"Nachtgang" war der sechste Fall der eigenwilligen Wiesbadener Kommissarin Winnie Heller (Lisa Wagner) und ihrem Kollegen Hendrik Verhoeven (Hans-Jochen Wagner, weder verwandt noch verschwägert). Wobei "eigenwillig" gar kein Ausdruck ist – auf der Kommissarin lastet alles Leid dieser Welt. Beweis gefällig? – Man sehe sich nur mal die Zustände auf dem Wiesbadener Polizeirevier an. Da haben, so scheint es jedenfalls, alle irgendwie Dreck am Stecken. Der Präsident fördert den Neffen bei der Polizeiprüfung und wird fortan gehörig erpresst, weshalb er natürlich den Deckel auf dem Kochtopf hält. Was Wunder, dass es da zu Intrigen bis hin zu internem Mord und Totschlag kommt. Winnie Heller, die Mutige, die sich von niemandem einschüchtern lässt, bekommt in "Nachtgang" wieder mal alle Hände voll zu tun. Derweil in Wiesbaden und Umgebung bereits die neunte "Kommissarin Heller"-Folge (Arbeitstitel: "Herzversagen") gedreht wird, wiederholt das ZDF nun den sehenswerten Kriminalfilm aus dem Jahr 2016.

Lisa Wagner macht das gut: Zwischen Nervenzusammenbruch und Moralpredigt werkelt sie völlig unangepasst vor sich hin. Die lässt sich nichts gefallen. Selbst als ein paar Kollegen in Totenmasken auf sie einprügeln (Gipfel aller Mobbing-Versuche), lässt sie sich keineswegs einschüchtern und klopft einfach mal den Staub vom Revers. Der Kollege Verhoeven hätte es lieber brav und angepasst gehabt. Schließlich ist er auch ein fürsorglicher Familienvater, der in einer gläsernen Villa wohnt, die bei "Schöner Wohnen" ganz vorn rangieren dürfte, der aber auch weiß, dass Polizisten, seien sie nun korrupt oder einfach Drogenhändler, ziemlich alleine und ohne jede Zukunft im Regen stehen, wenn man sie ihres Vergehens überführt.

Thorsten Näter, der Autor des sechsten Heller-Falles (diesmal nur noch "nach Figuren" der Romanautorin Silvia Roth) und die Regisseurin Christiane Balthasar lassen es nicht nur beim Musikscore ordentlich krachen (allerdings ist die Regie bei Originaltönen auch in allerlei Schlager-Seichtgut verliebt). Auf dem Revier ist man mit drastischem Rotwelsch ("Arschloch!") genau so schnell zur Hand wie mit "Was-auf-die-Fresse"-Drohungen. Ein Polizeithriller also, der mit viel Düsterem um sich keilt, der aber ordentlichen Suspense nicht recht entwickeln kann. Was etwa Philipp Leinemanns preisgekürter Polizeithriller "Wir waren Könige" (2014) allzu brav über schuldig gewordene Polizisten erzählte, wird hier reichlich dialoglastig aufgedröselt. Der polizeiliche Sündenfall erscheint dann irgendwann nicht mehr so wichtig.

Frage jetzt niemand, warum sich die Heldin bei einem frühen "Zugriff" das Hemd vom Leibe reißt (und gleich darauf doch wieder ordentlich gekleidet ist), oder warum sie sich gar so leichtfertig des Gangsters Kugeln um die Ohren sausen lässt. Das alles bringt der Figur allerdings schimanskihafte Power. Auch ein nicht ganz leichtes Schicksal trägt wohl mit zu diesem Gebaren bei. Die Schwester, nach einem Unfall lange im Koma liegend, ist gestorben, und den Vater hat soeben die Demenz ereilt, wie die Mutter am Grab der Schwester vermeldet.

Winnie Heller ist eine spannende Heldin, auch wenn einem das Erklärmaterial bei den steif geratenen Praxisbesuchen bei ihrer Psychologin (Lena Stolze!) schon auf die Nerven gehen können. Auch droht sich ihre grenzenlose Bockigkeit in ihrem melancholischen Gleichmaß irgendwann zu erschöpfen. Bis zur finalen Täterbeichte ist es ein weiter und gar krummer Weg. Aber Szenen wie die im Krankenhaus, wenn sich Winnie Heller in einem wunderbaren Smalltalk zielgerichtet mit einer jungen Krankenschwester anfreundet, entschädigen für mancherlei Wiederholungen. – Eins ist auf jeden Fall klar: So viel Fett hat die Polizei, hier die Wiesbadener, in einem deutschen Krimi selten abbekommen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst