Warum mussten zwei Journalisten sterben? Die im Untertitel der "Story im Ersten: Schweig. Oder Stirb." formulierte Frage zielt auf keinen gewöhnlichen Kriminalfall. Vielmehr schwingt in der Dokumentation von Lena Kampf, Jan Schmitt und Andreas Spinrath nichts Geringeres als die Sorge um die Zukunft der europäischen Demokratien mit.

Wie groß ist die Bedrohung für die Pressefreiheit, wenn kritische Journalisten, die politische Missstände offenlegen und über verbrecherische Verstrickungen auf höchster Ebene berichten, in einem EU-Land einfach so ermordet werden können? So wie Daphne Caruana Galizia, die im Oktober 2017 auf Malta von einer Autobombe getötet wird. So wie Jan Kuciak, den man gemeinsam mit seiner Freundin im Februar 2018 in der Slowakei brutal hinrichtet. Der Film sucht nach Antworten.

Caruana Galizia stach in jede Wunde des maltesischen Establishments. Die mutige Journalistin forschte schonungslos nach, wenn Politiker und Wirtschaftsbosse glaubten, sich unbehelligt der Korruption hingeben zu können. Ihr Blog, der heute wieder online steht, war bei der Elite gefürchtet. Musste Sie deshalb sterben – genau wie Jan Kuciak, der als junger investigativer Journalist gerade am Anfang seiner Karriere stand?

"Die Frage war der Startpunkt für die Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung und internationalen Kollegen", sagt Autor und Journalist Andreas Spinrath. "Wir sind ihr nachgegangen, weil wir wissen wollten, was eigentlich in einem Europa los ist, in dem zwei Journalisten umgebracht werden. Fälle, in denen man nicht weiß, wer die Mörder und was die Motive sind. Wir wollten wissen, ob es Parallelen zwischen den beiden Ländern gibt. Ob es etwas gibt, das sich in Europa verändert hat."

Die Recherchen, so Spinrath, ergaben: "Sowohl in der Slowakei als auch in Malta existiert eine fragwürdige Vermischung von Interessengruppen. Das haben Jan Kuciak und Daphne Caruana Galizia immer wieder thematisiert. Caruana Galizia hat über Jahrzehnte die Verfehlungen von Politikern angeprangert. Kuciak die Korruption und Verbindungen in die Schattenwelt. Wenn ein Staat nicht so funktioniert, wie es funktionieren sollte, ist die Gefahr groß, dass bestimmte Gruppen davon ausgehen, nicht wirklich verfolgt zu werden."

Auf Malta sei ihm "immer klar gewesen, dass wir in einem Land sind, in dem eine Journalistin umgebracht wurde. Da hat man schon einen Kloß im Hals." Dabei habe sich aber auch eine größere Solidarität zwischen den Kollegen entwickelt, die sich für die Recherchen in den Organisationen "Daphne Project" und "Forbidden Stories" zusammentaten: "Das war sehr bereichernd, weil man merkte, dass es keinem um die eigene Geschichte geht. Das Ziel war es, größtmögliche Öffentlichkeit für die Aufklärung der Morde zu bekommen. Da geht nur dann, wenn wir unsere eigenen Egos zurückstellen."

Spinrath war es auch, der die Familie der Ermordeten kontaktierte: "Es war immer ein enger, intensiver Kontakt, aber keine Kooperation. Wir sind berichtende Journalisten, das war auch der Familie immer klar. Dass es ein Projekt ist, das sich nicht nur mit den Recherchen der Ehefrau und Mutter, sondern auch um Journalismus im Allgemeinen dreht. Die Familie ist aus guten Gründen vorsichtig und gewillt, zu wissen, wer sie umgebracht hat. Wir haben ihnen bei vielen Treffen klar gemacht, dass das auch unser Ziel ist."

"Die Story im Ersten: Schweig. Oder Stirb." ist auch als Warnung zu verstehen. "Als Europäer müssen wir vorsichtig sein", sagt Andreas Spinrath. "Es gibt eine für die Presse zunehmend schwierige Situation. Wenn wir das Problem jetzt nicht anpacken, weiß ich nicht, wohin das noch führt. Die beiden tragischen Fälle haben uns vor Augen geführt, wie es um die Pressefreiheit stehen kann. Als Deutsche sollten wir da ganz genau hinschauen."


Quelle: teleschau – der Mediendienst