Nach sieben Jahren ohne ein neues Studioalbum feiert Max Herre mit "Athen" ein furioses Comeback. Was ihn mit der griechischen Metropole verbindet, warum die Idee "Europa" auch exkludiert und wie wichtig Internationalismus 20 Jahre nach "Esperanto" noch ist, erklärt der Ex-Freundeskreis-Sänger im Interview.

Inzwischen ist es 20 Jahre her, dass ein bärtiger junger Lockenkopf, der samt seiner Band einer romantischen Guerillero-Gruppe entsprungen schien, in der hiesigen Musiklandschaft für Aufruhr sorgte. Freundeskreis hieß die gefeierte HipHop-Jazz-Gruppe aus Stuttgart, "Esperanto" ihr herausragendes Album von 1999 – und Max Herre der charismatische Sänger mit der markanten Stimme und dem gesellschaftskritischen Gewissen. Beides hat der 46-Jährige, der seit 2004 auch auf Solopfaden wandelt, sich bis heute bewahrt. Eindrücklich beweist das sein neues Album "Athen" (erhältlich ab 8. November), mit dem der Musiker und Produzent sieben Jahre nach "Hallo Welt!" ein furioses Comeback feiert. Welche persönliche und politische Geschichte er mit dem musikalischen Trip in die griechische Hauptstadt erzählt, was ihm die solidarische Essenz von "Esperanto" auch zwei Dekaden später noch bedeutet und weshalb der europäische Gedanke für ihn nicht nur positiv konnotiert ist, erklärt Max Herre im Interview.

prisma: Wie groß ist der Druck nach sieben Jahren, mit einer neuen Platte bestimmte Erwartungen zu bedienen?

Max Herre: Es ringen natürlich verschiedene Kräfte in mir. Der eigene Kritiker ist als gelernte Größe da, er hat auch damit zu tun, wie bestimmte Sachen von mir in der Vergangenheit rezipiert wurden. Aber ich bin wahnsinnig schlecht darin, dem am Ende stattzugeben. Weil die Eitelkeit siegt – und der Wunsch, etwas zu machen, das ich zu hundert Prozent gut finde. Außerdem mache ich ja nun nicht unglaublich komplizierte Musik.

prisma: Spricht da der Popmusiker Max Herre?

Herre: Ich mag Musik, in die man sich fallen lassen kann. Ich tendiere zur Schönheit in der Musik. Durch diese Schnittmenge mit populärer Musik muss ich manchmal gar nicht so mit mir ringen. Auf "Athen" arbeite ich aber auch antizyklisch zum momentanen Musikmarkt. Das Album musste für mich mit einem sechseinhalbminütigen Song ohne Beat beginnen. Das würde man nicht als Radiomusik beschreiben. Wichtiger ist mir, eine Welt zu erbauen. Ich bleibe auch Album-Musiker und wollte über einen Bogen von 13 Songs eine Geschichte erzählen.

prisma: Ist "Athen" also eine Art Konzeptalbum?

Herre: Wenn ich jemals in die Nähe der Vorstellung eines Konzeptalbums kam, dann mit diesem Album. Ich würde es zumindest gerne glauben machen (lacht)! Es war mir wichtig, einen Fluchtpunkt, ein Motiv zu haben. Aber es gab nicht von vornherein den Gedanken, eine komplette Platte als Roadtrip nach Athen zu konzipieren. Athen war ein Aufhänger für verschiedene biografische Gedanken und Betrachtungen.

prisma: Welche Bedeutung hat die Stadt für Sie?

Herre: Athen war in meinem Leben immer präsent. Es ist ein Sehnsuchtsort. Diese Sehnsucht habe ich von meinem Vater geerbt, dessen Lieblingsstadt Athen ist. Er lebte dort auch Ende der 80er-Jahre. Zu Athen existieren viele familiäre Bezüge: Auch mein Großvater lebte in den 20er-Jahren in der Stadt und arbeitete als Hauslehrer und am Deutschen Archäologischen Institut. Mein Onkel ist dort geboren und aufgewachsen, kam später zurück und wurde Programm-Direktor am Goethe-Institut – auch während der Zeit der Diktatur.

prisma: Waren Sie selbst oft da?

Herre: Seit den frühen 80er-Jahren war ich regelmäßig in Athen. Ich weiß, wie sich die Stadt und dortige Leben anfühlen. Es war daher spannend, ihr jetzt wieder zu begegnen. Und natürlich erlebte Griechenland samt der Hauptstadt durch die sogenannte Schuldenkrise in den letzten Jahren eine große Transformation.

prisma: Wie zeigt sich das?

Herre: Die Lebensrealität vieler Menschen hat sich verändert, es gibt überall Aufbruch. Man kann eine Platte nicht "Athen" nennen und die politischen Bezüge ausklammern. Das steht für vieles: neben der Krise auch für die Geflüchteten etwa. Vor der Balkanroute war das die zentrale Anlaufstelle für viele Menschen, die aus Syrien über die Türkei kamen. Ich erlebe Athen als überwiegend solidarisch – wenn ich das mit der Stimmung und den Ressentiments in Deutschland vergleiche. Auch wenn es den Menschen dort en gros viel schlechter geht und sie viel weniger zu teilen haben.

prisma: Woher rühren diese Unterschiede?

Herre: Ich erkläre mir das so, dass Menschen, die in irgendeiner Form gebeutelt sind, vielleicht mehr Empathie für Menschen haben, denen es ähnlich geht. Wenn auch aus anderen Gründen. Trotz der Linksregierung fiel ja vieles in Griechenland letztlich auf die normalen Menschen zurück.

prisma: Ist die Stadt vielleicht damit auch eine Chiffre für die Situation in Europa?

Herre: Sicher. Während der Europawahl war ich dort. Da merkte ich, dass Jugendliche in vielen anderen Ländern mit dieser Vorstellung von "Europa" aufgewachsen sind als einem "solidarischen" Ort der Brüder- und Schwestervölker. Als einem Kontinent der Freunde, zu dem er – nach der Meinung vieler – nach dem Zweiten Weltkrieg wurde. Mich wunderte, wie sehr nur dieses Narrativ in den Menschen verankert ist. Und wie wenig sie sehen, dass es auch ein Binnenmarkt ist, der in seiner ganzen Brutalität auch die Schwachen trifft und eine Umverteilung zugunsten der ohnehin schon Starken schafft.

prisma: Ist die von Freundeskreis vor 20 Jahren auf "Esperanto" formulierte Forderung nach einer weltweiten Solidarität also heute als naiv anzusehen?

Herre: Naja, im positiven Sinne war es ein sehr naiver Wunsch, der da formuliert wurde. Utopien haben immer ein naives Element. Die Formel Internationalismus, also das, worum sich auf "Esperanto" alles drehte, ist für mich nach wie vor das, worum es geht. Deshalb soll "Athen" auch keine europäische Platte sein, weil der europäische Gedanke auch einen exkludierenden Gedanken samt der Mauern und Grenzen in sich trägt. Darum ging es 1999 nicht – und heute erst recht nicht. Es ist im selben Geiste 20 Jahre später gesprochen.

prisma: Was hat sich in diesen 20 Jahren dennoch in Ihrem Blick auf die Welt geändert?

Herre: Ich bin mir über andere Dinge bewusst. Die Probleme der Welt zeigen sich nicht nur an den Menschen auf, die Probleme haben, sondern spiegeln sich in unseren eigenen Privilegien. Was ich leben konnte, dass ich reisen konnte mit einer vermeintlichen Weltoffenheit – das habe ich als Privileg erkannt. Ich habe einen Pass, mit dem ich in 161 Länder reisen kann. Wäre ich in Afghanistan geboren, wären es nur fünf oder so.

prisma: Wie verträgt sich eine solche Selbstreflexion mit dem Selbstbild des politischen Künstlers?

Herre: Ich war irgendwann in einer Situation, in der ich dachte, ich müsse permanent politisch sein in allem, was ich mache. Nicht als Mensch, der Musik macht, sondern als politischer Musiker. Das engte mich sehr ein. Ich hatte dieses Mikro und diese Riesenplattform, die mit Verantwortung einherging. Aber ich war gleichzeitig ein 25-Jähriger, der wusste, dass das nicht sein ganzer Kosmos war. Ich kannte auch nicht alle Antworten, aber machte mir ziemlich Druck. Heute weiß ich in vielen Situationen zu sagen: Ich weiß es nicht. Und es musste auch okay sein, mal nur ein Liebeslied zu schreiben. Der Widerspruch ist noch da, aber ich kann ihn formulieren.

prisma: Auf "Athen" gibt es dennoch auch explizit politische Momente wie den Song "Dunkles Kapitel", der sich etwa mit dem Rechtsruck auseinandersetzt ...

Herre: Ja, wenn man sich auf YouTube mal so eine Höcke-Rede anhört und mit dieser Sprache befasst, dann wird einem klar, dass man dazu was machen muss. Dann entsteht ein düsterer Song wie dieser. Wichtig war dabei aber auch, einen Bezug zu meinem Kosmos herzustellen. Da wurde dann ein Essay meiner Großmutter über ihre Situation im Dritten Reich zur zweiten Strophe. Formell war mir zudem wichtig, keinen didaktischen Song über die Neue Rechte zu schreiben, sondern eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen mit einer Weimarer-Republik-Stimmung, in Richtung Tucholsky vielleicht. Ein Parallele zu erzeugen. Zu zeigen, wie sich auch der Faschismus ankündigte, während alle Leute das für undenkbar hielten.

prisma: Sie samplen auf der Platte mit Panta Rhei auch eine alte DDR-Band. Wie kam es dazu?

Herre: Ich bin ein Riesenfan von vielen Ostbands und glaube, dass die Bands im Osten in den 70er-Jahren weiter waren, was Musikalität und Technik angeht. Die Platten klangen besser. Es gab sehr viel fundierte Musik, man war nicht verhaftet in Genres. Man überschritt etwa oft die Grenzen zwischen Pop und Jazz. Weil man es selbst generieren musste, fand das auf einem anderen Level statt. Im Gegensatz zum Westen war man weniger in der Konsumentenrolle und mehr angehalten, etwas selbst zu machen.

prisma: Reagiert ein ostdeutsches Publikum anders auf die Songs?

Herre: Wenn man nun etwa in Leipzig spielt, kennen das natürlich viele aus dem Publikum. Das hab ich mir ein bisschen von Udo Lindenberg abgeschaut – während seiner Stadiontour ging ich auf die Ränge und schaute, wie das Publikum auf Songs wie "Mädchen aus Ostberlin" reagiert. Das hat im Osten eine ganz andere Aufladung, das bedeutet etwas. Da sah ich einen glatzköpfigen, zutätowierten Bodybuilder-Typen, der zu "Wozu sind Kriege da?" weinte. Das ist das Beste, was Musik machen kann.


Quelle: teleschau – der Mediendienst