Quäle Dich! Stelle Dich Dir selbst! Und werde wieder stark! Reese Witherspoons Anstrengungen in "Der große Trip – Wild" waren eine Oscar-Nominierung im Jahr 2015 wert – die Auszeichnung aber nicht.

Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) erwischt nur den Anrufbeantworter. Aber sie sagt trotzdem, was sie auf dem Herzen hat: Es tue ihr Leid und sie bitte um Verzeihung. Die junge Frau benutzt dabei ein Münztelefon an einer Station mitten in der Wildnis, irgendwo zwischen Südkalifornien und Oregon. Doch das eigentlich Ungewöhnliche an dieser Szene ist, dass "Der große Trip - Wild" (2014) klar demonstriert, was er sein will: ein "Oscar"-Film. Denn die, so eine Faustregel amerikanischer Journalisten, erkennt man am Drang, zum Telefon zu greifen und zu sagen, dass es einem leid tut. Für ihr Abenteuer-Drama, das nun als Free-TV-Premiere im Ersten zu sehen ist, hat Hauptdarstellerin und Mitproduzentin Reese Witherspoon derartige Erfolgsrezepte offenkundig gründlich studiert.

Was den Europäern ihr Jakobsweg ist, scheint für die Amerikaner der Pacific Crest Trail zu sein, der von der Grenze zu Mexiko bis hinauf nach Oregon und Kanada führt. Der Zweck der Wanderung ist wohl ähnlich: Mit sich selbst ins Reine kommen. Das hat die von Reese Witherspoon verkörperte Cheryl Strayed jedenfalls vor. Auf ihrem 2000-Kilometer-Marsch hat die ebenso zierliche wie energische Blondine nicht nur einen monströsen Rucksack mit Zelt, Kochgeschirr und Notfallutensilien zu schleppen, sondern natürlich auch am unverarbeiteten Krebstod ihrer Mutter Bobbi (Laura Dern), an der gescheiterten Ehe mit Paul (Thomas Sadoski), an einer überwundenen Heroinsucht und eventuell an einer Abtreibung schwer zu tragen.

Ganz genau weiß man das nicht. Denn was ihr zugestoßen ist, erfährt man nur fragmentarisch und etappenweise. In einem besonders kritischen Moment der Wanderung, als die völlig erschöpfte Cheryl gerade Zehennägel und Stiefel verliert, lässt der Film die Vergangenheit der Heldin in Bruchstücken vorüberrauschen. Sie wird ihre eigene Geschichte im Kopf wälzen und zu ordnen versuchen, während sie beim Durchqueren der größtenteils unberührten Natur in der Mojave-Wüste gegen den Durst kämpft, in Schneegebieten der Kälte standhalten muss und sich zwingt, weiterhin einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Dass die Tage des dreimonatigen Marsches gezählt und die Entfernungen aufgezeigt werden, sorgt für Empathie, Interesse und sogar Vorfreude auf Cheryls Herausforderungen. Dafür quält sich Reese Witherspoon, zeigt sich verschmutzt, verängstigt, verzweifelt, durchquert alle Täler der Entbehrung. Das ist sehr redlich – erscheint nach einer Weile aber ernüchternd programmgemäß.

Dank der frühen Sicherung der Filmrechte an den Memoiren der echten Cheryl Strayed und der Verpflichtung des Regisseurs Jean-Marc Vallée, dessen grandioser "Dallas Buyers Club" im Jahr 2014 Matthew McConaughey den Oscar brachte, schien man sich den Academy Award im Jahr 2015 sichern zu wollen. Gelungen ist das nicht: Es blieb bei den Nominierungen von Reese Witherspoon als Beste Hauptdarstellerin und Laura Dern als Beste Nebendarstellerin.


Quelle: teleschau – der Mediendienst