Schauspieler Edgar Selge erklärt im Interview, warum alle Menschen sich gegenseitig etwas vorspielen – und warum er beim Dreh mit seiner Frau in einem anderen Hotelzimmer schläft.

In "So auf Erden" (ARD, 4. Oktober, 20.15 Uhr) spielt Edgar Selge einen charismatischen Prediger. Im prisma-Interview spricht der Schauspieler darüber, wie es ist, mit der eigenen Frau vor der Kamera zu stehen, und über sein Verhältnis zu Schwiegervater Martin Walser.

Herr Selge, was hat Sie am Filmstoff bei "So auf Erden" gereizt?

Evangelikale Gemeinden haben in vielen Bereichen extreme, fundamentalistische Ansichten. Da gibt es ja schon eine Reihe an Filmen, die sich dem Thema eher satirisch nähern. Mich hat aber interessiert, was diese Menschen antreibt, wie sie ihren Alltag leben. Also, wie kann man die Energie des Glaubens überhaupt darstellen, wie kann man ihn im Film fühl- und spürbar machen?

Welche Botschaft hat der Film?

Der Film thematisiert die Sehnsucht nach Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit unter den Menschen. Dabei stehen der Glaube und das, was einem wirklich wichtig ist, im Mittelpunkt. Das ist ein sehr aktuelles Thema, auch im Hinblick auf die Flüchtlinge, die sich ganz anders am Glauben festhalten, als wir es zumeist tun. Das provoziert bei vielen, löst aber auch ein Nachdenken aus: Wie hält man es mit dem eigenen Glauben, was bedeutet Religion für mich?

Und wie halten Sie es mit dem Glauben?

Ich bin in einem protestantischen Elternhaus aufgewachsen und lutherisch geprägt. Das ist mein kultureller Hintergrund. Die 68er-Bewegung, Theater und Literatur haben dann den Glauben zurückgedrängt und mich zu einem politisch engagierten Menschen gemacht. Jetzt, im Alter, und verbunden mit dem Bewusstsein, dass das Leben begrenzt ist, kehrt das Interesse am Glauben wieder zurück. Aber nicht dogmatisch! Mir gefällt im Christentum die Grundidee, dass Gott Mensch geworden ist und gekreuzigt wurde. Das heißt doch, Gott findet man in seinen Mitmenschen und in ihrem Leiden. Der Glaube ist für mich immer ein Sprung ins Leere, eine Selbstvergewisserung.

Ist es etwas Besonderes, mit Ihrer Frau Franziska, mit der Sie seit über drei Jahrzehnten zusammenleben, auch zusammen zu drehen?

Man entdeckt seinen Partner beim Spielen auf der Bühne immer neu. Das ist ein großer Vorteil. Wir haben uns auf der Bühne kennen gelernt und beim Spielen von Brechts "Trommeln in der Nacht" ineinander verliebt – trotz des Brecht'schen Kernsatzes "Glotzt nicht so romantisch".

Sie sind beide Vollblut-Schauspieler – besteht da die Gefahr, dass man sich sprichwörtlich gegenseitig etwas vorspielt?

Ja klar. Aber alle Menschen machen das.

Zwei Vollblut-Schauspieler: Wie hält man das auf Dauer aus?

Wenn wir gemeinsamen drehen, nehmen wir immer unterschiedliche Hotelzimmer. Dann habe ich am Set zu Franziska die gleiche Distanz wie zu Kollegen.

Was muss eine Filmrolle mitbringen, damit Sie ihr den Zuschlag geben?

Der Stoff, die Geschichte muss mich neugierig machen. Er muss mich berühren, etwas mit mir zu tun haben. Ist mir ein Charakter vollkommen fremd, lasse ich liebe die Finger von der Darstellung. Aber grundsätzlich finde ich es spannend, die Abgründe einer Figur zu erkennen. Menschen werden immer dann für mich interessant, wenn ich ihre Brüche erlebe.

Der Schriftsteller Martin Walser ist Ihr Schwiegervater. Lesen Sie seine Bücher, sieht er Ihre Filme oder Aufführungen?

Wir sehen uns zu Festen und Geburtstagen mehrfach im Jahr. Ich kenne Martin Walser seit fast 40 Jahren. Walser ist ein Mensch, der sich immer neu erfindet und mutig wie offen in die Themen unserer Zeit einsteigt. Natürlich sprechen wir auch über unsere Arbeit. Da wir aber beide sehr produktiv sind, kann man nicht immer alles voneinander lesen oder sehen.

Interview: Matthias M. Machan.