Der erste "Tatort" des neuen Jahres wartet mit einem Novum auf: In "Das Team" treffen Ermittler aus mehreren NRW-Städten aufeinander und erleben ein improvisiertes Psycho-Kammerspiel, das weder Ermittler noch Zuschauer so schnell vergessen werden.

Improvisierte "Tatort"-Episoden, das kannte man schon. Auch kammerspielartige Psychodramen erlebte der geneigte Zuschauer des TV-Flaggschiffs bereits. Ja, sogar die ein oder andere Kollaboration verschiedener "Tatort"-Teams verzückte in der Vergangenheit das Publikum. Was es indes noch nie gab: All diese experimentellen Krimiansätze in einer einzigen, atemberaubenden und nachwirkenden Folge. Und was könnte sich dafür besser eignen als der erste "Tatort" des neuen Jahres? 2020 beginnt furios mit einem Knall: "Das Team", eine Ermittler-Supergroup aus Nordrhein-Westfalen, liefert mit einem improvisierten Psycho-Kammerspiel schon an Neujahr eines der wohl meistdiskutierten "Tatort"-Experimente des gerade erst gestarteten Jahres.

Beeindruckend ist dabei allein schon die Zusammensetzung des NRW-Teams: Dortmund schickt seine beiden Hauptermittler Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt), Münster die junge Kommissarin Krusenstern (Friederike Kempter), die im Weihnachts-"Tatort" noch entführt wurde. Außerdem mit dabei sind prominent besetzte Ermittler, die bislang nicht im "Tatort" zu sehen waren: Friedrich Mücke spielt Ziesing von der Kripo Paderborn, Nicholas Ofczarek ("Der Pass") den Aachener Kommissar Mitschowski; hinzu kommen Ben Becker als Kommissar Rettenbach aus Oberhausen sowie Kommissarin Möller (Elena Uhlig) aus Düsseldorf. Während Beckers hübsch ramponierte Figur gerade erst aus der Trauma-Therapie kommt (wobei man leider darüber hinwegsehen muss, dass Becker im Ludwigshafener "Tatort" erst kürzlich einen ähnlich abgerockten Kommissar gab, der mit jenem aber nichts zu tun hat), hat Kollegin Möller ebenfalls gerade erst ihren Mann verloren – ebenfalls einen Kripo-Kommissar.

Der nämlich, und das ist der Grund des Ermittler-Zusammentreffens, ist bereits das vierte Opfer einer Mordserie an Polizisten, die das Bundesland NRW erschüttert. Jeder im "Team" kannte mindestens einen der mit "fantasievoller Grausamkeit" getöteten Kollegen. Sollen sie gemeinsam ermitteln, sind sie verdächtig? Warum genau man sie gemeinsam in ein abgelegenes und leerstehendes Tagungshotel geladen hat, macht die Ermittlerinnen und Ermittler zunächst ratlos. Damit haben sie übrigens etwas mit ihren Darstellern gemein, die sich nicht an einem Drehbuch oder an klassischen Dialogen orientieren konnten. Was Regisseur Jan Georg Schütte (der auch eine Rolle als SEK-Leiter übernimt) nämlich bereits in Komödien wie "Klassentreffen" versuchte, macht er nun auch im "Tatort": Vorgegeben ist nur ein Rahmen und ein Realisierungskonzept. Die Schauspieler erarbeiten die Geschichte gemeinsam, improvisieren ihre Figuren, Szenen und Dialoge – und zwar im Team.

Streit, Stuhlkreis und Spiele

Damit "Das Team", bestehend aus höchst unterschiedlichen Charakteren, zusammenfinden kann, bedarf es besonderer Maßnahmen. Deshalb die nächste Überraschung: Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet spielt in einem Gastauftritt sich selbst – und schwört die Gruppe auf die gemeinsame Mördersuche ein. Apropos Prominenz: Mit Charly Hübner und Bjarne Mädel stoßen zwei weitere deutsche Schauspielstars zum "Tatort"-Cast – allerdings nicht als Ermittler, sondern als "polizeiferne" Coaches für Krisensituationen, wie es heißt. Als Gebrüder Scholz soll ihre Expertise dazu beitragen, ein schlagkräftiges Team zu formen. Ihr Auftreten: selbstbewusst entspannt. Ihre Methode: Streits, Stuhlkreise und Spiele.

In der Folge erfährt der Zuschauer in einem psychologisch (an-)spannenden Kammerspiel nicht nur mehr Details über die Attacken (der Münsteraner Thiel wurde ebenfalls leicht verletzt und ist mit Krusenberg in Kontakt) und die Opfer (der letzte tote Kommissar war ein wahrer Schwerenöter: "Alle Frauen kennen Herrn Möller" und: "Er war ein Arschloch"). Vor allem jedoch erlaubt dieser "Tatort", der auch als eine Art düstere Gruppentherapie für Kommissare bezeichnet werden könnte, einen tiefen Blick in die Abgründe so mancher Ermittler-Psyche. Das wiederum findet Rettenbach, dem Ben Becker eine durchgeknallte Choleriker-Depression verpasst ("Was für eine Fick-Veranstaltung ist das hier?), nur so mittelgut: "Ich bin mir bei dem ein oder anderen gar nicht sicher ob ich das will, dass der weiß, wer ich bin."

Die Coachbrüder Scholz wiederum können mit Eitelkeiten und Narzissmus nichts anfangen – und glauben schon früh zu wissen: "Keiner eignet sich als Leader". Um die Truppe dennoch zusammenzuschweißen, setzten sie die sieben Ermittler unter Kameraüberwachung eigenartigen Psychospielchen in tristen Räumen aus. Auf dem "heißen Stuhl" dürfen die anderen jeweils eine Person löchern ("Ich würde Sie bitten, die Kollegin zu grillen"), beim "Speeddating" werfen sich die Kommissare allerlei Böses an den Kopf ("Dein Kaugummi macht micht wahnisinnig"), und überhaupt sorgen sie dafür, dass jede versteckte Befindlichkeit, jede gegenseitige Abneigung und jede Anwandlung von Wut, Hass, Trauer hervorbricht.

Dank der fantastischen Improvisationsfähigkeiten seiner Darsteller, die ihren Figuren realistischere Konturen verleihen, als das ein Drehbuch wohl je könnte, erschafft der "Tatort: Das Team" ein intensives Psychodrama. Ein emotional hochbewegendes Charakterkammerspiel in dessen Verlauf so manch überraschender Schockmoment alles über den Haufen wirft. Und letztlich ein wirklich gelungenes Experiment, das sowohl den beteiligten Ermittlern als auch den Zuschauern noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Tatort: Das Team – Mi. 01.01. – ARD: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH