Lars Eidinger im Interview

"Fände es kontraproduktiv, meine eigene Meinung hinauszuposaunen"

von Eric Leimann

Lars Eidinger spielt in Ferdinand von Schirachs TV-Stück "GOTT" den Anwalt eines 78-Jährigen, der nicht mehr leben will. Ein Gespräch über legitimierte Sterbehilfe und eine Menschheit in der Apokalypse.

Lars Eidinger kennt das Theater. Der 44-Jährige ist gleichermaßen deutscher Bühnen- und Filmstar. Da passt es, dass Ferdinand von Schirachs Theaterstück "GOTT" (Montag, 23. November, 20.15 Uhr, im Ersten) nun auch in der Fernsehversion in einem Raum spielt und aus ziemlich langen Mono- und Dialogen besteht. Im Prinzip ist das Primetime-Programm ein abgefilmtes Bühnenstück. Wie schon in von Schirachs Versuchsanordnung "Terror" geht es in "GOTT" um die Verhandlung eines ethischen Problems, über das die Fernsehzuschauer am Montagabend abstimmen. Lars Eidinger spielt den Anwalt eines gesunden 78-Jährigen, der freiwillig aus dem Leben scheiden will. Darf ihm seine Ärztin – legal – ein tödliches Medikament verschreiben? Ein Interview über Sterbehilfe und die Wichtigkeit rationaler Diskurse, die in diesen Tagen gehörig unter Druck scheinen.

prisma: Sie spielen den Anwalt eines Manns, der sich einen staatlich legitimierten Freitod wünscht. Dürfen Sie überhaupt sagen, welche private Meinung Sie zum Thema haben?

Lars Eidinger: Ich darf grundsätzlich alles sagen, was ich will (lacht). Die Stärke der Stücke Ferdinand von Schirachs liegt darin, dass sie Themen auch in ihrer Komplexität den nötigen Raum geben. Deshalb fände ich es kontraproduktiv, meine eigene Meinung hinauszuposaunen. Es würde dem Ganzen Qualität wegnehmen. Es ist sehr interessant, wie oft man seine Meinung beim Lesen oder Betrachten eines Stückes wie "GOTT" ändert. Je nachdem, welcher Gedanke gerade vorgetragen wird. "Der Mensch ist ein ambivalentes Wesen", sagt meine Figur im Stück. Es ist ein einfacher Satz, aber er ist letztlich der Schlüssel zum Verständnis der Problematik.

prisma: Aber können Sie sich grundsätzlich mit der Haltung des Anwalts identifizieren, der für die Freiheit eines selbstbestimmten Todes seines Mandanten kämpft?

Eidinger: Ja, ich kann mich mit dieser Position identifizieren. Am schwersten wäre mir die Position des Bischofs gefallen, der von Ulrich Matthes gespielt wird. Die Szenen, der Dialog zwischen uns, dauerte in der Vorstoppzeit, die vor Beginn von Dreharbeiten ermittelt, wie lang ein Film werden würde, 28 Minuten. Das ist schon besonders, dass man die Möglichkeit hat, ein komplexes, vielschichtiges Problem in einer solchen Tiefe zur besten Sendezeit im Fernsehen zu behandeln. Aber ich hätte tatsächlich mehr Widerstände gehabt, die Meinung des Bischofs zu vertreten.

prisma: Trotzdem macht Ulrich Matthes' Darstellung den Bischof glaubwürdig, ja sympathisch. Ebenso war es bei der Besetzung des angeklagten Piloten in von Schirachs Stück "Terror" mit Florian David Fitz. Entscheiden nicht auch die Schauspieler darüber, wem man im Stück mehr glaubt?

Eidinger: Ja, na klar. Man könnte das als manipulative Besetzung rügen. Andererseits ist auch das eine Qualität, wenn Positionen, die man eher problematisch findet, auf einmal nachvollziehbar werden, weil sie durch glaubwürdige Schauspieler menschlich verständlich gemacht werden. Es verschärft sozusagen den gedanklich-moralischen Konflikt, in dem sich der Zuschauer befindet.

prisma: Die Position des Bischofs kulminiert in dem Satz "Leben heißt auch Leiden". Würden Sie widersprechen?

Eidinger: Ja. Als jemand, der nicht an Gott glaubt und aus der Kirche ausgetreten ist, habe ich mit dieser Position meine Schwierigkeiten. Was mich an Religion und Kirche stört, ist, dass so vieles übers Angst machen funktioniert. Selbst als ich Ihnen jetzt gerade gesagt habe, dass ich nicht an Gott glaube, fühle ich in mir einen Widerstand. Nach dem Motto: Das darf man doch gar nicht sagen! Das rächt sich oder wird bestraft. Ich möchte mich aber von diesen Ängsten nicht einschränken lassen und frei machen.

prisma: Im Film werden zur Entscheidungsfindung drei Experten vorgeführt. Eine Juristin, ein Mediziner und ein Bischof. Aber wer legt fest, wer in welcher Fragen ein Experte ist?

Eidinger: Ich finde schon, dass die juristische, medizinische und – wenn man so will – ethisch-religiöse Sichtweise das Problem aus den entsprechenden Perspektiven ausleuchtet. Ich finde es aber problematisch, dass sich Schauspieler wie ich privat zu solchen Fragen äußern sollen, von denen wir nicht mehr oder weniger verstehen als jeder andere auch. Selbst wenn ich ein bisschen recherchiert habe. Ich möchte auch keine Schauspieler oder anderen Prominenten in Talkshows sehen, die sich zu Themen äußern, mit denen sie sich grade mal in der Vorbereitung auf ihre Rolle beschäftigt haben. Dann interessiert mich doch mehr die Meinung von Spezialisten.

prisma: Die Leute interessiert eben, was Prominente oder Vorbilder zu bestimmten Themen zu sagen haben ...

Eidinger: Ja, aber dann begeben wir uns in der Gesprächsqualität auf Stammtisch-Niveau. Mir steht es als Schauspieler eigentlich nicht zu, komplexe ethische Fragen zu erläutern. Deshalb finde ich es gut, dass Ferdinand von Schirach Leute sprechen lässt, die sich in dieser Angelegenheit einfach besser auskennen als ein Otto-Normalverbraucher.

prisma: Dann eine Frage zum Schauspiel. Die Schirach-Stücke sind sehr textlastig. Es geht um die Abwägung moralischer Entscheidungen. Ist man als Darsteller in von Schirach-Rollen nicht vor allem Sprechfolie?

Eidinger: Natürlich muss man sich in der Rolle viel Emotionalität verbieten. Wenn alle Rollen so wären, hätte ich tatsächlich das Gefühl, ich würde vor allem Gedanken transportieren. "GOTT" ist eine Versuchsanordnung – das ist vielleicht näher am Theater. Es ist eine andere Art Schauspiel als das, was wir von vielen Film- oder Fernsehrollen kennen. Dennoch ist die Reduktion des Gefühls reizvoll, weil man sich eben mehr auf Gedanken und Argumente konzentriert. Ich empfinde das als willkommene Abwechslung. Aber es wäre tatsächlich unbefriedigend, wenn nur so etwas Schauspiel wäre ...

prisma: Aber im Gericht geht es meist auch wenig emotional zu, oder?

Eidinger: Das kommt darauf an. Ich habe für die Vorbereitung der Rolle viel im Landgericht gesessen. Da werden die Plädoyers meist statisch im Stehen und in der Regel relativ temperamentlos abgelesen. Würde man so etwas abfilmen, wäre das nicht sehr attraktiv. Aber es gibt auch Strafverteidiger, die über den Konflikt gehen und emotional sehr aufbrausend sein können. Trotzdem – der größte Unterschied besteht vielleicht darin, dass ich mir als Anwalt Biegler die Freiheit nehme, im Saal herumzulaufen. Das gibt es eigentlich nur im amerikanischen Kino, aber nicht in deutschen Gerichtssälen. Allerdings tagt ja hier auch der Ethikrat.

prisma: Bei Schirach-Stücken wie "Terror" oder "GOTT" stimmt das Publikum über eine Entscheidung ab. Die nationalen und internationalen Ergebnisse werden über eine Webseite veröffentlicht. Ist die Gruppe der Theatergänger nicht sehr selektiv – weil besonders gebildet?

Eidinger: Ich finde schon, dass die Ergebnisse der Abstimmungen ein öffentliches Meinungsbild wiedergeben. Ich teile nicht die Meinung diverser Fernsehredakteure, dass man dem Publikum nicht viel zumuten darf. Ich glaube, das Publikum ist zu viel mehr in der Lage, es hält auch sehr viel mehr aus, als man gemeinhin denkt. Es ist so ähnlich wie mit den sogenannten "Reaktionen aus dem Netz". Da gibt es eine bestimmte Art Mensch, die überhaupt Kommentare in Foren schreibt. Diese erfahren dann ein unverhältnismäßig großes Gewicht.

prisma: Und das ist ein Problem?

Eidinger: Ja. Weil Redakteure und durch sie auch wieder die Zuschauer Fehleinschätzungen unterliegen, was die öffentliche Meinung betrifft. Oft ist sie gar nicht so undifferenziert, wie man es wegen extra herausgestellter Kommentare annimmt. Ich wundere mich überhaupt, wenn Kommentare oder Tweets sogar in den Tagesthemen zitiert werden. Ich halte das für nicht repräsentativ und geradezu unseriös. Darüber hinaus ist eine Abstimmung im Fernsehen sicher repräsentativer als im Theater oder Kino. Die Deutschen gehen durchschnittlich nur einmal pro Jahr ins Kino. Ins Theater, nehme ich an, noch seltener. Es ist also ein sehr überschaubarer, elitärer Kreis von Zuschauern, die einer bestimmten Schicht angehören. Das Fernsehen erzielt dagegen ganz andere Quoten und erreicht einen viel repräsentativeren Querschnitt der Gesellschaft.

prisma: Die Stücke Ferdinand von Schirachs arbeiten mit den Mitteln Logik und Diskurs. Doch wir leben in hochgradig irrrationalen Zeiten. Spiegelt die bei ihm dargestellte Debattenkultur überhaupt noch den Zustand unserer Gesellschaft wider?

Eidinger: Nein, die Qualität der Debatte bei von Schirach ist sicher nicht repräsentativ für unsere Gesellschaft. Darin liegt aber auch die große Qualität. Repräsentativ wäre das Runterbrechen der Debatte auf einzelne Schlagworte. Ich schätze vor allem die Zeit, die sich von Schirachs Stoffe nehmen, um Gedanken zu Ende zu denken. Es ist wie damals bei Hans-Joachim Kulenkampff. Wenn er eine Fernsehshow gemacht hat, hieß es immer gegen Ende: "Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um eine Stunde" oder so. Es braucht Mut, der Schnelllebigkeit unserer Zeit und dem vorgegebenen Takt etwas entgegenzusetzen.

prisma: Leben wir heute in oberflächlicheren Zeiten?

Eidinger: Ja, ich finde schon. Es hat viel mit dem Tempo zu tun, das stark angezogen hat. In den goldenen Zeiten des Fernsehens durfte man sich ausformulieren, sich widersprechen, gemeinsam nachdenken. Das fehlt mir heute. Viele Themen werden nur noch oberflächlich abgehandelt.

prisma: In letzter Zeit hat sich wegen Corona ein Konflikt zwischen jenen etabliert, die sagen, sie handeln rational und jenen, die sich als "Querdenker" bezeichnen. Haben wir uns als Gesellschaft vom Rationalen verabschiedet?

Eidinger: Ich bin sicher weit entfernt von der Position der Corona-Leugner und jeglicher Art von Verschwörungstheorien. Mir war schon immer klar, dass man kein System, sondern in erster Linie sich selbst zur Verantwortung ziehen muss. Vielleicht müssen wir unsere Werte komplett überdenken. Menschen wie Greta Thunberg beeindrucken mich zutiefst, weil sie uns wie eine Heilige Johanna der Schlachthöfe auffordert, einzulenken und infrage zu stellen.

prisma: Sehen Sie uns Menschen in der Apokalypse?

Eidinger: Absolut. So wie sich die Welt gerade darstellt. Überall brennt es, es gibt Hunger, Armut, die Natur wird zerstört. Der Wahnsinn regiert die Welt, und wir leiden weltweit an einer Pandemie, die die Atemwege bedroht. Also das, was unser menschliches Leben zunächst mal ausmacht: dass wir alle atmen. Es gibt Krebs und HIV, ein Virus, das über unsere Sexualorgane übertragen wird, mit denen wir uns fortpflanzen. Ein treffenderes Bild für Apokalypse oder Endzeit kann ich mir kaum vorstellen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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