue, ist für mich ein großes Geschenk und erfüllt mich mit viel Dankbarkeit – gerade weil ich auch die anderen Seiten dieses Berufs kenne.
prisma: Sie wirken bodenständig: Wie schaffen Sie es, trotz des Erfolgs und des Ruhms bei sich zu bleiben?
Herbst: Ich komme, glaube ich, aus einem guten Stall. Anders kann ich es mir nicht erklären. Meine Eltern lebten mir das vor. Ich habe einen ziemlich realistischen Blick auf meinen Beruf und meine Branche – das hilft, um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.
prisma: Wie blicken Sie angesichts der ganzen Umbrüche, insbesondere im Bereich KI, auf Ihre berufliche Zukunft?
Herbst: Das treibt mich mit großer Sorge um. Ich bin zwar ein hoffnungsloser Optimist und versuche, dem Ganzen auch etwas Positives abzugewinnen – aber es fällt mir zunehmend schwer. Ich glaube, wir werden uns alle noch umschauen. Ganze Berufsbilder könnten verschwinden, und auch Schauspiel- oder Sprecherberufe werden davon nicht ausgenommen sein. Noch ist KI weit entfernt von dem, was Empathie, Gefühl, Witz und Persönlichkeit ausmacht. Aber sie lernt ständig dazu. Das ist einerseits faszinierend aus der Distanz betrachtet. Andererseits denke ich, dass wir in manchen Bereichen vielleicht schon über berufliche Alternativen nachdenken sollten.
prisma: Wenn Sie Ihr heutiges Wissen Ihrem 20-jährigen Ich mit auf den Weg geben könnten, was wäre es?
Herbst: Bleib dir treu, hör auf deinen Bauch und lass dir von niemandem etwas vormachen. Wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, dann bist du auch nicht auf dem richtigen Weg!
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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH