Der ARD-Film "Das Geheimnis der Freiheit" erzählt auf ungewöhnliche Weise aus den 70er-Jahren einer immer noch jungen Bundesrepublik. Edgar Selge spielt den Star-Historiker Golo Mann, der eine Biografie des verurteilten Kriegsverbrechers Alfried Krupp schreiben soll.

Normalerweise wird Geschichte im Fernsehen anders erzählt, als im ARD-Mittwochsfilm "Das Geheimnis der Freiheit" (15. Januar, 20.15 Uhr). Als Dokumentation beispielsweise, in Form von Biopics über berühmte Persönlichkeiten oder anhand beispielhafter Charaktere, die für eine bestimmte Zeit stehen sollen. In der dramaturgischen Bearbeitung einer Zusammenarbeit zwischen Krupp-Chef Berthold Beitz (Sven-Eric Bechtolf) und dem Historiker Golo Mann (Edgar Selge) hat man sich für einen anderen Ansatz entschieden. Über 90 Minuten, die acht Jahre zusammenfassen, diskutierten mit Beitz und Mann zwei Männer, die den Zweiten Weltkrieg aus unterschiedlicher Perspektive erlebten, wie man mit der deutschen Schuld umgehen kann. Dabei sind die Positionen der Protagonisten keineswegs eindeutig gegensätzlich – so, wie man es im klassischen TV-Drama eigentlich vermutet. Mit dem 71-jährigen Edgar Selge spielt einer der renommiertesten deutschen Bühnen- und Filmschauspieler einen Intellektuellen, der vom Erleben des Krieges und seiner Familie tief in seiner Existenz verunsichert war.

prisma: "Das Geheimnis der Freiheit" ist der über acht Jahre dauernde Dialog zweier prominenter Männer der noch jungen Bundesrepublik. Was ist daran interessant?

Edgar Selge: Mich interessiert jede Auseinandersetzung mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges. Das liegt an meiner Generation. Unsere Eltern haben nicht viel erzählt. Sie haben über das Schlimme geschwiegen und das Harmlose berichtet. Das Zentrum des Films ist, dass der Krupp-Manager Berthold Beitz ausgerechnet Golo Mann bittet, eine Biografie über den verurteilten Kriegsverbrecher Alfried Krupp zu schreiben. Beitz hofft mit der prominenten Unterstützung Manns, den Namen "Krupp" reinzuwaschen. Er müsste eigentlich wissen, dass jemand wie Golo Mann – Halbjude und im Krieg emigriert – keine Lobeshymne auf Krupp verfassen wird. Allein diese Fehleinschätzung von Beitz zeigt die Unbeholfenheit seiner Generation, mit der Vergangenheit angemessen umzugehen.

prisma: Krupp-Manager Beitz hatte selbst eine zerrissene Biografie: Einerseits hatte er vielen Juden im Krieg das Leben gerettet, andererseits verehrte er Krupp und arbeitete mit Unrechtssystemen wie dem des Schahs von Persien zusammen. Wie geht das?

Selge: Beitz rettete während des Krieges in Galizien Hunderten von Juden das Leben, indem er sie für unverzichtbar im Sinne der Kriegswirtschaft erklärte. Er hat regelrecht um diese Menschen gekämpft. Die Gedenkstätte Yad Vashem möchte ihn dafür als "Gerechter unter den Völkern" auszeichnen. Beitz zögert die Annahme dieser Ehrung fast 20 Jahre hinaus. Er muss davon ausgehen, dass ihm diese Ehre unter den ehemaligen Nazis, mit denen er Geschäfte macht, nicht unbedingt von Vorteil sein wird. Außerdem schämt er sich. Neben den vielen, die er gerettet hat, stehen unendlich viel mehr, die er nicht retten konnte. Allein dieses Dilemma ist typisch für unsere Nachkriegsgeschichte.

prisma: Wie wollte sich Golo Mann dem Mythos Krupp in seinem Buch nähern?

Selge: Krupp ist für Golo Mann ein urdeutscher Mythos. Er steht für den Bau der ersten deutschen Eisenbahn, aber auch als deutsche Waffenschmiede für zwei Weltkriege. Im Bewusstsein der Deutschen – so Golo Mann – sei Krupp ein Mythos wie Richard Wagner und seine Wiederbelebung der Nibelungen-Sage. Im Thema Krupp kristallisierte sich die Sehnsucht und Kraft, aber auch das Verhängnis der Deutschen. Das wollte Beitz als Krupp-Manager so natürlich nicht stehen lassen. Er wollte den Namen Krupp reparieren – trotz seiner eigenen mutigen Vergangenheit und dem Entsetzen über den Holocaust.

prisma: Beitz gab die Krupp-Biografie bei Mann 1973 in Auftrag. Bis 1981 zog sich die Arbeit und Auseinandersetzung darum hin, dann gab man auf. Wollten die beiden überhaupt, dass es etwas mit dem Buch wird?

Selge: Ja, ich glaube schon. Golo Mann hatte 1973 gerade die Wallenstein-Biografie fertig, an der er so lange gesessen hatte und für die er sehr gefeiert wurde. Er war erschöpft, befand sich in einer Art Tal und erhoffte sich von diesem Auftrag finanzielle Sicherheit. Auch die Gelegenheit, aus dem frustrierenden Leben mit seiner alten Mutter am Zürichsee herauszukommen, war für ihn verlockend. Dort lebte Golo Mann in seiner eigenen, unglücklichen Kindheit. Vergleicht man ihn mit Beitz, ist er der sicher noch zerrissenere Charakter.

prisma: In welcher Hinsicht?

Selge: In jeder. Golo Mann ist ein Leben lang nicht bei sich angekommen. Er lebte seine Homosexualität nie richtig aus. Er fühlte sich ein Leben lang im Schatten seines Vaters und eingeengt von den Zwängen seiner Familiengeschichte. Auch mit den Geschwistern befand er sich immer in einer unguten Konkurrenzsituation. Er kämpfte als tschechischer, amerikanischer und britischer Soldat im Krieg gegen Deutschland und kam schon Anfang der 50er-Jahre in seine alte Heimat zurück. Wo er natürlich mit vielen ehemaligen Nazis zusammenarbeiten musste, denn andere Menschen gab es ja kaum in diesem Land.

prisma: War Golo Mann überhaupt willkommen in Deutschland?

Selge: Natürlich gab es viele, die ihn als Verräter sahen. Darin ging es ihm nicht anders als seinem Vater und seinen Geschwistern. Dazu kommt, dass er sich früh die Politik der Bundesrepublik einmischte. Schon sehr früh engagierte er sich für die Ostpolitik von Willy Brandt. Später wechselte er die Seiten und unterstützte 1980 den Wahlkampf von Franz Josef Strauß. Golo Mann wurde ein Feindbild der Linken, weil er den Verlauf der Geschichte an einzelnen Persönlichkeiten festmachte und weniger in Kategorien von Klassen und Systemen dachte. Er erzählt biografisch, sehr romanhaft. Das brachte ihm viel Kritik von den Kollegen der Geschichtswissenschaft ein. Wobei ich selbst seine "Wallenstein"-Biografie ganz toll finde.

prisma: Wie konnte diese zerrissene Generation überhaupt ein neues Deutschland aufbauen und dabei sogar das Wirtschaftswunder erschaffen?

Selge: Diese Generation beantwortete ihre Zerrissenheit mit Schweigen. Das betrifft weniger Golo Mann, der ja Geisteswissenschaftler und Analyst war. Bei Berthold Beitz ist die Sachlage eine andere. Die Macher des Wirtschaftswunders packten einfach an, waren pragmatisch, schauten nach vorn und lenkten sich so komplett von der Bearbeitung der Vergangenheit ab. Man schaffte, um zu vergessen. Man schaffte aber auch, weil dieses Land wieder aufgebaut werden musste. Trotzdem wurde diese Generation dabei nicht glücklich. In unserem Film wird Beitz von Albträumen heimgesucht. Immer wieder erscheint ihm ein Mädchen, seine Sekretärin, die er nicht vor dem Holocaust retten konnte. Ob es wirklich so war, weiß ich nicht. Es ist aber eine schöne Metapher für das Unglück, das diesen großen Gestalter der Wirtschaft der Nachkriegszeit in seinem Leben begleitet haben muss.

prisma: Wie viel von dieser Zerrissenheit steckt noch in der nächsten und übernächsten Generation drin?

Selge: Ganz viel, fürchte ich. Jede Generation gibt die eigenen unerledigten Aufgaben an die jüngere Generation weiter. Zerrissenheit ist für meine Generation, für die 68-er, neben aller zur Schau gestellten, moralischen Überheblichkeit ein unausweichliches Erbe. Je älter wir werden, desto mehr wächst, nach den Jahrzehnten des Protests, das Verständnis für die Generation unserer Eltern.

prisma: Spüren Sie dieses Erbe heute noch bei den ganz Jungen?

Selge: Ja, zum Beispiel in der "Fridays for Future"-Bewegung. Wenn Schüler nicht in der Schule sind, weil sie dagegen streiken, dass die Entscheidungsträger von heute die Lebensmöglichkeiten auf unserem Planeten ruinieren, dann ist das auch ein Protest gegen die Zerrissenheit und Unentschiedenheit, mit der die Älteren immer noch unterwegs sind. Das kulminiert dann in einer Greta Thunberg, die vor der Uno Vollversammlung ihre Nerven verliert und weinend ausbricht: "How dare you?" – Wie könnt ihr es wagen?

prisma: Weint die junge Generation darüber, wie schizophren die alte ist?

Selge: Ja, könnte man sagen. Wir sind bei einer jungen Generation angekommen, die über die Schizophrenie der Älteren schier verzweifelt. Einer Generation, die bis jetzt das Sagen hat. Dazu gehört auch der CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer, der nicht in der Lage ist, ein Gutachten des Bundesumweltamtes, einer staatlichen Behörde, anzuerkennen, weil es einfach nicht in seine populistische Agenda passt.

prisma: Kommen wir zum Abschluss noch mal auf den Film. Hat es Vorteile, wenn man Geschichte episodenhaft und eben nicht wie ein klassisches Biopic erzählt?

Selge: Ich finde, unser Regisseur Dror Zahavi hat das sehr gut ausgedrückt, indem er sagte, der Film zeige den Nervenzusammenbruch der Bundesrepublik. Die Einstellungen, die er dafür findet, sind zerbrechliche, poetische Bilder. Es ist ein Film, der die Brüchigkeit der noch jungen Bundesrepublik zeigt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH