Sie sind schon auf halbem Weg, die Originale einzuholen: Vier Staffeln produzierten die "Gorgeous Ladies of Wrestling", die amerikanischen Vorreiterinnen der professionellen Frauen-Wrestlings Mitte der 80er-Jahre – vier Staffeln voller starker Frauen, knalliger Charaktere und einer gehörigen Prise Humor. Und genau das sind auch die Grundzutaten der Netflix-Serie "GLOW", die mit 30 Jahren Abstand die fiktive Geschichte der legendären Show nachzeichnet. Wrestling? Auch in der zweiten Staffel, die am 29. Juni 2018 startet, nur eine schöne, schweißtreibende Nebensache.

Was nicht heißen soll, das im Ring nicht genug Action geboten wird: Tatsächlich ist es bemerkenswert, was für Moves sich die Darstellerinnen um Alison Brie und Betty Gilpin für ihre Rollen antrainiert haben. Doch mit dem Wrestling in "GLOW" verhält es sich in etwa wie mit dem Sex in "Sex and the City": Es spielt natürlich eine wichtige Rolle, aber bei Weitem nicht die wichtigste. Und es ist auch nicht der eigentliche Grund, einzuschalten. Stattdessen sind es die gegensätzlichen Charaktere, die die Serie interessant machen, und deren Beziehungen und Konflikte.

Gerade letztere gibt es zu Beginn der zweiten Staffel einige: die ehemals besten Freundinnen Ruth (Alison Brie) und Debbie (Betty Gilpin) wissen immer noch nicht recht miteinander umzugehen. Regisseur Sam (Marc Maron) hingegen hat keine Ahnung, wie er sich gegenüber der 16-jährigen Justine (Britt Baron) verhalten soll, die sich Ende der ersten Staffel als seine Tochter zu erkennen gab. Dann wäre da die Neue, Yolanda (Shakira Barrera), die die undankbare Aufgabe hat, Cherry (Sydelle Noel) zu ersetzen, nachdem der eine Hauptrolle in einer TV-Serie angeboten wurde. Ach ja, und die hart erkämpfte Wrestling-Show fürs lokale Kabelfernsehen muss ja irgendwie auch noch produziert werden.

Den "umständlichsten Nicht-Plot des Jahres" nannte ein deutschen Fernsehkritiker das Ganze vor dem Start der ersten Staffel. Mag schon sein, dass in "GLOW" keine fiktiven Kontinente erobert werden müssen, keine Terroristen zu stoppen und keine Kriminalfälle zu lösen sind. Noch nicht einmal Superkräfte haben die "Gorgeous Ladies of Wrestling", auch wenn sie es mit ihren wunderbar schrillen Wrestlingkostümen mit jeden Comic-Helden aufnehmen könnten. Ist es da nicht umso erstaunlicher, dass man trotzdem wissen will, wie es mit ihnen weitergeht?

Die Autorinnen Liz Flahive und Carly Mensch ("Orange Is the New Black") lieben ihr Sujet und ihre Figuren, sie verstehen sich außerordentlich gut darauf, emotionale Momente und komische Situationen zu erschaffen, ohne dabei pathetisch beziehungsweise klamaukig zu werden. Das Überspitzte, das gerade Wrestling-Shows ausmacht, bleibt weitestgehend im Ring. Was die Ladies of Wrestling stattdessen so gorgeous, so herrlich macht, ist ihre Authentizität. Sie mögen eine ungewöhnliche Arbeit haben, aber doch ziemlich nachvollziehbare, aktuelle Probleme. Und die Frauenfiguren, die nicht so oft im Mittelpunkt des Geschehens stehen, dürfen zumindest Sätze sagen, die so klingen, als könnten echte Frauen sie gesagt haben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst