Ein Jahr nach der Premiere auf Sky zeigt das Erste nun die hochgelobte Serie "Babylon Berlin" im Free-TV. Die Frage ist: Kann der History-Thriller zur Primetime noch Zuschauer locken?

Die deutsche Serie, man darf es mittlerweile laut sagen, sie kann was. Als "Babylon Berlin" letzten Herbst erfolgreich im Programm von Sky startete, galt das 20er-Jahre-Epos von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries als Coup – und als erster hiesiger Versuch, Netflix und Co. Paroli zu bieten. Es gelang: Kritiker und Publikum waren national und international voll des Lobes für das Mammutprojekt, das mit Volker Bruch und Liv Lisa Fries zwei beeindruckende Hauptdarsteller fand. Nun, nachdem die Jubelarien verklungen sind und die Fortsetzung längst in Arbeit ist, feiert die Gemeinschaftsproduktion von Sky und ARD auch im Free-TV im großen Stil Premiere: Ab 30. September zeigt das Erste den berauschenden Historienkrimi zunächst am Sonntagabend, danach donnerstags ab 20.15 Uhr. Kann das Öffentlich-Rechtliche noch ein Jahr später zur Primetime mit der Serie punkten?

Die drei eigens für "Babylon Berlin" errichteten Straßenzüge in Babelsberg – sie werden ab Herbst wieder mit Leben gefüllt. Das Regietrio um Tom Tykwer arbeitet eifrig an der dritten Staffel: "Dass mich ein Projekt so lange und intensiv begleitet, habe ich bisher auch noch nicht erlebt, aber es macht einfach unglaubliche Freude", so der 53-Jährige. Zehn neue Episoden, die auf dem Roman "Der stumme Tod" von Volker Kutscher basieren, sind angedacht. Die Fortsetzung des größten deutschen Serienprojekts aller Zeiten war nur logisch: Monatelang wurden die ersten beiden Staffeln der ambitionierten Historien-Saga, denen Kutschers Vorgängerroman "Der stumme Fisch" als Vorlage diente, durch die Medien gereicht. Netflix sicherte sich die Rechte für die USA, es folgten Auszeichnungen wie der Deutsche Fernsehpreis und der Grimme-Preis.

"Ohne den Mut und die Leidenschaft aller Beteiligten wäre dieses Projekt so nie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen realisiert worden", sagt Christine Strobl, Programmgeschäftsführerin der ARD Degeto. Ohne die einzigartige finanzielle Zusammenarbeit allerdings auch nicht: Den Löwenanteil der Kosten übernahm die Produktionsgesellschaft X Filme Creative Pool, neun Millionen steuerte das Erste bei, vier Millionen Sky. Die Beteiligung des Münchner Unternehmens erkaufte sich die ARD indes teuer: Erst ein ganzes Jahr nach der (mit 1,19 Millionen Zuschauern in den ersten sechs Tagen) erfolgreichen Premiere bei Sky sollte "Babylon Berlin" im deutschen Free-TV zu sehen sein.

Nun, da der Hype längst vorbei ist, glaubt die ARD dennoch an einen Erfolg: "Die Serie begeistert Kritiker und ist international ein Hit", weiß ARD-Programmdirektor Volker Herres: "Babylon Berlin' verdient die beste Startrampe im deutschen Fernsehen, und das ist der Sendeplatz Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten." Ausgestrahlt werden die 16 Episoden der ersten beiden Staffeln jeweils in Doppelfolgen – abgesehen vom Auftakt, der mit den ersten drei Serienepisoden plus einer Hintergrund-Doku aufwartet. Laut Herres dürfen sich die Zuschauer "auf die Free-TV-Premiere dieser einzigartigen deutschen Serie freuen, einer rauschhaften Inszenierung des turbulenten Lebens im Berlin der Weimarer Zeit". "Babylon Berlin" liefere "Erzählkunst vor zeitgeschichtlichem Hintergrund mit dem Schauwert des großen Kinos".

Großes Kino, das ist "Babylon Berlin" in der Tat: Insgesamt verschlang das Mammut-Projekt 40 Millionen Euro. Gelohnt hat sich die Investition allemal. Das Sittengemälde der deutschen Hauptstadt des Jahres 1929 ist glänzend produziert, unterhält, bildet, lässt mitfiebern. "Babylon Berlin" ist Krimi, Drama, Thriller, Historienfilm zugleich. Es erzählt die Geschichte des Kölner Kommissars Gereon Rath (Volker Bruch), der nach Berlin geschickt wird, um einen komplexen Kriminalfall zu lösen. Es entführt in die schillernde Party-Szene des Jahrzehnts ebenso wie in die kalt-dunklen Zweizimmer-Wohnungen der ausgebeuteten Armen. Hustend und siechend hausen sie dort Großfamilie, so wie der Anhang der jungen Stenotypistin und Gelegenheits-Prostituierten Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), der zweiten Hauptfigur neben dem Kommissar.

Dazu gibt es die Schilderung der politischen Unruhen jener Zeit: vom sogenannten "Blutmai" des Jahres 1929, als im Zuge einer von der Polizei verbotenen Demonstration viele Kommunisten und Unbeteiligte ums Leben kamen. Berichtet wird auch von russischen Machtkämpfen auf deutschem Boden, von aufmarschierenden Nazis – das jedoch nicht in den ersten Folgen – von Emanzipation, Drogenrausch, von der Sitte hochgenommenen Pornodrehs oder verzweifelnden Modernisten auf Bauhaus-Stahlrohrmöbeln in kargen Hinterzimmern.

Man geht mit Gereon Rath, der als Posttraumatiker aus dem Ersten Weltkrieg seinen Flattermann immer wieder mit schnell zerbissenen Heroin-Ampullen kurieren muss, durch diese Welt. Man staunt mit ihm über den herben Gegensatz aus Arm und Reich, aus Party und Verdammnis, aus Modernität und Brutalität, die es im damals 4,3 Millionen Einwohner zählenden Berlin gab. Trotz einiger oberflächlicher Charakterzeichnungen – wie sollte es trotz 16 Folgen angesichts jenes epochalen Projekts auch anders gehen – zieht "Babylon Berlin" den Zuschauer in seinen Bann. Es ist ein Erlebnis, das man im deutschen Fernsehen in dieser Professionalität so nie sah. Wie es schon die US-Streamingdienste für sich beanspruchen, gelingt auch "Babylon Berlin" Kino fürs TV.

Man denke "die Verbindung zwischen Fernsehen und Kino neu", so drückt es auch Christine Strobl aus. Für sie erfüllt "Babylon Berlin" zudem einen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Schließlich weise man "am Beispiel der Zwanzigerjahre weltweit auch auf die Gefahren für die Demokratie hin". Als die Serie vor fünf Jahren konzipiert wurde, war an Pegida, Flüchtlingskrise und Spaltung der Gesellschaft noch nicht zu denken. Heute, da die demokratischen Institutionen und die Zivilgesellschaft herausgefordert sind, wirkt der filmische Blick auf die späte Weimarer Republik, die auch in der anschließenden Doku "1929 – Das Jahr Babylon" (Sonntag, 30.9, ab 22.30 Uhr) beleuchtet wird, über das bildgewaltige Drama vor ansprechendem historischem Hintergrund hinaus.

"Natürlich kann man nicht einfach sagen, dass 1929 und 2018 identisch sind", gibt auch Regisseur Henk Handloegten zu denken. "Dennoch hat es uns immer wieder schockiert, welche kleinen und großen Parallelen es zwischen diesen beiden Jahren gibt." In diesem Sinne scheint die Ausstrahlung zur Primetime im Ersten keineswegs eine späte Abspeisung des Restpublikums, sondern wirkt in in jenem hochbrisanten Herbst 2018 ganz und gar folgerichtig und aktuell. Es ist ein Gefühl, das "Babylon Berlin" auch in der kommenden Staffel mehr und mehr bedienen wird. Die Fortsetzung führt uns ins Jahr 1930, jenes Jahr, in dem der Aufstieg der NSDAP seinen Lauf nahm.


Quelle: teleschau – der Mediendienst