Schauspielerin Melissa McCarthy spricht im Interview über ihren neuen Film "Can You Ever Forgive Me?", über ihre nicht immer leichte Vergangenheit – und über den "traurigsten Job aller Zeiten".

In dem Drama "Can You Ever Forgive Me?" (Kinostart: 21. Februar) spielt Melissa McCarthy die Schriftstellerin Lee Israel, die in den 90ern berühmt-berüchtigt wurde, weil sie Hunderte Briefe von verstorbenen Prominenten fälschte und für viel Geld verkaufte. Eine ungewohnte Rolle für die eigentlich als "Comedy-Queen" bekannte McCarthy – die ihr nun aber eine Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin einbrachte. Beim Interviewtermin in New York erhellt die 48-Jährige den Raum schon beim Betreten mit ihrer unglaublichen Ausstrahlung, freundlichen Art und dem brillanten Sinn für Humor, den man aus ihren Filmen kennt. Den hat sie sich stets bewahrt, auch wenn es im wahren Leben für sie nicht immer einfach für sie war. Noch vor fünf Jahren wollte kein Designer ein Oscar-Kleid für die füllige Schauspielerin entwerfen. Doch davon ließ sie sich nicht unterkriegen und startete kurzerhand ihre eigene Mode-Linie. Aufgeben ist für McCarthy keine Option, wie sie im Interview betont. Dieses Selbstbewusstsein habe sie ihrem Ehemann zu verdanken, von dem sie im Gespräch immer wieder schwärmt.

prisma: Lee Israel ist im Rückstand mit ihrer Miete und hat ihren Job verloren. Sie muss irgendwie an Geld kommen, um zu überleben, und wird deshalb kriminell. Können Sie das nachvollziehen?

McCarthy: Ich kann mich mit vielen Teilen aus Lees Leben identifizieren. Wenn der Zuschauer sich den Film ansieht, denkt er bestimmt: "Ich bin anders, ich würde so etwas nicht tun – Briefe fälschen!?" Doch je mehr wir von dem Film sehen, desto mehr merken wir, dass dahinter eine menschliche Geschichte steckt. Lee Israel ist nicht nur pleite und wird deshalb kriminell, sie ist auch einsam. Und dieses Gefühl kennt sicherlich jeder.

prisma: War auch Ihre Anfangszeit so, bevor Sie den großen Durchbruch in Hollywood schafften?

McCarthy: Oh ja. Ich glaube, fast jeder Schauspieler hat eine Durststrecke erlebt. Viele schaffen den Durchbruch leider nie. Ich habe selbst von 1990 bis 1997 in New York gelebt.

prisma: Hatten Sie harte Zeiten?

McCarthy: Sehr harte. Ich hatte mehrere Jobs, nur um Miete und Rechnungen bezahlen zu können. Ich musste jeden Cent zusammenkratzen, doch manchmal habe ich es trotzdem nicht geschafft. Ich wollte unbedingt Schauspielerin werden und konnte diesen Traum auch nicht aufgeben. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich es nie schaffen würde, wäre für mich eine Welt zusammengebrochen. Es war sicherlich nicht immer leicht, trotzdem habe ich Fuß gefasst, eine starke Ehe aufgebaut und eine Familie gegründet.

prisma: War es schon immer klar für Sie, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

McCarthy: Es war immer ein Traum von mir. Aber aufgrund dieser harten Anfangszeit setzte ich mir eine Frist. Wenn ich es bis zu meinem 30. Geburtstag nicht geschafft hätte, wollte ich meinen Traum platzen lassen. Eine Woche vorher bekam ich einen Anruf. Ich wurde zum Vorsprechen für "Gilmore Girls" eingeladen. Tja, und von da an lief es.

prisma: Welche Jobs hatten Sie damals, um sich über Wasser zu halten?

McCarthy: Mein erster Job war im New Yorker Restaurant "Mama Leone". Das war ein berühmtes italienisches Restaurant direkt im Theater District, das es heute leider nicht mehr gibt. Ich habe die Leute an der Tür begrüßt und ihnen einen Tisch gegeben. Danach habe ich noch ich unzähligen anderen Restaurants gearbeitet. Und als Babysitterin.

"Das war der traurigste Job aller Zeiten"

prisma: Welcher war Ihr schlimmster Job?

McCarthy: Als ich 18 Jahre alt war, versuchte ich mein Glück in einem Callcenter. Wir waren fünf Mädels und trafen unseren "Chef" in einem winzigen, seltsamen Motelzimmer. Auf zwei Betten lagen fünf Telefonbücher, außerdem eine Art Verkaufsanleitung, die wir auswendig lernen mussten. Und es war eine Glocke in der Ecke angebracht, die wir bei jedem Verkauf läuten sollten (lacht). Das ist allerdings nie passiert. Ich bekam immer höchstens zwei Sätze raus, dann wurde aufgelegt. Das war der traurigste Job aller Zeiten (lacht). Ich hatte immer zwei bis drei Jobs zur gleichen Zeit. Nur so konnte ich meiner großen Leidenschaft – der Schauspielerei -  nachgehen.

prisma: Und jetzt sind Sie für den Oscar nominiert ...

McCarthy: Ich bin zutiefst bewegt von dieser Nominierung. Ich habe keine Sekunde damit gerechnet, mit dem Film so viele Leute zu berühren, dass ich diese Nominierung dafür bekomme. Ich bin schlichtweg sprachlos!

prisma: Bislang hat man Sie fast ausschließlich in Komödien gesehen, aber selten in einem Drama. Wieso?

McCarthy: (überlegt) Ich lese jedes Drehbuch mit einer neutralen Einstellung. Egal ob Komödie oder Drama. Für mich ist es entscheidend, dass ich mich mit der Rolle identifizieren kann und überzeugt bin, dass die Geschichte erzählt werden sollte. Ich fand es wichtig, dass "Can You Ever Forgive Me?" erzählt wird, weil wir auch die Leute beachten sollten, die aus irgendeinem Grund unsichtbar für uns geworden sind. Auch sie haben etwas Besonderes. Probieren Sie es aus: auf Ihrem Nachhauseweg in der Bahn, im Bus oder auf der Straße. Schauen Sie nicht auf Ihr Handy oder verkrampft auf die andere Seite! Schauen Sie in die Augen Ihrer Mitmenschen, beachten Sie sie, denn Sie wissen nie, wie bemerkenswert und faszinierend dieser Mensch ist! Er verdient es nicht, von vornherein abgewiesen zu werden.

prisma: Es ist nicht leicht, wenn man ignoriert wird. Wie schwer ist es für Sie, wenn jemand etwas Schlechtes über Sie schreibt?

McCarthy: Es verletzt mich. Es wurden schon viele schlimme Dinge über mich geschrieben. Dass ich wie ein übergewichtiges Nilpferd aussehe oder hässlich bin. Aber damit kann ich leben.

prisma: Trotzdem verletzt es Sie?

McCarthy: Natürlich. Doch ich habe auch gelernt, dass ich mir solche Kommentare nicht zu Herzen nehmen darf. Es gibt Leute, die meine Filme gut finden, und eben Leute, die mich nicht so gut finden. Ich kann mich nicht davon leiten lassen, ob ich gut oder nicht so gut aussehe, wenn ich eine Story erzähle.

"Die Liebe meines Mannes hat mir Selbstbewusstsein gegeben"

prisma: Sind Sie ein Mensch, der sich Dinge schnell zu Herzen nimmt?

McCarthy: Früher war das schlimmer. In meinen 20-ern habe ich oft geweint. Ich habe geweint, weil ich nicht dünner und hübscher war. Ich habe sogar geweint, wenn meine Haare nicht schnell genug wuchsen (lacht). Damals war ich einfach jung und dumm. Erst die Liebe meines Mannes und meiner Familie hat mir Selbstbewusstsein gegeben, damit ich heute stärker denn je sein kann.

prisma: Sie arbeiten oft mit Ihrem Ehemann zusammen, dem Regisseur Ben Falcone. Ist das nicht kompliziert?

McCarthy: Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind seit 14 Jahren glücklich verheiratet. Ich kann ihn gut leiden, deshalb klappt das mit der Zusammenarbeit auch so gut (lacht). Wir haben uns kennengelernt, als wir beide im Groundlings Theater gearbeitet haben. Als ich ihn das erste Mal traf, hatte ich eine ganz hässliche Perücke auf. Damals war mir auf Anhieb klar: Wenn er mich mit dieser Frisur mag, dann mag er mich für immer (lacht).

prisma: Sind Sie nicht zusammen zur Schule gegangen?

McCarthy: Ich habe das College in seiner Heimatstadt besucht. Doch zu diesem Zeitpunkt war er noch auf dem Gymnasium. Wir waren beide auf denselben Partys, doch wir haben nie miteinander gesprochen. Ich habe die meisten Wochenenden direkt gegenüber von seinem Haus verbracht. Zehn Jahre später, als wir uns kennenlernten, haben wir über die Schulzeit gesprochen. Ich sagte zu ihm, dass er mich nie wiedererkennen würde, da ich vollkommen anders ausgesehen habe. Ich trug lange schwarze Gewänder, hatte schwarze Haare mit blauen Strähnen und den halben Schädel rasiert. Da gestand er mir, dass er mich von damals her kannte, aber immer Angst vor mir hatte und mich deshalb nie angesprochen hat.

prisma: Was ist das Geheimnis Ihrer Ehe?

McCarthy: Er bringt mich zum Lachen, und zwar täglich. Wer kennt die Szene nicht: Ein Paar sitzt in einem Restaurant. Sie schweigen sich ganze 20 Minuten lang an. Sie sehen aus, als ob sie sich nichts zu sagen hätten. Von Lachen gar keine Spur. So eine Ehe könnte ich mir niemals vorstellen. Wir sind das genaue Gegenteil. Wir können so gut wie gar nicht ernst bleiben (lacht).


Quelle: teleschau – der Mediendienst