Frau Wellmer, Sie moderieren ab dieser Bundesliga-Saison die Sportschau am Samstag. Steigt die Nervosität schon?

Ja, auf jeden Fall. Ich starte ja gleich am ersten Spieltag, und jetzt ist die Nervosität auf jeden Fall da. Vor allem am letzten Abend vor einer Sendung befällt es mich meistens noch mal.

Die ARD hat, als Sie zum Team dazukamen, von "Frauenpower" gesprochen. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?

Ja, sehr viel. Ich finde Frauenpower super – überall. Aber im Sportjournalismus sind Frauen ja nichts Spektakuläres mehr. Wo Sport läuft, sind auch Frauen zu sehen. Als Monica Lierhaus damals den Job angetreten hat, sah das ja noch ganz anders aus.

Auch 2017 aber führen Entscheidungen wie diese noch zu heftigen Reaktionen, besonders in sozialen Netzwerken.

Was für Reaktionen genau?

Zum Beispiel, dass Frauen in der Sportberichterstattung nichts zu suchen haben, erst recht nicht im Fußball. Bekommen Sie von diesen Reaktionen etwas mit?

Ich habe, als die Pressemitteilung rausging, tatsächlich nicht auf Facebook oder Twitter geguckt. Aber ich habe von Kollegen erfahren, dass es solche Reaktionen gab. Aber es hat ja auch jeder das Recht auf seine Meinung, und jeder Sportschau-Zuschauer ist ja irgendwie auch ein Experte. Aber ich muss das nicht alles
konsumieren.

Das klingt aber auch nicht so, als würden Sie solche Reaktionen belasten …

Das war ja schon immer so. Ich habe fünf Jahre den Sport im ZDF-Morgenmagazin moderiert, ich habe mich an heftige, auch sexistische Reaktionen gewöhnt. Trotzdem: Sachliche Kritik nehme ich auch ernst. Ich frage  mich immer, ob ich aus Meinungen über mich nicht auch etwas Gutes rausziehen und wie ich mich verbessern kann. Aber wenn es nur um die Frage nach Rock oder Hose, um Brüste oder das Thema Abwaschen geht: Da kann ich nichts rausziehen.

Sie sind also wirklich chronisch unzufrieden mit sich, wie Sie mal gesagt haben?

Na ja, ich denke jedenfalls immer, ich könnte mich noch verbessern, ich bin nie wirklich zufrieden. Auch jetzt nicht. Natürlich ist die Sportschau für viele der Olymp, aber das heißt ja nicht, dass ich nicht noch besser werden könnte.

Der Sport hat nicht die leichtesten Jahre hinter sich. Skandale um Doping oder Funktionäre und Debatten um Traditionen und technologischen Fortschritt haben Schlagzeilen gemacht. Was reizt Sie trotzdem noch am Sport?

Es reizt mich der Sport pur, wie wir ihn auf dem Platz sehen. Es ist die Faszination der großen und kleinen Wettkämpfe, der Siege und Niederlagen. Und es ist das Feierliche, wenn ein großes Spiel stattfindet. Aber natürlich tragen wir als Journalisten auch Verantwortung, offen über Betrug oder falsche Inszenierungen zu sprechen. All das gehört auch in die Sportschau.

Zudem ist der Sport auch einer der Bereiche, in denen Journalisten oft mangelnde Distanz vorgeworfen wird. Wie schützen Sie sich davor?

Das Nähe-Distanz-Problem gibt es überall – in der Politik, der Wirtschaft, im Feuilleton und im Sport. Man muss aufpassen, dass man die Grenzen nicht überschreitet. Aber diese Sportreporter von früher, die  biertrinkend und rauchend in einer Pressekonferenz saßen und danach Spieler und Trainer umarmten, die gibt es so auch nicht mehr. Ich will alles berichten können, was wichtig ist, nicht nur, was der Spieler oder der Verein will. Ich empfinde da eine Verantwortung den Zuschauern, aber auch jungen Spielern gegenüber, dass jeder in seinem Tanzbereich bleibt.

Jeder Moderator hat seinen eigenen Stil und somit auch eine Möglichkeit, Sendungen zu prägen. Auf der anderen Seite ist die Sportschau eine Institution. Was, glauben Sie, können Sie hier bewegen?

In unserem Quartett gibt es vier sehr unterschiedliche Typen, wir sind nicht alle gleichförmig – und vielleicht bin ich eher der kantige Typ. Ich versuche, mich selbst einzubringen, nicht nur vor jedem Beitrag fünf statische Zahlen in die Kamera zu hämmern, ich spiele mit Ironie. Und ich trage nicht Kleidergröße 32. Ich hoffe, ich bin keine 08/15-Moderatorin. Die Sportschau zeigt, dass es Freiheiten gibt und man mir diese auch lassen will. Die Sportschau ist eine Sendung mit Charakter – und das wird sie auch bleiben.