Agnès Varda

Agnès Varda (r.) mit ihrer Lieblingsschauspielerin Jane Birkin Vergrößern
Agnès Varda (r.) mit ihrer Lieblingsschauspielerin Jane Birkin
Agnès Varda
Geboren: 30.05.1928 in Brüssel, Belgien

Sie bezeichnet einmal Federico Fellini als ihren Lieblingsregisseur. Das war 1962 als "Mittwoch zwischen 5 und 7" ins Kino kam. Damals nannte sie auch Alain Resnais als die große Hoffnung des französischen Films. Resnais war der Cutter ihres Dokumentar-Spielfilms "La point courte" (1954), mit dem Agnès Varda ihre Filmlaufbahn begann. Wenn man Resnais' Debütfilm "Hiroshima, mon amour" daneben sieht, erkennt man, dass Resnais mit dem gleichen Blick die Dinge und Menschen zu betrachten weiß wie Varda in ihrem schönen kleinen Schwarzweiß-Film über das Fischerdorf "La point courte".

Die gebürtige Belgierin, Tochter eines Griechen und einer Frau aus der Province -, wuchs in Belgien auf, floh aber während des Krieges auf das Schiff ihres Vaters im südfranzösischen Hafen Séte. Sie machte ihr Abitur in Paris, absolvierte ein Literaturstudium an der Sorbonne und studierte in Anschluss daran an der Kunstakademie des Louvre. Kunstgeschichte und Sinologie waren weitere Studienfächer. Schließlich besuchte sie die Pariser Hochschule für Fotografie und debütierte beim ersten Theaterfestival in Avignon 1947 als Bühnenfotografin. 1946 begann sie für Jean Vilars "Theatre National Populaire" zu fotografieren. Die Annäherung an den Film ist rein handwerklich, sie hatte keine Filmhochschule besucht, sondern geradewegs von der Photographie Einzelbilder zu den laufenden Bildern gefunden. Auf die Beobachtungen im Fischermilieu folgten "O Saisons, o chateaux" (1957), der die Loire-Schlösser mit der Modefotografie konfrontiert und "Du cote de la cote" (1958), ein ironischer Report über die Riviera. Im gleichen Jahr entsteht einer der schönsten Paris-Filme "Opera Mouffe": die Rue Mouffetard aus der Sicht einer schwangeren Frau.

Einen weiblichen Ingmar Bergman nannte Jean Douchet damals die Varda, die zwischen Realismus und Poesie einen neuen, eigenwilligen Filmstil entwickelte. Da sah man etwa ein Fischernetz als Arbeitsgerät und daraufhin als Dekoration: der Kamerablick und die Montage erzählen Geschichten in Bildern, so ist "La pointe courte" ein Film fast ohne Sprache. Das macht auch verständlich, daß Agnès Varda häufig ohne fertiges Drehbuch arbeitet. Das zumindest gilt für ihren ersten langen Spielfilm "Mittwoch zwischen 5 und 7", den sie im Sommer 1961 dreht. "Mein Film ist die leidenschaftliche, Anteil nehmende, äußerst detaillierte Beschreibung einer sehr schönen Person." Eine junge, durchschnittliche Sängerin wird plötzlich von Todesangst überfallen. Sie ist möglicherweise todkrank, in zwei Stunden wird das Ergebnis der Untersuchung vorliegen. Der Film ist ein intimes Journal in mehreren Kapiteln, eine sehr sensible, wenn auch distanzierte Chronik laufender Ereignisse, zugleich aber auch ein skurriler Grotesk-Film mit zahlreichen Prominenten wie Eddie Constantine, Samy Frey, Jean-Luc Godard oder Anna Karina in winzigen Auftritten.

Eigenwillig, unverwechselbar auch der nächste Spielfilm "Glück aus dem Blickwinkel des Mannes" (1964). In diesem ungewöhnlich schönen und zugleich bitteren Film kreiert Agnès Varda wieder etwas ganz Seltsames: Sie zeigt Wirklichkeit in Form von Klischeebildern, mischt Kunst, Pastellfarben wie aus alten französischen Gemälden, und um das noch zu unterstreichen, zitiert sie auf dem Bildschirm Jean Renoirs "Das Frühstück im Grünen". Daneben glatte Mode-Journal-Bilder in grellen Farben, untermalt von Mozart-Musik. Die Story, ein abgewandelter Lore-Roman: Kunsttischler und Schneiderin lieben sich, haben zwei süße Kinder, ein trautes Heim und ihre Sonntags-Picknicks im Grünen. Zwei Stunden täglich verbringt er mit seiner ebenso reizenden Geliebten. Als er es seiner Frau sagt, begeht sie Selbstmord, dann wird sie durch die Geliebte ersetzt, das Ritual des Lebens geht weiter - nur mit einer anderen Frau. Die Art der Erzählung macht aus der Kitschgeschichte eine bitterböse Farce.

Ganz anders demgegenüber die Geschichte von Miléne, der Frau des Sciencefiction-Autors Edgar. Sie kann seit einem Autounfall nicht mehr sprechen. Während sie ein Kind erwartet, lebt sich Edgar immer mehr in seinen neuen Roman hinein und erfährt seine Umwelt als Reflektion des dichterischen Werkes. Der Zuschauer wird in dem Film "Die Geschöpfe" ständig mit Realem und Irrealen konfrontiert. "Die eine singt, die andere nicht" (1976) erzählt von der 17-jährigen Pomme, die ganz im Gegensatz zu ihrer Freundin Suzanne ein quirliges Ding ist. Suzanne hat zwei Kinder und kriegt beinahe noch eines, wenn Pomme ihr nicht das Geld für die Abtreibung geben würde. Damit aber hat es Pomme zu Hause endgültig verdorben. Doch sie hat ihre Lieder, setzt sich durch und zieht mit einer Frauentruppe los. Anhand der beiden Frauen versucht Agnès Varda den Kampf ums Leben zu zeigen, doch sie baut dabei eine utopische Welt zurecht und verschenkt vieles an Ästhetik.

In "Vogelfrei" begegnen wir im südlichen Frankreich auf der Landstraße Mona, die wieder ein lebendig starkes Geschöpf der Varda ist. Mona hat einen Handelsschulabschluß, will aber nicht arbeiten. Sie ist kein Schmarotzer, will schon für ihr täglich Brot etwas tun, doch sich nicht festlegen lassen. Auch ihren Körper verkauft sie, sei's drum. Sie wird vergewaltigt, misshandelt, gequält und erträgt all das in stoischer Ruhe. Das Leben meint es nicht gut mit ihr, aber sie negiert die Geringschätzung. Mona ist eine irritierende Kinoheldin. Selbst den Mittellosen ist sie suspekt, man will sie weghaben. Keine Unmenschlichkeit: die schaffen es einfach nicht, Menschlichkeit zu praktizieren, die sie selbst nie kennen gelernt haben. Ein ganz ordinäres, unverwechselbar realistisches Schicksal. So begegnet der Mensch dem Menschen.

100 Jahre Kino hat Agnés Varda im Kopf als sie "Hundert und eine Nacht" (1994) dreht: Michel Piccoli ist Monsieur Cinéma, einhundert Jahre alt wie das Kino, einst bedeutender Darsteller, Regisseur und Produzent. In seinem prunkvollen Schloss, umgeben von Dienern und seinem alten italienischen Freund Marcello (Mastroianni), versucht er, ein neues Projekt in den Griff zu bekommen. Doch allein er bringt alles durcheinander... Sacha Guitry, der eitle und selbstgefällige französische Komödiant und Selbstdarsteller stand Pate für Agnès Vardas Film. Agnès Varda war bis zu seinem Tod mit dem französischen Regisseur Jacques Demy verheiratet.

Weitere Regiearbeiten von Agnès Varda: "Seid gegrüßt, Kubaner!" (1963), "Lions Love" (1969), "Mauergeflüster" (1980), "Die sogenannten Karyatiden" (1984), "Die Zeit mit Julien" (1987), "Jane B. ... wie Birkin" (1987), "Jacquot" (1991), "Die Fräulein waren 25 Jahre alt" (1992), "Die Sammler und die Sammlerin" (2000), "Zwei Jahre danach" (2002), "Die Strände von Agnès" (2007).


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