Merkel und die Raute: Ein filmisches Porträt
Angela Merkel, Deutschlands erste Bundeskanzlerin, wird 70. Eine ARD-Doku-Serie beleuchtet ihre 16-jährige Amtszeit und die prägenden Jahre, die sie zur mächtigsten Frau der Welt machten. Mit überraschend lockerer Tonalität zeigt Regisseur Tim Evers ein vielfältiges Porträt der Kanzlerin.
Sie war die erste Kanzlerin der Bundesrepublik und die erste Ostdeutsche im Amt, sie stieg von "Kohls Mädchen" zur mächtigsten Frau der Welt auf und beeindruckte die männerlastige Politik- und Medienwelt nachhaltig. Bis heute steht ihr Name für Atomausstieg, Bundeswehrreform und gleichgeschlechtliche Ehe, für Flüchtlingshilfe und Coronamanagement – nicht zuletzt auch für ihre legendäre "Raute" und im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze wie "Wir schaffen das" oder "Sie kennen mich". Wenn Angela Merkel am 17. Juli ihr 70. Lebensjahr vollendet, dürften die Ehrerbietungen und kritischen Würdigungen zahlreich ausfallen. So auch im Ersten: Zweieinhalb Jahre nach Ende ihrer Amtszeit wagt anlässlich des runden Geburtstages eine fünfteilige Dokuserie einen ungewohnten Blick auf die "Schicksalsjahre einer Kanzlerin", die unsere Gesellschaft und insbesondere die jüngeren Generationen geprägt haben.
Kaum war Merkels Kanzlerschaft im Dezember 2021 vorbei, etablierte sich ein Begriff, der in Geschichtsbüchern und Rückblenden noch lange kursieren dürfte: Der Ausdruck "Merkel-Jahre" umreißt eine gefühlt lange Periode, in der, negativ gewendet, vieles einfach stillzustehen schien – beziehungsweise, ins Positive gedreht, eine vergleichsweise große Stabilität herrschte. Heute, da die Nachfolgeregierung und Olaf Scholz schon einige Zeit im Amt und die aktuellen politischen Krisen zahlreich sind, kann eine neue Perspektive auf diese bis heute nachwirkenden Jahre nicht schaden.
So oder so ähnlich dachte es sich wohl auch Regisseur Tim Evers, dessen filmisches Porträt mit einer überraschend lockeren Tonalität nicht nur zurückblickt und einordnet, sondern tatsächlich auch gut unterhält. Zugleich sucht es nach Antworten auf die wichtigsten Fragen: Wer ist diese Frau? Wonach richtete sie ihre Politik aus? Und welches Erbe hinterlässt ihre Kanzlerschaft? "Mit zunehmendem Abstand wird es immer spannender, sich den Weg von Angela Merkel anzusehen", so der aus Brandenburg stammende Filmemacher über die Biografie der in Hamburg geborenen und in der Uckermark aufgewachsenen Pfarrerstochter.
"So frech wie sie war, sah sie auch aus"
"Ich glaube, kein Mensch kennt Angela Merkel". heißt es an einer Stelle der Doku vielsagend – und trotz zahlreicher interviewter Weggefährten und Experten, trotz detailierter Analyseversuche, trotz der sehenswerten Archivaufnahmen aus DDR-Zeiten scheint sich auch diese vielschichtige Dokumentation der Politikerin und Person Merkel tatsächlich nur von verschiedenen Seiten annähern zu können, ohne zu einem endgültigen Schluss zu kommen.
Evers' Film erzählt von Merkels jungen Jahren als Physikerin im Osten ("So frech wie sie war, sah sie auch aus") über den Aufstieg in Helmut Kohls CDU nach der Wende bis zu den Höhe- und Tiefpunken einer Kanzlerschaft, die Merkel auf Augenhöhe mit mächtigen Männern wie George W. Bush, Barack Obama und Wladimir Putin brachte. Zwischen Energiewende und Russlandpolitik, zwischen Popularität, Kritik und öffentlicher Rezeption blickt die Dokumentation auf Erfolge und Rückschläge, auf Enttäuschungen und Herausforderungen – und fokussiert dabei auf einige entscheidende Schlüsseljahre. Nicht zuletzt kommt dabei via Archivinterviews auch die Jubilarin selbst vielfach zu Wort.
Allgemeinplätze und angebliche Gewissheiten über die Ex-Kanzlerin werden in der Doku, die in der Mediathek in fünf Teilen und im linearen TV als gekürzte 90-Minuten-Fassung gezeigt wird, immer wieder aufgebrochen. "Mit Maß und Mitte" habe Merkel die Deutschen durch die Krise gesteuert, erklärt etwa der Kommentar aus dem Off an einer Stelle – nur um ein zweifelndes "oder?" nachzulegen. Dieses augenzwinkernde Infragestellen und beiläufige Erzählen ist für eine Doku über eine große Staatsfrau gewagt, funktioniert aber – vor allem für ein jüngeres Publikum. Auch dank einer Gästeauswahl, die mannigfaltiger kaum sein könnte. Neben politischen Kolleginnen und Kollegen wie Annegret Kramp-Karrenbauer und Thomas de Maizière sowie Expertinnen wie Merkel-Biografin Evelyn Roll werden unter anderem auch Podcasterin Samira El Ouassil, Klimaschutzaktivistin Carla Reemtsma, der YouTuber LeFloid und Journalist Tilo Jung zu ihren Erfahrungen mit Merkel befragt.
"Merkeln" – sei das nicht die Vorgängerversion von "Scholzen", fragt witzelnd etwa der "Jung und naiv"-Erfinder in die Kamera, und auch Kollege LeFloid steht ihm im lässigen Kommentieren kaum nach: Es sei auf eine "komische Art und Weise" beeindruckend, dass von Merkel ein "signature move" hängenbleibe, erklärt er im Interview – und meint natürlich die tausendfach gezeigte und imitierte "Merkel-Raute". Es ist auch diese Art liebevoller Spott, der die Ära Merkel in ihrer Hochphase prägte – und der später, als manche im Angesicht von Merkels Flüchtlings- und Coronapolitik mit Slogans wie "Merkel muss weg" und "Merkel-Diktatur" auf die Straße gingen, in Hass und Häme umschlug.
Die immer Unterschätzte
Anders, aber ähnlich abschätzig begegnete man der jungen Merkel bereits Jahre zuvor in ihrer frühen Laufbahn als CDU-Politikerin, wie der Film dokumentiert. Der westdeutschen Öffentlichkeit galt sie als das "Mädchen" aus dem Osten, unscheinbar, mit eigenartiger Redeweise und Frisur. Zugleich, so drückt es de Maizière aus, sei es Ihr gesamtes Leben lang Merkels Erfolgsgeheimnis gewesen, "dass sie immer unterschätzt wurde". Sei es als Familien- oder als Umweltministerin, als CDU-Vorsitzende oder als Kanzlerkandidatin, wie die legendären Szenen mit dem aufgebrachten Wahlverlierer Gerhard Schröder 2005 ins Gedächtnis rufen. Selbst als sie dann Bundeskanzlerin gewesen sei, habe die Mehrheit geglaubt, "dass da jemand kommt, der es nicht kann", so de Maizière.
Dass es dann doch anders kam, dass Angela Merkel sich in dieser patriarchalen Umgebung mit der ihr oft zugeschriebenen Kühle durchzusetzen verstand, als "Managerin" (Marina Weisband), als "Handwerkerin, die die Dinge jetzt geregelt kriegen muss" (El Quassil), als "die Meisterin des Pragmatismus, die sich zum Inbegriff der Vernunft stilisierte" (Off-Kommentar), sagt viel aus über den Zustand der damaligen Männerrepublik – aber noch mehr über sie, die sich nie als Feministin betrachtete, dem Feminismus aber zugleich große Dienste erwies. Sie habe sich "dieses Affige, dieses männlich Gockelnde" gespart, analysiert "Zeit"-Journalist Christoph Diekmann. Sie habe gewusst, was sie kann – und was sie nicht kann. Und gesehen, "dass es gut ankam, so wie sie war."
Begleitet von einem augenzwinkernden Soundtrack, der vom 80er-Kulthit "Running Up That Hill" bis zum notorischen Merkel-Song "Angie" von den Stones reicht, zelebriert der Film diese weit vom Stargehabe entfernte Attitüde dann irgendwie doch fast wie ein Pop-Phänomen. "Jeder hat sich so seine eigene Angela Merkel zurechtprojiziert, wie er sie haben wollte", erklärt Grünen-Politikerin Marina Weisband passend dazu. "Und dadurch konnte sie gewählt werden."
Frischer Blick der jungen Generation
Apropos populär: Der Titel "Schicksalsjahre einer Kanzlerin" spielt natürlich auf Sissis "Schicksalsjahre einer Kaiserin" an – eine Anlehnung, die zuvor nur Dokumentationen über die Queen und Charles gewagt hatten. Dass dessen sich nun eine Doku über jene oft als bescheiden beschriebene Ex-Kanzlerin bedient, der monarchistisches Gedankengut und royales Gebaren ferner kaum sein könnten, ist so bemerkenswert wie bezeichnend. Auch für die Wirkung Merkels auf eine ganze Generation, die ein vielzitiertes Bonmot ganz gut wiedergibt: Ob auch Männer Kanzlerin werden können, sollen sich manche Heranwachsende während der Merkel-Jahre gefragt haben. Merkel als ewige Herrscherin? Das kolportierten ihre Gegner damals gern. Sie wurden eines Besseren belehrt, als sie schließlich aus eigenen Stücken den Rückzug antrat.
Vielen jungen Menschen, die mit Merkel großwurden, gilt sie – trotz aller politischen Differenzen – noch heute als Bezugspunkt und wichtige Figur, eben als "Mutti Merkel", wie sie scherzhaft und liebevoll getauft wurde. "Ich habe keine Erinnerungen an die Zeit vor Merkel", sagt Carla Reemtsma im Film.
Regisseur Tim Evers habe diese jüngeren Stimmen einbinden wollen, "die mit dieser ersten deutschen Kanzlerin aufgewachsen sind und sie ganz anders reflektieren – freier, frecher, mitunter auch flapsiger". Auch, weil sie "ohne das ganze Paket realpolitischer Hintergründe der letzten 30 Jahre auf sie blicken". In diesem Sinne spiegelt die ARD-Dokumentation auch die Sicht der Millennials und Gen-Z auf die Politik und Persönlichkeit Merkels.
Wie sie das politische Denken und die Wahrnehmung der Welt prägte, was von ihrer Kanzlerschaft heute und vor allem in den kommenden Jahren bleibt, werden vor allem diese Generationen bestimmen. Schon zum 75. könnte sich – auch angesichts der aktuellen Krisen und Kriege – der Blick auf Angela Merkel wieder entscheidend verändert haben. Denn wenn wir über Angela Merkel reden, so drückt es der Regisseur der sehenswerten Doku aus, reden wir "natürlich immer auch über uns".
Angela Merkel – Schicksalsjahre einer Kanzlerin – Mo. 15.07. – ARD: 22.30 Uhr
Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH