Das Erste widmet der Problematik um die "Loverboys" einen ganzen Themenabend. Expertin Bärbel Kannemann hält diese Art der Aufklärung für dringend nötig.

Wer den Begriff "Loverboy" googelt, stößt erst mal auf die Website einer kanadischen Rockband. Darunter findet sich die Seite "No Loverboys". Eine Gegenbewegung zur besagten Band? Nein, hier geht es nicht um Entertainment oder Musik, sondern um ein ernstes Thema: Zwangsprostitution. So irreführend der Name auch sein mag, Loverboys sind Zuhälter, mit einer bestimmten Methode. Darüber klären die Website des Vereins "No Loverboys" und ihre Initiatorin Bärbel Kannemann auf. Offenkundig ist es dringend notwendig, dass mehr Menschen über dieses Thema Bescheid wissen. Kannemann, ehemalige Kriminalhauptkommissarin, unterstützte als Expertin auch den ARD-Spielfilm "Ich gehöre ihm" (Mittwoch, 30. August, 20.15 Uhr). Geschildert wird hier das Schicksal eines Mädchens, das einem Loverboy zum Opfer fällt.

Zwang zur Prostitution

Es fängt wie eine romantische Liebesgeschichte an: Die 15-jährige Caro (Anna Bachmann) wird in einem Fastfood-Restaurant von Cem (Samy Abdel Fattah) angesprochen, und schnell ist es um sie geschehen. Er scheint der perfekte Mann zu sein. Doch er manipuliert sie nur, denn je mehr sich Caro verliebt, desto abhängiger wird sie. Das nutzt der junge Mann und erzählt ihr, er habe Schulden, die er nicht begleichen könne – außer mit ihrer Hilfe. Und so zwingt er sie schließlich in die Prostitution. Cem ist ein klassischer Loverboy, der das Mädchen an sich bindet und ausnutzt.

Einen ganzen Themenabend widmet das Erste diese besonders perfide Form der Zwangsprostitution. Man möchte damit einen Beitrag zur "Aufklärung über die kriminellen Methoden der Loverboys" leisten, wie Dr. Barbara Buhl, Leiterin WDR-Programmgruppe Fernsehfilm und Kino, begründet. Im Anschluss an den Spielfilm läuft die 30-minütige Dokumentation "Verliebt, verführt, verkauft" (21.45 Uhr) von Diana Ahrabian, in der auch Bärbel Kannemann zu Wort kommt.

Die Methoden der Loverboys sind raffiniert und den meisten Menschen gar nicht bekannt: Die jungen Männer suchen sich vor Schulen oder immer öfter auch im Internet ihre Opfer, weiß Bärbel Kannemann. Den Mädchen ab etwa elf Jahren schenken sie Aufmerksamkeit, Zeit, umgarnen sie und sorgen dafür, dass sie sich verlieben. Nach dieser "emotionalen Manipulation", werden die Mädchen oft vergewaltigt, und die Loverboys zwingen sie zur Prostitution.

"Aufklärung ist der Schlüssel, um irgendwie gegen diese Masche anzukommen", meint Bärbel Kannemann. So ein großer ARD-Film käme da gelegen, denn "das Thema muss auf allen Ebenen angesprochen werden". Jeder Kanal erreiche eine unterschiedliche Zielgruppe, meint sie, "egal ob ein Artikel in der 'Bravo', im 'Stern' oder eben ein TV-Drama im Ersten – das alles hilft dabei, ein Bewusstsein zu schaffen und Betroffene zu erreichen".

"Ein gefundenes Fressen für die Loverboys"

"Bei uns herrscht die Meinung vor, das betreffe doch nicht unsere Kinder, das passiere nur Frauen aus Osteuropa, Asien oder Afrika", erklärt Bärbel Kannemann. Doch die Annahme sei falsch. "Es kann wirklich jedes Mädchen treffen", betont sie. Früher hätten sich die Fälle in Großstädten gehäuft, doch auch diese Gewichtung habe sich verschoben: "In Dörfern, wo wenig los ist, flüchten sich die jungen Menschen auf Social-Media-Seiten oder allgemein in die Netzwelt. Ein gefundenes Fressen für die Loverboys."

Seit sieben Jahren arbeitet Kannemann bereits bei dem Verein "No Loverboys" und meint, sie habe etwa 1000 Fälle behandelt. Eine belastbare Zahl der Betroffenen sei nicht mal schätzbar, bekräftigt die Berlinerin, denn zu viele schweigen über ihr Schicksal, zu wenige wissen, dass sie nicht alleine sind.

Wer Hilfe braucht, ist bei Kannemann richtig, egal, ob das Erlebnis aktuell ist oder schon vergangen. "Im Prinzip machen wir anfangs das Gleiche wie die Loverboys: Wir hören zu, haben Zeit und be- oder verurteilen keinen." Immer wieder dient sie als Wissens-Multiplikator bei Jugendämtern und Psychologen, sodass Mädchen auch hier professionelle Hilfe finden. Für den ARD-Film beriet sie die Drehbuchautorin Angela Gilges und stand den Schauspielern mit ihrer Erfahrung zur Seite, damit das Thema authentisch sowie korrekt dargestellt wird und so viele Menschen wie möglich davon profitieren.


Quelle: teleschau – der Mediendienst