Sie mag den Begriff "Ikone" nicht, aber sie ist doch eine: Cyndi Lauper, die mit dem Musical "Kinky Boots" viel Farbe nach Hamburg bringt, im Interview.

Cyndi Lauper hat immer noch etwas von der Schrillheit früherer Tage. Die Popkünstlerin trägt eine altrosafarbene Perücke, als sie zum Interview erscheint. Und sie plappert zwischendurch ab und zu wirres Zeug in New Yorker Slang-Sprache, was ihr allerdings eine sympathische, kumpelhafte Aura verleiht. In den 80-ern mischte sie die Charts mit Hits wie "Girls Just Wanna Have Fun", "Time After Time" und "True Colors" auf und verkaufte 30 Millionen Tonträger. Jetzt ist sie in Deutschland, weil am 3. Dezember das Musical "Kinky Boots" im Hamburger Operettenhaus Premiere feiert – es basiert auf dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 2005. Die Sängerin und Schauspielerin schrieb dafür die Musik, wofür sie ihren zweiten Grammy erhielt. Im Gespräch erzählt die inzwischen 64-Jährige von Vergleichen mit Lady Gaga, der Beziehung zu ihren Eltern und ihrem Support für Schwulenrechte.

prisma: In "Kinky Boots" geht es um einen Schuhfabrikanten, der nach anfänglicher Skepsis mit einer Dragqueen zusammenarbeitet, um sein Geschäft zu retten. 2012 wurde das Musical in den USA erstmals aufgeführt. Ist die Botschaft der Toleranz seither noch wichtiger geworden?

Cyndi Lauper: Oh, ja. Man muss sich ja nur mal umgucken auf der Welt, um zu wissen, dass es so ist. Manche glauben, dass es darum geht, andere Leute zu akzeptieren für das, was sie sind. Tatsächlich geht es aber darum, dich selbst zu akzeptieren für das, was du bist. Das macht einen Unterschied! Denn erst wenn du dich selbst akzeptierst, kannst du auch tolerant gegenüber anderen sein.

prisma: Haben Sie das auch an sich selbst gemerkt?

Lauper: Auf jeden Fall! Es ist doch so: Manchmal ist genau das, was uns an anderen Leuten nervt, das, was wir an uns selbst nicht mögen. Aber sobald du dich selbst annehmen kannst und dein Herz geerdet ist, wird es dir egal sein, was andere Leute mit ihrem Leben anstellen. Toleranz ist immer eine Sache der eigenen Einstellung.

prisma: Neben Ihrer Musik und Ihrem Stil trug auch diese tolerante Einstellung dazu bei, dass Sie zu einer Ikone für Schwule wurden ...

Lauper: Ich mag den Begriff "Ikone" nicht. Ich habe einfach nur das Glück, dass ich durch meinen Promi-Status auf Missstände aufmerksam machen kann und man mir zuhört.

prisma: Aber wie kommt eine heterosexuelle Frau dazu, zu einer engagierten Supporterin für Schwulenrechte zu werden?

Lauper: Meine Schwester ist lesbisch, und viele andere Menschen aus meiner Familie und meinem Umfeld sind homosexuell. Ich wuchs in einer Zeit auf, in der so etwas nicht wirklich toleriert wurde. Allerdings spielte in den 60-ern auch die Bürgerrechtsbewegung eine wichtige Rolle in den USA. Ich habe mitbekommen, wie schwarze und weiße Menschen gemeinsam den Kampf gegen Rassismus kämpften. Irgendwie hat das wohl dazu geführt, dass ich mich mit Minderheiten solidarisiere.

prisma: Was macht Sie wütend?

Lauper: Wenn ich höre, dass Teenager in Schulen fertiggemacht werden und sie sich das Leben nehmen, nur weil sie eine andere sexuelle Orientierung haben, dann kann ich gar nicht anders als aufzuspringen und mich gegen Homophobie aufzulehnen. Wir müssen in dieser Sache alle zusammenstehen und dürfen Intoleranz keine Chance lassen.

prisma: In "Kinky Boots" geht es, abseits des Toleranz-Themas, auch um Vater-Sohn-Beziehungen ...

Lauper: Ja, es ist die Geschichte zweier Männer, die total gegensätzlich sind, aber das gleiche menschliche Problem mit ihren Eltern haben. Beide haben das Gefühl, den Erwartungen ihres Vaters nicht gerecht werden zu können. Männer reden über so etwas nicht gerne, aber sie fühlen es. Für das Stück habe ich den Song "Not My Father's Son" geschrieben. Der Refrain kam wie von selbst.

prisma: Wie war denn Ihre Beziehung zu Ihren Eltern, als Sie versuchten, in der Musikwelt Fuß zu fassen?

Lauper: Ich selbst habe nie versucht, in die Fußstapfen von irgendwem zu treten – weder die meines Vaters noch die meiner Mutter. Ich fühlte mich irgendwie dazu gezwungen, mein eigenes Ding zu machen. Denn zu Hause lief es nicht besonders gut. Meine Mutter warnte mich sogar: "Sei nicht wie ich, stell' etwas mit deinem Leben an!" Bei dem Lied "Not My Father's Son" wurde ich aber auch dadurch inspiriert, dass ich meinen Sohn neben meinem Ehemann habe aufwachsen sehen. Mein Mann ist unglaublich geduldig gewesen im Umgang mit ihm, er nahm ihn oft mit zum Hockey. Irgendwann fing mein Sohn an, Hockey zu spielen, und ich glaube, er wollte seinen Vater beeindrucken. Besonders Männer wollen in die Fußstapfen ihrer Väter treten. Aber das können sie gar nicht, denn jeder Mensch geht seinen eigenen Weg im Leben.

prisma: Ihr Sohn ist heute allerdings auch umtriebig in der Musik.

Lauper: Ja, aber er macht HipHop. Er geht seinen eigenen Weg.

prisma: Wenn Sie nun auf Ihre eigene Karriere zurückblicken: Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Lauper: Ich habe nie Musik gemacht, die austauschbar ist. Ich habe Musik gemacht, die etwas bedeutet. Ich wollte immer, dass meine Lieder jemandem helfen – entweder durch den Humor, den ich damit rüberbringe, oder durch echte Inhalte. Sam Cookes "A Change Is Gonna Come" war für mich immer ein Orientierungspunkt.

prisma: Sie sollen eine schlechte Schülerin gewesen sein. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht bei der Musik gelandet wären?

Lauper: Vermutlich eine Malerin! Aber ich habe mit dem Malen aufgehört. Eine Weile habe ich auch Regie für meine Videos geführt. Aber damit habe ich auch Schluss gemacht, nachdem mir meine Arbeit am Clip zu "Into The Nightlife" nicht sonderlich gefiel.

prisma: Gab es sonst Dinge in Ihrer Karriere, die Sie rückblickend bedauern?

Lauper: Ich muss zugegeben, dass es oftmals gut für mich gewesen wäre, auch mal still zu sein. Denn manchmal ist es besser, die Leute selbst herausfinden zu lassen, was für eine Person du bist. Aber es gibt nun mal kein Handbuch, das einen lehrt, wie man berühmt ist. Es ist eine Achterbahnfahrt, mit allen Tiefen und Höhen.

prisma: Als Sie und Lady Gaga einmal im Weißen Haus vor dem ehemaligen US-Präsidenten Obama sangen, soll er zu Ihnen gesagt haben, er wüsste, wer das Original von Ihnen beiden ist.

Lauper: Aber wir sind ja alle von irgendwem inspiriert. Ich sehe Gaga als eine Mischung aus mir, Madonna, Annie Lennox, Boy George und Marilyn Manson. Mir gefällt, dass sie keine Kompromisse eingeht und sich von niemandem reinreden lässt. Als Künstler ist unser Job das Kreieren und nicht etwa, Kritik an uns ranzulassen.

prisma: Sehen Sie sich in Lady Gaga gespiegelt?

Lauper: Wir beide sind Performance-Künstlerin, sie stammt aus New Jersey, ich aus New York, das ist nur einen Steinwurf entfernt. Aber sie ist eher eine Skulptur, und ich bin ein Gemälde. Ich habe mich nie aus dem Grund angemalt, damit ich von den Leuten Aufmerksamkeit bekomme, sondern weil ich mich mit Make-up lebendig fühlte. Ich wollte immer ein bisschen aussehen wie eine Tulpe.

prisma: "Komm, steh auf, sei du und steh' dazu. Feier dich selbst, mach 'nen großen Schuh!", heißt es beim großen Finale von "Kinky Boots". Haben Sie unter Umständen einen Schuhtick?

Lauper: Machen Sie Witze? Natürlich! Für das Musical habe ich den Song "The Sex Is In The Heel" geschrieben. Ich saß damals in einer Tapas-Bar, als mir der Titel einfiel. Stilettos können schon ein Fetisch sein. Ich sage immer: Es gibt Katholizismus, Marxismus, Sexismus, und es gibt Stilettoismus (lacht).


Quelle: teleschau – der Mediendienst