Margarethe von Trotta konfrontiert in ihrem Melodram "Die abhandene Welt" zwei Sängerinnen mit einem dunklen Geheimnis aus der Vergangenheit.

Regisseure lassen ihre Figuren gerne Familiengeheimnisse auf der Leinwand lüften. Bei Margarethe von Trottas Film "Die abhandene Welt" hat das Wühlen in der Vergangenheit sogar eine Entsprechung in der Wirklichkeit. Auch sie selbst wurde als Erwachsene mit einer älteren Schwester konfrontiert, von der sie nichts ahnte. Leider kann die Regisseurin diese tiefgehende Erfahrung nicht auf die Leinwand transportieren. Ihrem Melodram mit Katja Riemann und Barbara Sukowa in den Hauptrollen fehlt am Ende die Glaubwürdigkeit. Jetzt ist der Film, der 2015 bei den 65. Internationalen Filmfestspielen in Berlin zur Premiere kam, im ZDF erstmals im Free-TV zu sehen – allerdings zu einer bemerkenswert unvorteilhaften Sendezeit.

Alles geht ganz spannend los, wir lernen Sophie (Katja Riemann) und ihren Vater Paul (Matthias Habich) kennen. Die beiden verbindet eine an sich innige Beziehung, die jedoch wiederholt durch aufbrausende Aussetzer von Paul etwas befremdlich wirkt. In einem Tonfall zwischen ruppig und liebevoll handeln die beiden aus, dass Sophie nach New York fliegen soll, um eine Frau aufzusuchen, die der verstorbenen Mutter fast schon unheimlich ähnlich sieht. Paul hat das Foto der amerikanischen Operndiva Catarina Fabiani (Barbara Sukowa) im Internet entdeckt und vermutet nun verwandtschaftliche Beziehungen. Sophie soll herausfinden, was es damit auf sich hat.

Optisch wertet die Reise in den Big Apple Margarethe von Trottas Film natürlich auf. Man merkt, dass die Regisseurin die Stadt liebt. Sophie schafft es in New York tatsächlich, sich der berühmten Sängerin zu nähern. Auch dank ihres Agenten Philip (Robert Seeliger), der sich auf den ersten Blick in Sophie verliebt – ein Nebenstrang der Story, den von Trotta lieber hätte weggelassen sollen. Die mühsam konstruierte und aufgesetzte Liebesgeschichte wirkt eher peinlich.

Die alleinerziehende Diva sträubt sich gegen die "Hirngespinste" einer Fremden, Sukova spielt dies sehr überzeugend. Die Deutsche lässt aber nicht locker und sucht heimlich Catarinas demente Mutter (Karin Dor) im schicken Pflegeheim auf. Trotz der wirren Aussagen der alten Dame glauben beide Sophie und Catarina nun, dass in ihrer Vergangenheit ein dunkler Punkt existiert, der die bisherigen Familienverhältnisse auf den Kopf stellt. Zurück in Deutschland weiß Sophies Vater plötzlich mehr, als er seiner Tochter erzählt hat.

Die folgende Spurensuche rund um Düsseldorf hat etwas von einer lustigen Schnitzeljagd: Sophie wird von ihrem Vater absichtlich auf eine falsche Fährte gelockt, was zu einer Begegnung mit dem schwulen Tänzer und Choreographen Orlov führt. Ein netter Nebenpart für Rüdiger Vogler – überhaupt beschleicht einen das Gefühl, dass von Trotta ihren Schauspielern Rollen auf den Leib geschrieben und die Story drumherum konstruiert hat. Katja Riemann, die schon in den Trotta-Filmen "Ich bin die Andere" und "Rosenstraße" zu sehen war, darf hier in mehreren Szenen als Jazzsängerin auftreten. Denn Sophie, wen wundert es, singt. In der Heimat verkannt, hat sie ihren großen Durchbruch in Amerika.

Den Klassik-Part übernimmt die stimmstarke Barbara Sukowa mit der von Trotta bereits "Hannah Arendt" und "Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" drehte. Die profilierte Sängerin gibt hier unter anderem das Lied "Der Doppelgänger" von Franz Schubert in einer theatralisch-progressiven und unheimlich wirkenden Darbietung zum Besten. Das Zusammenspiel der beiden Hauptdarstellerinnen – die eine als vergnügte Jazzerin, die andere als verhärmte Operndiva – funktioniert prima.

Und wenn die Geschichte mal wieder klemmt, dann setzt Musik ein. Das bringt die Story zwar nicht weiter, sorgt aber für gute Unterhaltung. Unfreiwillig komische Szenen und die unschlüssige Erklärung für all die herben Lebenslügen sorgen aber dafür, dass das Drama "Die abhandene Welt" emotional weit unter seinen Möglichkeiten bleibt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst