"Tatort"-Star Jan Josef Liefers über seine neue Serie "Arthurs Gesetz", den hierzulande spät erkannten neuen Erzähltrend und das Drehen in der fränkischen Provinz.

Auf den Beliebtheitslisten findet sich sein Name immer weit oben. Jan Josef Liefers, der ewige "Tatort"-Ermittler und Publikumsliebling, darf zweifellos den Titel des Konsensdarstellers spazierentragen. Unermüdlich spielte sich der gebürtige Dresdner in den letzten zwei Jahrzehnten ins bundesrepublikanische Zuschauerherz und traf bei TV-Drama-Liebhabern ("Der Fall. K.") und Kinokomödien-Fans ("Vier gegen die Bank") gleichermaßen auf Zustimmung. So breit der 54-Jährige aufgestellt war – an Serien- und Streamingerfahrung mangelte es dem Wahlberliner bislang. Das ändert sich mit der schwarzhumorigen TNT-Produktion "Arthurs Gesetz", die seit August bei Entertain TV abrufbar ist und nun auf TNT Comedy deutsche Fernsehpremiere feiert (Dienstag, 18.12., bis Donnerstag, 20.12., jeweils 20.15 Uhr). Liefers, der an der Seite von Martina Gedeck die Hauptrolle spielt, über den Serientrend, komische Rollen und das Drehen in der fränkischen Provinz.

prisma: "Arthurs Gesetz" ist nicht Ihre erste Serie. Erinnern Sie sich an Ihre bislang einzige?

Jan Josef Liefers: Natürlich. In Düsseldorf haben wir "Die Partner" gedreht. Ungewöhnliche Typen, ungewöhnlich für die damalige Zeit waren auch die Fälle – bloß keine Routine und bloß nichts Alltägliches. Es ging um gestohlene Rohdiamanten, viel Geld und brisante Fotos aus einem Bordell. Die ARD hat sich mit der Vorabend Serie was getraut: Schnelle, videoclipartige Schnitte, eine Kameraführung, die man sonst nur aus guten Werbefilmen kannte, sowie witzige Dialoge und dazu Acid Jazz. Nach 24 Folgen war dann aber Schluss.

prisma: Liegt das daran, dass Serien für Schauspieler wie Sie erst jetzt wieder salonfähig wurden?

Liefers: Serien waren etwas in Verruf geraten. Die Geschichten meist linear erzählt, die Figuren zu eindimensional. aber das hat sich geändert. Durch skandinavische Formate wie "Die Brücke", die Serie anders erzählt haben, änderte sich die Einstellung. Netflix, Amazon und kleine Sender wie TNT zeigen immer wieder, dass Serien aufregend sein und süchtig machen können.

prisma: Hat das deutsche TV den Trend verschlafen?

Liefers: Das deutsche Fernsehen ist eher etwas konservativ – verglichen mit anderen Ländern. Schauen Sie sich die Filme und Serien an, die die BBC macht, wie zum Beispiel "Sherlock". Bei uns gibt es noch einen Krimi hier, einen Inspektor da, einen "Tatort" dort. Das wirkt alles recht festgefahren. Bis auf Ausnahmen schmoren wir ein wenig im eigenen Saft. Wenn man Teil dieses Business ist, wünscht man sich natürlich, dass das nicht so ist. Dass mal einer rechts überholt. Das ist nun passiert: Das Free-TV bekommt richtig Druck durch Streamingdienste und Sender wie TNT Comedy. Das wird die Branche beleben.

prisma: Was machen diese Anbieter anders?

Liefers: Sie erzählen mit anderer Gewichtung, auf deutlich progressivere Weise, viel dichter an den Charakteren. Weniger Schema XY. Aber das kann man ja auch nicht übers Knie brechen; die Macher kennen ja auch ihr Publikum. Die Art wie deutsches Fernsehen entsteht, ist schließlich über Jahrzehnte gewachsen. Aber wenn da nun junge Leute kommen, und die alte Tante herausfordern – das mag ich. Es geht nicht immer darum, wie viele Zuschauer man erreicht. Die Serie "Fargo" etwa hätte es sicher auch im hiesigen Free-TV nicht leicht. Wichtig ist die Existenz von etwas anderem. Und ich freue mich, zu beidem etwas beitragen zu können.

prisma: Liegt ein besonderer Reiz darin, als deutscher Schauspielstar in einer Nischen-Serie mitzuspielen?

Liefers: Über Erfolg habe ich nie viel nachgedacht. Ich wollte immer Filme drehen, über die man sagt: "Interessiert mich, hört sich spannend an, schau ich mir an." Wenn sich das dann auch noch im positiven Sinn mit meinem Gesicht und Namen verbindet, dann bin ich glücklich. Bei "Arthurs Gesetz" kann ich die Einladung "Schau es dir an, ich spiele mit" getrost aussprechen.

prisma: Was an der Serie weckte das Vertrauen und Interesse bei Ihnen?

Liefers: Vor allem, dass große ernste Themen am Arsch der Welt stattfinden – und wie das gesamte Weltgeschehen auf diesen kleinen fiktiven Ort Klein Biddenbach runterskaliert wird. Es ist eine makabere, aber auch intelligente, rührende und lustige Art, eine Geschichte zu erzählen.

prisma: Eine Erzählweise, die in Deutschland immer noch kritisch beäugt wird ...

Liefers: Ja, aber andererseits: Beim "Tatort" aus Münster war es ja ähnlich. Es gab begründete Befürchtungen, dass das nach hinten losgehen könnte. Aber es funktionierte. Obwohl wir uns in Bereichen bewegen, die mit P.C. nicht viel zu tun haben. Die schon mal an der Grenze des guten Geschmacks liegen oder fast operettenhaft überzeichnet sind. Das gab es vorher auch nicht.

prisma: Glauben Sie, dass "Arthurs Gesetz" ein ähnliches Experiment eingeht?

Liefers: Als die TNT-Leute im Hauptquartier in den USA davon erzählt haben, einen deutschen Comedy-Kanal zu gründen, haben sich die Chefs dort erstmal totgelacht. Doch jetzt, wo "Arthurs Gesetz" fertig ist, sehen sie, dass wir das schon auch können und uns nicht verstecken müssen.

prisma: Kann man ein Publikum an andere Stoffe gewöhnen?

Liefers: Man muss es einfach so gut machen, wie man irgendwie kann. Etwas Gutes gewinnt nicht immer, aber es hat immer eine Chance! In Schweden ist man zum Beispiel daran gewöhnt, alles in Originalsprache zu sehen, mit Untertiteln. Bei Erzählarten funktioniert das genauso. Man lernt das am besten, indem einem gefällt, was man sieht. Das ist das ganze Geheimnis. Du kannst den Leuten nicht ein halb geglücktes Experiment vorsetzten und sie dann beschimpfen, dass sie zu doof seien, das zu verstehen.

prisma: Merkten Sie schon beim Skript zu "Arthurs Gesetz", dass das etwas ganz anderes werden kann?

Liefers: Ja. Das war klar zu sehen. So ein lustvolles Drehbuch!

prisma: Zeigt sich das auch beim Dreh – oder besteht in der Praxis kein Unterschied zu einem konventionellen Stück?

Liefers: Alle Beteiligten hatten einen großen Anspruch an die Produktion und auch wenn TNT Comedy noch kein Big Player ist, hat der Sender das Sparschwein aufgemacht soweit es ging. In einer idealen Welt hätten wir vielleicht mehr Drehtage gehabt. Da wir aber alle so begeistert hinter dem Projekt standen, hieß es eben Augen zu, Arsch zusammenkneifen und durch! TNT setzt alles auf eine Karte. Wenn einem das bewusst ist und man das gern mitmacht, dann hat man daran auch Spaß. Und den hatten wir – auch wenn alle auf dem Zahnfleisch gingen.

prisma: "Arthurs Gesetz" spielt in der Provinz – gedreht wurde in Franken, im Landkreis Wunsiedel. Wie war Ihr Eindruck der Gegend?

Liefers: Als ich zuerst ankam, dachte ich: "Oh mein Gott, wo bin ich hier gelandet?" Vieles hatte zugemacht, viele Menschen sind weggezogen, einst war dort Porzellan- und Textilindustrie, das gibt es fast nicht mehr. Doch es gibt die höchste Brauereidichte in Deutschland – und die Landschaft ist unglaublich schön. Und irgendwann, inmitten der Arbeit, ist auch diese Totenstille wunderbar. Es hat auch etwas, ich sag es mal provokant, am gefühlten Ende der Welt einzuschlafen und wieder aufzuwachen (lacht). Vor allem auch, weil die Leute, die noch da sind, so nett und unfassbar hilfsbereit sind. Sie freuen sich, dass man dort dreht. Deshalb gab es in der Presse auch diese Artikel wie "Ich habe den Liefers von hinten gesehen, bin aber nicht sicher" (lacht). Das zeigt auch eine gewisse Sympathie. Ich habe mich richtig verliebt in diese Ecke Deutschlands.

prisma: Was war anders als bei einem normalen Filmdreh?

Liefers: So einen langen Ritt waren die wenigsten gewöhnt – wir alle kennen ja vor allem die normalen Spielfilm-Drehs. Die üblichen Feiern, mal was trinken oder essen gehen, gab es nicht so oft. Alle waren froh, wenn sie im Bett waren. Es herrscht bei so einer Serie auch eine viel größere Nähe. Mit der Trennung von Figur und Realität, die du dir sonst so einredest, kommst du da gar nicht hin.

prisma: Fühlen Sie sich inzwischen, auch durch den "Tatort", eigentlich auf derlei komisch-verschrobene Rollen festgelegt?

Liefers: Nein. Aber es mag sein, dass manchmal dieser Eindruck entsteht. "Der Turm" zum Beispiel war ganz anders, und auch der Mollath-Film "Gefangen – Der Fall K." war alles andere als komisch. Ich glaube, ich muss nicht mehr beweisen, was ich alles spielen kann. Ich möchte einfach relevante Dinge machen, die mir persönlich etwas bedeuten. Ernst oder komisch sind doch nur zwei verschiedene Farbtöpfe.

prisma: Wie könnte so ein Spannungsfeld aus Relevantem und Persönlichem aussehen?

Liefers: Ich stehe eher mit beiden Beinen fest im Leben, lebe nicht in einem Wolkenkuckucksheim. Daher tippe ich, wenn mich etwas begeistert, dass es auch andere begeistern könnte.


Quelle: teleschau – der Mediendienst