Das war absehbar: Der Münchener "Tatort" mit dem Titel "Hardcore" polarisiert. Für einen echten Skandal taugt dieser Krimi dennoch nicht. Wir erklären, warum!

Na, sind Sie auf Ihrer Couch auch rot angelaufen? Fühlten Sie sich heimlich ertappt oder gar genötigt, Ihrem Kind die Ohren zuzuhalten? – Dieser Münchner "Tatort" war schon eine heikle Nummer, fast so "Hardcore", wie es der Titel vermuten ließ. Überfällig war der Milieukrimi allemal. Immerhin ist Deutschland Weltmeister – auch im Pornogucken. Mit 12,4 Prozent des Traffics von pornografischen Inhalten lagen die Deutschen 2015 vor Spanien, England und den USA, jede vierte Anfrage im Netz dreht sich um Pornografie. Der "Tatort" griff also ein relevantes, wenn auch hinter Wohnungs- und Bürotüren verborgenes und tabuisiertes Thema auf. Ein echter Skandal war der "Porno-Tatort" nicht, aber definitiv ein Höhepunkt in der Historie der Sonntagabendreihe.

Was war los?

Alles begann mit einem ekelerregenden Mysterium: der Leiche einer jungen Frau in einem Dachgeschossloft. Im Bikini lag sie neben einem aufblasbaren Planschbecken, das mit Ejakulat und Urin gefüllt war. "Ein Geruch, wie bei uns auf'm Herrnklo", stöhnte Batic (Miroslav Nemec). Die Richtung war vorgegeben: Der Krimi würde die Grenzen der Primetimetauglichkeit im Ersten Deutschen Fernsehen ausreizen. Manchmal ging es verbal auch darüber hinaus. Der Fall erschloss sich schnell: Das Opfer wurde stranguliert, nachdem es mit Dutzenden Männern Geschlechtsverkehr hatte – freiwillig. Gipfel der Pikanterie war, dass der Pathologe ein Gros der Samenflüssigkeit im Magen der Dame ausmachte. Kurzum: In dem Loft wurde ein Liebesfilm gedreht, aber keiner der Sorte Pilcher und Co. Ein Mord in der Amateurporno-Szene! Gut möglich, dass besonders sensible Zuschauer diesmal bereits beim Vorspiel, also etwa bei der erstmaligen Erwähnung des Begriffes "Bukkake", kein Stehvermögen mehr hatten. Wer durchhielt, erlebte nicht den spannendsten "Tatort" aller Zeiten, aber auf jeden Fall einen der denkwürdigsten und berührendsten Filme der Traditionsreihe.

Ergab die Story Sinn?

Absolut. Vom Milieu bis hin zum Täter und dessen Motiv erschien alles realistisch. Denn: "Let's talk about Sex"? – das war mal in den 80-ern. Heute reden wir nicht mehr über Liebe und immer weniger über Sex, sondern wir konsumieren Pornografie. Im Internet. Mehr als zwei Drittel aller Männer sowie ein Drittel aller Frauen besuchen hierzulande mindestens einmal im Monat eine Porno-Seite. Mit Folgen: Die Digitalisierung treibt auch diese Branche immer mehr vor sich her. Immer mehr machen mit, immer mehr schauen zu, doch längst nicht alle profitieren vom Hype. Der Film leuchtete die Schmuddelszene detailliert aus und warf am Ende gesellschaftliche Fragen auf: Was hat die Entwicklung dieser Branche, die offiziell natürlich niemanden tangiert, mit jedem Einzelnen und uns allen zu tun? Spannend, darüber nachzudenken!

Wie waren die Kommissare in Form?

Hervorragend! Die Urgesteine Batic und Leitmayr (Udo Wachtveitl) führten den Zuschauer souverän wie eh und je durch den Morast. Stellvertretend für den unwissenden Teil der Zuschauerschaft erledigen die Kommissare den peinlichen Job der Aufklärung mit Bravour: Sie staunten, aber werteten nicht, und arbeiteten sich in aller Sachlichkeit hinein ins Epizentrum eines Schmuddeldreiecks aus Porno-Produzenten, -Darstellern und -Konsumenten. Im Dienst-BMW führten sie moralische Debatten, weil ein gerüttelt Maß an Didaktik zur Primetime im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei dem Stoff natürlich unerlässlich ist. "Das ganze Scheißzeug ist frei verfügbar für jeden Zehnjährigen auf'm Schulhof. Das versaut die doch für ewig", wusste Batic beizutragen. Die mithin etwas schulmeisterliche Deklination der Materie war aber das Einzige, was hier störte.

Wer waren die heimlichen Stars dieses "Tatorts"?

Ganz klar: Die jungen Schauspielerinnen, die die befreundeten Pornomädels verkörperten. Da ist zum einen Helen Barke, die Marie Wagner, also das Opfer mit dem Künstlernamen "Luna Pink" gab. Sie wurde 1995 in Leipzig geboren und ist noch ein recht unbeschriebenes Blatt, was sich nach diesem grandiosen Auftritt ändern dürfte. Als Marie war sie das klassische Mädchen von nebenan: eine junge Frau, die scheinbar alles hat, ein Studium und sogar ein wohlhabendes Elternhaus, immerhin ist der Vater (eine der wenigen Absurditäten des Drehbuchs) der leitende Oberstaatsanwalt. Am Abend schminkt sie sich und geht mit einer Selbstverständlichkeit zum Gang-Bang-Dreh als wär's ein Kellnerinnenjob im Bistro. Zum anderen ist da Luise Heyer (32, "Die Glasbläserin", "Die Reste meines Lebens"), die die aus der Szene ausgestiegene Hausfrau Stella Harms zwischen Ehemann, Kind und Küche so glaubhaft spielte, als wäre sie eine reale Protagonistin von "Frauentausch" auf RTL II. So jemand, denkt man sich, hatte doch nicht schon mal mit hunderten Männern Sex vor Kameras? Doch! Genau dieser Effekt war gewollt und prägend für den Film. Versteht sich, dass auch die anderen Episodenrollen, wie eigentlich immer bei den Münchnern, erlesen gecastet waren.

Was sagt der Experte?

Der Journalist Philip Siegel, der jahrelang in der Szene recherchierte und seine Einblicke in seinem Buch "Drei Zimmer, Küche, Porno" beschrieb, bestätigt dem BR-Krimi im Interview Authentizität: "Vieles denkt man gar nicht, aber es ist Alltag", sagt er und berichtet von Baumarktkassiererinnen oder, warum auch immer, auffällig vielen Bäckereifachverkäuferinnen, die auf hunderte, manchmal mehrere tausend Drehs verweisen können ... Porno ist überall. Endlich auch mal im "Tatort".

Was sagen die Macher?

"Die Entscheidung für das Thema Pornografie liegt in unserer übersexualisierten Welt nahe", erklärt Produzentin Kirsten Hager. "Das Thema primetimekompatibel zu gestalten, verlangt allerdings viel Fingerspitzengefühl und ist nur in engem Schulterschluss mit Redaktion, Regie und Jugendschutz zu leisten. Wir können mit Sicherheit sagen, dass dieser Dreh sehr skurril war und uns thematisch in ein Universum katapultiert hat, das uns viel Toleranz gegenüber den unterschiedlichen 'Neigungen' der Menschen abverlangt hat." Regisseur und Drehbuchautor Philip Koch ergänzt: "Hardcore' soll einen authentischen, ehrlichen und schonungslos unverblümten Blick in diese Branche und ihre Menschen werfen, die mit unzähligen Klischees behaftet ist. Mit diesen Klischees soll aufgeräumt werden."

Wie gut war der "Tatort" wirklich?

Er war herausragend! Die Macher trauten sich was, ohne die Moralkeule zu schwingen oder die Voyeurismuskarte zu spielen. Stattdessen setzten sie auf klare Botschaften: Porno, das ist gelebte Normalität und oft eine erstaunlich triste Angelegenheit – andererseits aber auch ein verdammt heißes Eisen, an dem man sich die Finger verbrennen kann. "Hardcore" war kein Aufklärungsfilm für Prüde und sexuell Unterbelichtete, sondern ein starker "Tatort", der sein Thema und seine Protagonisten ernst nahm. Hinter allen Klischees stecken eben auch in der glibberigsten Porno-Szene echte Menschen. Im "Tatort" gab es neben einigen großartig schräg angerissenen Fachkräften der Hardcore-Industrie auch reihenweise gebrochene Charaktere, solche, die ein Doppelleben führen, arme Schweine durch die Bank. Selbstredend waren die Ermittlungen, wenn sie nicht gerade im Verhörraum stattfanden, eine Schau, voller Einstellungen für die "Tatort"-Ahnengalerie: Batic und Leitmayr auf der Swingerparty – daran wird man sich lange erinnern! Wir vergeben eine glatte Eins!

Was nehmen wir mit?

Was der Zuschauer aus diesem Ereignis von einem TV-Krimi lernt, ist die Ahnung, dass Pornografie das zerstörende Potenzial einer Bombe hat. Am Ende war alles kaputt: Geschäfte, Familien, Seelen, Menschen. Sex und Erotik? Dafür ist in dieser Szene kein Platz. Das alles wäre mehr als genug Stoff für eine ganze Serie gewesen, aber so weit sind wir im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wohl doch noch nicht. Überaus gewagt war das Ganze auch so. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass der Krimi die Google-Statistiken in Sachen Pornografie-Anfragen kurzzeitig weiter in die Höhe treiben wird – oder hätten Sie gewusst, dass das Akronym "ATM" noch auf etwas anderes als Cash-Automaten verweist?


Quelle: teleschau – der Mediendienst