ZDF-Krimi

"Helen Dorn – Kleine Freiheit": Neuanfang in Hamburg

von Wilfried Geldner

Die Düsseldorfer LKA-Kommissarin Helen Dorn hat es nach Hamburg verschlagen. Dort ist der mutmaßliche Mörder eines kleinen Jungen wieder aufgetaucht.

ZDF
Helen Dorn – Kleine Freiheit
Krimi • 24.10.2020 • 20:15 Uhr

Sie habe ja schon immer grenzüberschreitend ermittelt, lässt die zuständige ZDF-Redaktion wissen. Warum also nicht auch mal Hamburg? Doch Hamburg scheint in Wirklichkeit die neue Liebe der Samstagskommissarin Helen Dorn alias Anna Loos zu sein. Der Umzug ist spektakulär, neue Filme am neuen Schauplatz sind bereits abgedreht, und der Neustart hat alles, was ein guter Trivialkrimi so braucht: starke Hamburger Hafenkulissen, ein griffiges Personal (teils aus Düsseldorf importiert) und eine wahrhaft internationale Szenerie, die gleich mal bis zur Hongkong-Mafia reicht. Der Griff in die Rumpelkammer des gespenstisch Gefährlichen wird in der ersten Hamburg-Folge, "Kleine Freiheit", vom Autor Mathias Schnelting nicht gescheut, Es gibt Weisheitssprüche von Laotse bis Camus und in der Regie von Marcus 0. Rosenmüller ganz viel Hamburger Atmosphäre – nicht nur, wenn die Drohne durch die Rotlicht-Sraße fliegt.

Dass die Geschichte vor Unwahrscheinlichkeiten strotzt, sei gleich mal gesagt – dann hat man's hinter sich. Anna Loos als LKA-Kommissarin Helen Dorn tut das jedoch durchaus gut. Immer ist sie schon zur Stelle, wenn es das Drehbuch will, immer findet sich ein Helferlein, das nützliche Hinweise gibt. Dass das zum Teil sogar vom längst verlassenen Düsseldorf aus geschieht, ist ein geschickter Coup. Geschenkt, dass beispielsweise aus der Telefonverbindung des bauchigen Spurensicherers vom Rhein (Tristan Seith) und der Pathologin an der Elbe (Nagmeh Alaei) Liebe auf den ersten Blick entsteht. Schon die Stimmen am Telefon klangen so schön, der erste "Kontakt", bei dem sich der Düsseldorfer schüchtern auf die Toilette verdrückt, ist phänomenal.

Gelungen in seiner ganzen Verrücktheit ist auch Helen Dorns Zweikampf mit der eigentlich zuständigen LKA-Frau in Hamburg. Helen Dorn nimmt der Kollegin namens Tempel (Franziska Hartmann) einfach die Butter vom Brot, hält allen ihren Düsseldorfer Ausweis unter die Nase, schnüffelt im Krankenhaus, wo der vermeintliche Täter nach dem Unfall weilt. Faber heißt er übrigens, wie der Vorabend-"Fahnder" seligen Angedenkens – vielleicht ein Kotau vor einfachen, unterhaltsamen Krimistoffen. Und, auch das, ein ganz schlechter Kerl kann der Mensch, der ein Kindermörder sein soll und im Krankenhaus den Mann ohne Gedächtnis mimt, bei diesem Namensgeber dann ja wohl doch nicht sein ...

Ein Kinderschänder ist er womöglich einst gewesen, ein Handlanger für chinesische Menschen- und Edelholzhändler ist er jetzt. Jedenfalls hatte er einen toten Jungen im Laderaum, als er auf der Elbbrücke ins Geländer rauschte. Rätselhaft gebaren sich währenddessen die asiatischen Arbeiter in den Containerschuppen des Hafens. Gift ist im Spiel, Schutzanzüge fehlen. Dass es dann doch nur um Ungeziefer gegen Holzwürmer geht, lässt die an sich starke Story schwächeln.

Wer Anna Loos am Ende singen sehen will, muss erst noch Blutiges ertragen – und eben auch eine Kommissarin, die so viel trinkt, dass man sie im Keller der Bar namens "Kleine Freiheit" entsorgen muss. In dieser Bar singt immer sehr melancholisch ein Transvestit (Sebastian Schneider) von unerfüllter Liebe, und die Bardame (Jessica Kosmalla) erzählt vom Mann, der sie verließ, weil der Möchtegern-Existenzialist in ihr doch immer nur eine sah wie Jeanne Moreau. Dabei sieht sie der späteren Moreau auch wirklich ähnlich. Der singende Transvestit aber sagt zu Helen Dorn: "Du bist schön!" und sie zu ihm: "Du bist auch schön!" – Was für ein Willkommensgruß in Hamburg – und in dieser unübertrefflichen Schlichtheit sicher einer der schönsten Dialoge der Reihe überhaupt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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