In der ZDF-Komödie "Annie – kopfüber ins Leben" wird der Alltag einer scheinbar intakten kleinen Familie jäh auf den Kopf gestellt, als Mama Annie nach einem Seitensprung mit dem Fitnesstrainer Raimund plötzlich schwanger wird. Letzterer beschließt, sich seiner Verantwortung zu stellen. Damit setzt er eine Kette unvorhersehbarer Ereignisse in Gang. Wir trafen den Düsseldorfer Schauspieler Eugene Boateng, der in dem TV-Film Raimund verkörpert, zum Gespräch.

Herr Boateng, wie oft werden Sie für einen Fußballer gehalten?

Haha, das werde ich wohl nicht los. Vielleicht muss ich die berühmten Boateng-Brüder mal beerben. Außer, dass wir alle drei Wurzeln in Ghana haben, gibt es keine größeren Gemeinsamkeiten zwischen uns. Ich habe als Jugendlicher zwar für Turu Düsseldorf und DSV 04 gekickt, war aber technisch nie der Allerbeste, obwohl ich ziemlich schnell laufen konnte.

Wenig Verwechslungsgefahr besteht in der TV-Komödie "Annie – kopfüber ins Leben". Was unterscheidet die Dreiecksgeschichte von anderen Beziehungsstoffen?

Das Interesse Raymonds an Annie und das Bedürfnis, Verantwortung für das Kind übernehmen, ist meiner Meinung nach nicht unbedingt alltäglich in einer solchen Situation.

Wie hätte Eugene Boateng in dieser Situation reagiert?

Gute Frage. Das Beste für das Kind ist entscheidend. So würde ich das sehen. Von daher steckt in der Rolle des Raymond schon eine Menge Eugene.

Was war das besonders Reizvolle an der Rolle des Fitnesstrainers Raymond?

Die Rolle war zwar schon geschrieben, aber ich konnte noch ein paar Dinge hinzufügen. Daran habe ich lange mit meinem Coach gearbeitet. Ich wollte noch etwas Tanz dazugeben, quasi mein Zuhause mitbringen. Das hat großen Spaß gemacht.

Wie wird aus dem Drama eine Komödie?

Ein berühmter Schauspieler hat mal gesagt, dass Menschen am liebsten über das Leid anderer lachen. So macht man aus Dramen eben Komödien. Der Schlüssel ist das Timing. Wenn bei Dick und Doof einer die Treppe herunterfällt, dann lachen die Leute. In "Annie – kopfüber ins Leben" gibt es diese Szene, in der sich plötzlich die gesamte Familie trifft. Da gibt es so viele kleine Momente, die dazu führen können, dass alles in der Katastrophe endet. Mehr möchte ich aber auch nicht verraten.

Martin Enlen ist hauptsächlich als Krimi-Regisseur bekannt geworden. Hat man das während der Dreharbeiten gemerkt?

Eigentlich nicht. Er hat am Set allen ein Wohlfühl-Gefühl verschafft. Ich hatte vorher viele Gespräche mit ihm. Da war er sehr feinfühlig, sensibel und wollte keineswegs, dass es ständig irgendwo knallt. Ich denke, dass es ihm am wichtigsten war, dass sich die Schauspieler wohlfühlen. Und das merkt man dann eben auch an der Performance. Man hat sich einfach zuhause gefühlt.

Den Begriff "Zuhause" verwenden Sie oft. Sie selbst sind im alternativen Flingern auf der Kiefernstraße in Düsseldorf aufgewachsen. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Obwohl man die Straße immer mit Punks, Drogen und Hausbesetzern in Verbindung gebracht hat, fühlten wir Kinder uns sehr beschützt dort. Meine Klassenkameraden hatten zwar immer Angst, mich mal zu besuchen, aber ich habe das nie verstanden. Natürlich habe ich auch vereinzelt den Drogenmissbrauch mitbekommen. Aber die Punks waren immer cool zu mir. Und die vielen Kulturen, die dort auf engstem Raum zusammenlebten, haben mich wirklich geprägt. Meine sieben Geschwister und ich waren immer draußen, haben tagsüber Fußball gespielt und abends Verstecken. Einmal im Jahr haben die Nazis aus dem Umland versucht, eine Demo dort zu veranstalten. Aber wir haben alle immer zusammengehalten und konnten sie vertreiben – vor allem mit Hilfe der Punks. Ich gehe immer gerne dorthin zurück. Das erdet mich.

War Rassismus damals generell ein Thema?

Natürlich. Mein gesamter Alltag ist Rassismus gewesen. Tagtäglich hat man das gemerkt. In der Schule, im Supermarkt, überall. Anfänglich geht man aggressiv damit um, weil man ständig ungerecht behandelt wird. Ich habe aber mittlerweile gelernt, Unterschiede zu machen. Wenn mir jemand im Supermarkt hinterherläuft, weil er denkt, ich klaue etwas, dann lache ich darüber. Klarer Rechtsradikalismus ist hingegen etwas anderes. Man hat mittlerweile das Gefühl, dass die Gesellschaft sich teilt. Ich habe schon vor 20 Jahren dafür gekämpft, dass dieser Rassismus aufhört, dass stattdessen Respekt unser Handeln bestimmt. Aber heute Morgen habe ich mit meiner Schwester telefoniert. Sie wurde als „Niggerin“ beschimpft, weil sie eine Mutter darauf ansprach, warum die ihrem Kind verbieten würde, mit meiner Nichte zu spielen. Das ist schlimm – und gerade deshalb ist es so wichtig, sichtbar zu sein. Das Bild dieses Landes ist mittlerweile durchmischt und bunt. Das muss sich auch in der TV-Landschaft widerspiegeln. Denn die Menschen, die sich das dann ansehen, lernen dazu und tragen dazu bei, dass sich Deutschland weiterentwickelt.

Warum erfolgte der Schritt vom Tänzer zum Schauspieler?

Tanz, Musik und Schauspiel gehört für mich zusammen. Ich war mit 19 schon in einer relativ bekannten Jugend-Tanz-Theatergruppe aktiv. Für mich sind Tanzen, Musik und Schauspielerei Sprachen. Und je mehr Sprachen ich spreche, desto besser.

Sie haben mal gesagt, dass Sie am liebsten die Rolle Ihres Vaters spielen würden. Wie war das gemeint?

Ich bewundere diesen Mann, weil er aus Ghana ins ferne Deutschland gezogen ist und hier in der Fremde versucht hat, eine Familie großzuziehen. Er hat sicherlich Fehler gemacht, aber nie aufgegeben. Jeder Mensch, der seine Heimat hinter sich lässt, um woanders etwas völlig Neues zu schaffen, braucht sehr viel Mut. Ich wollte immer schon die Geschichte meines Vaters erzählen. Im neuen Kinofilm „Borga“ geht es um dieses Thema. Darum, dass ein Mann aus Ghana nach Deutschland auswandert und sich plötzlich zwischen zwei Welten befindet. Denn in seiner neuen Heimat wird er nicht so herzlich empfangen, wie er sich das vorgestellt hat, und in seine alte kann er nicht einfach so zurückkehren. Dieser Film hat mir bislang als Schauspieler am meisten abverlangt und ich bin gespannt, wie er ankommt.