Man nennt ihn das Gesicht des deutschen Mumblecore. Aber eigentlich heißt er Peter Trabner. Ein Gespräch über Improvisation, unkonventionelle Typen und Lehrerinnen mit Menschenkenntnis.

Über viele Jahre arbeitete der 1969 im niedersächsischen Bückeburg geborene Peter Trabner fast ausschließlich auf der Bühne, die manchmal auch die Straße war. Doch seit er im Jahr 2011 in "Papa Gold" von Tom Lass die Hauptrolle übernahm, ist der gelernte Mechaniker zu einem der wichtigsten Gesichter des deutschen Independentfilms geworden. In "Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille" (Start: 10. August), der auf dem Filmfest München Premiere feierte, spielt er nun den Unglücksraben Mike, der seinen Job verloren hat, auf dem Campingplatz wohnt und das Ende seiner Ehe auch nach neun Jahren "Beziehungspause" nicht wahrhaben will.

prisma: In Filmen wie "Dicke Mädchen", "Familienfieber" oder "Alki Alki" haben Sie viele Zuschauer zum Lachen gebracht. Worüber lachen Sie eigentlich?

Peter Trabner: Als ich "Lucky Loser" sah, musste ich einige Male richtig lachen. Es gibt in Schillers Theaterstück "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" den Satz: "Der Spaß verliert den Spaß, wenn der Spaßmacher selber lacht." Das trifft es. Schon meine Grundschullehrerin hat in den Elternbriefen über mich geschrieben, ich sei der klassische Klassenclown. Sie schrieb in der zweiten Klasse: Peter wird entweder Schauspieler oder Clown. Und sie hatte Recht!

prisma: Was braucht die Komik, welche Faktoren?

Trabner: Etwas trotzdem machen! Das finde ich lustig. Gegen alle Konventionen. Das macht man nicht, aber der Typ macht das trotzdem.

prisma: Ist Ihr Mike in "Lucky Loser" auch so ein Typ?

Trabner: Er ist ein kleiner Wortklauber und Goldwäger, der genau hinhört ...

prisma: Nur nicht, als seine von Annette Frier gespielte Frau Claudia vor neun Jahren die Beziehung beendete?

Trabner: Sie hat nix von Beziehungsende gesagt. Sie sagte Beziehungspause! Das ist ein Unterschied. Und eine Pause hat, in dem Fall, etwas mit Hoffnung zu tun. Er lässt sich, weit nach der "Trennung", ein Herz mit dem Namen seiner Ex-Frau in die Brust stechen, obwohl seit neun Jahren Schluss ist. Das ist vielleicht ballaballa, aber eben auch kräftig, wenn jemand so etwas tut. Das habe ich mir als Spieler für Mike gewünscht.

prisma: Im Gegensatz zu den Improvisationsfilmen "Silvi" und "Familienfieber", die Sie zuvor mit Regisseur Nico Sommer realisierten, drehten Sie diesmal nach Buch.

Trabner: Wir haben so gearbeitet, dass ich zu 85 Prozent dem Drehbuch folgte und zu 15 Prozent frei improvisieren konnte. Dadurch entstand wieder eine Form von Freiheit. Ein Drehbuch hat viele Vorteile und im Umkehrschluss hat die Improvisation ihre Grenzen. Bei einem reinen Improvisationsfilm bist du viel mehr dein eigener, innerer Dramaturg. Das ist ein großer Vorteil, weil du als Spieler die Figur selbstständiger ausloten kannst. Viel mehr als beim Film auf Drehbuchbasis.

prisma: Schätzen Sie gerade diesen inneren Dramaturgen?

Trabner: Der ist gleichzeitig auch der innere Zensor. Und so ein Zensor kann einem auch auf den Keks gehen. Wenn du dich als Schauspieler aber gut mit deinem Zensor verstehst, dann kann er auch zu einem guten inneren Ratgeber werden. Wie weit erlaubt er dir, bis zur nächsten Insel raus zu schwimmen, ohne unterzugehen oder zu scheitern? Das ist beispielsweise einer der ganz wesentlichen Punkte bei meinem Improvisationstraining, das ich an Schauspielschulen leite: "Versteh dich gut mit deinem Zensor und er wird gut zu dir sein und auf dich aufpassen."

prisma: Hauptschauplatz von "Lucky Loser" ist ein realer Campingplatz. War das Filmteam in diesen Mikro-Kosmos integriert?

Trabner: Wir waren zwei Wochen dort, unter den Campern. Es gab auch eine Veranda, da konnten uns die Urlauber beim Drehen zuschauen. Für mich sind "Zuschauer" beim Drehen bestimmter Szenen manchmal eine große Hilfe, gerade bei komischen. Bei ruhigen, intimen, ganz nah- und zwischenmenschlichen Szenen ist das natürlich nicht so.

prisma: Wobei helfen solche Zaungäste?

Trabner: Ich komme vom Straßentheater, bin viel herumgereist. Australien, Kanada, Spanien, Portugal, Frankreich und ganz viel durch Deutschland. Viele Festivals und Veranstaltungen aller Art. Beim Straßentheater merkst du im Moment, ob etwas funktioniert. Über das Straßentheater habe ich gelernt, welche Energie ich brauche, um zum Ziel zu kommen. Die Straße ist nicht mit der Bühne zu vergleichen – und schon gar nicht mit Film. Aber die Energie ist ähnlich.

prisma: Bei "Lucky Loser" wird auch mit Klischees und Grenzüberschreitungen gespielt. Wie haben Sie sich diesen Grenzen genähert, um zu wissen, wo Sie drüber hinausgehen wollen und wie weit?

Trabner: Es gab das Buch, Diskussionen darüber, ein Treffen aller Darsteller und so entstanden im Dialog Szenen, die andere Szenen relativieren. Grenzen werden meist durch gute Vorarbeit ausgelotet und man bekommt mit der Zeit ein besseres Gefühl dafür.

prisma: Als ein Nazi den dunkelhäutigen Freund von Mikes Tochter bedroht, wird der Verlierer auf seine Art ein bisschen zum Helden. Auch eine Szene, die Ihnen nahe ging?

Trabner: Ja, Otto, der Freund von Mikes Tochter, wird in dem Fall zum "Stellvertreter" für jemanden aus der Dritten Welt oder jemanden, der zugewandert ist. Ich beschäftige mich gerade mit einem Artikel, der heißt "60 Sklaven". Darin geht es um die Menschen, die unser Leben ermöglichen. Zwei Leute, die die Bohnen für meinen Kaffee pflücken, drei, die mein Hemd nähen. Kinder, die nicht zur Schule gehen und Mandeln für mich sammeln. Irgendwann kommt jemand auf der anderen Seite der Erde auf die Idee, mal nachzusehen für wen er da eigentlich pflückt, näht, färbt, erntet oder irgend welche Bauteile zusammen steckt.

prisma: Es gibt als Schauspieler immer wieder Figuren, mit denen man gerne weiter machen würde. Würden Sie gerne mit Mike weiterarbeiten?

Trabner: Ich fände das als Serie interessant. Ich würde ihn gerne bei einer Dame vom Arbeitsamt sehen, die ihm Jobs vorsetzt, wie er mit verschiedensten Chefs konfrontiert wird, mit denen er sich auseinandersetzen muss. Oder wie es wäre, wenn er mit seiner Claudia wieder zusammenkommt? Wie er dort mit nix einzieht? Das ist alles denkbar. Mike ist eine tolle Figur, mit seiner Sicht auf die Dinge. Er glaubt an das Gute, damit möchte ich gerne weiter machen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst