Aus seiner Dreigroschenoper wollte Brecht einen Tonfilm machen, hatte aber bereits die Rechte verkauft. Die Dokufiction "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" zeigt, wer daraufhin die Filmfirma herausforderte.

Es war der größte deutsche Theatererfolg des 20. Jahrhunderts. Wenn einer das Stück nicht wirklich kannrte, so kannte er doch die Songs vom Haifisch mit den Zähnen und von der Seeräuber-Jenny: "Ein Schiff mit acht Segeln ..." Die Uraufführung am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm blieb nach hektischen Umbesetzungen und Textänderungen wackelig bis zuletzt. Brecht, der kurzfristig die Regie übernommen hatte, besorgte angeblich Trillerpfeifen fürs Ensemble, "um zurückzupfeifen", falls man ausgepfiffen werden sollte. Es kam dann anders – die Aufführung wurde ein Triumph. Klar, dass da der neu erfundene Tonfilm nicht lange auf sich warten ließ. Brecht verkaufte die Rechte an eine Filmfirma und wollte dann doch den Film selber drehen. Das alles, von der Uraufführung bis hin zum Prozess, den Brecht schließlich öffentlich gegen die Filmfirma führte, erzählt der Brecht-Kenner Joachim A. Lang jetzt in seiner aufwendigen Dokufiction "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm". Und es ist nicht falsch, wenn behauptet wird, der Film erwecke Brecht, den lange Totgesagten, "zu neuem Leben".

Das Ganze hätte totlangweilig werden können, trotz oder gerade wegen des hier geradezu penibel nacherzählten Brecht-Weil-Stücks, hätte Lang nicht die geniale Idee gehabt, aus dem Konflikt mit der Filmfirma und deren Produzenten eine ganz eigene Geschichte zu machen. Brecht, der tatsächlich seine Texte immer wieder verändert hat, darf sich hier als Erfinder eines eigenen Dreigroschenfilms gerieren. Ein guter Anlass, um den ganzen Brecht-Kosmos unterhaltsam darzubieten, mitsamt seiner Publikums- und Theaterkritik ("Glotzt nicht so blöd") bis hin zum marxistischen Klassenkampf-Modell.

Auf den Schultern des Brecht-Darstellers Lars Eidinger lastet da furchtbar viel. Doch Eidinger schafft es, Brecht eine Stimme zu geben, sie ihm zu leihen, ohne das Vorbild zu kopieren. Auch wenn er mit Brechts Lederzeug, mit Mantel oder Jacke, angetan ist und ständig einen Zigarrenstummel im Mund trägt und die Nickelbrille auf der Nase: Bei Eidinger kommen Brechts Sätze wie zum ersten Mal gehört. Man spürt: Da denkt einer wirklich, was er spielt, und versieht es obendrein mit feiner Ironie.

"Wie soll Kunst die Menschen bewegen, wenn sie selbst nicht von den Schicksalen der Menschen bewegt wird?" – Eidinger macht solche Brecht-Slogans lebendig. Mit Regieanweisungen und Produktionsgesprächen schiebt er sich in die mit ständigem Strapsballett leider etwas zu bieder im Kopf inszenierte Filmhandlung hinein. Die Kosten? – "Wenn ich das nur erzähle, kostet Sie das gar nichts", sagt er zum Produzenten einmal auf den Einwand hin, dass das von ihm gewollte – zwei Monde über Soho – viel zu teuer sei. Aber auch vielen Brecht-Statements, seinen unglaublichen Affronts und Frechheiten in aller Öffentlichkeit, wird freier Lauf gegeben – wie etwa der Behauptung, die Dreigroschenoper sei "der Versuch, der völligen Verblödung der Oper entgegenzuwirken". Und wäre seine Version wirklich "eine ganz neue Art von Film" gewesen, wie er behauptet hat?

Aus dem Film im Film, recht eigentlich Theater vor sichtbar animierter London-Kulisse, geht das jedenfalls nicht unbedingt hervor. Es würde szenische Umstellungen geben, einen anderen Beginn, nicht mit dem Mackie-Messer-Song, sondern mit Polly Peachums (Hannah Herzsprung) Hintern, in den sich der Gauner-Boss Macheath derart verknallt, dass er ihn auf der Stelle zu heiraten beschließt. Das Ensemble, mit Tobias Moretti (Macheath), Joachim Król (als Bettlerkönig Peachum), Christian Redl (als Polizeichef Tiger Brown) hoch besetzt, zeigt im Bänkelsang manche Schwächen, wird aber samt allerlei Balletteinlagen vielleicht auch zu ausführlich in den Vordergrund gerückt. Da ist der Autor dann doch zu sehr in "seine" Dreigroschenoper verliebt.

Dass dann auch noch die zeitlich-politischen Hintergründe in kurzen Ausschnitten zu sehen sind, bis hin zu SA-Verwüstungen in Brechts Wohnung und Brechts große Rede "An die Nachgeborenen", macht aus dem Film doch noch ein richtiges Biopic. Die Dreigroschenoper als Kristallisationspunkt eines ganzen Lebens. Warum auch nicht – es ist alles drin, was man über Brecht wissen muss, also beileibe nicht wenig.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH